MAGDEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Beim 30. Jubiläumstreffen eines Netzwerks Umweltmedizin rückten Risiken durch PFAS und ein möglicher Zusammenhang mit einer schwächeren Antikörperbildung nach Impfungen in den Mittelpunkt. Parallel verschärft der Klimawandel den Druck auf die Wasserversorgung, weil Hitzeperioden und tiefere Grundwasserstände die Anlagen und Grenzwerte stärker fordern. Für die Praxis diskutieren Fachleute sowohl Schwammstadt-Konzepte zur lokalen Regenwassersteuerung als auch Hygienekonzepte, die Wasserqualität und Infektionsschutz absichern. Gleichzeitig treiben EU-Regeln und der Ausbau moderner Wasseraufbereitungstechnik den Umbau von Versorgungssystemen deutlich voran.

PFAS sind längst mehr als ein Spezialthema für Umweltlabore. Beim 30. Jubiläumstreffen des Netzwerks Umweltmedizin der Ärztekammer Nordrhein stand nicht nur die Frage im Raum, wie gut Trinkwasser heute geprüft wird, sondern auch, welche Wirkungen langlebige per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen im menschlichen Körper entfalten können. Besonders bemerkenswert war die fachliche Einordnung, dass Studien eine Korrelation zwischen höherer PFAS-Belastung und einer verringerten Antikörperbildung nach Impfungen nahelegen. Für die Diskussion spielt dabei weniger die einzelne Messzahl eine Rolle als die Richtung der Beobachtung: Wenn sich die Immunantwort über Jahre nicht optimal aufbauen kann, wird die Prävention zur langfristigen Aufgabe – nicht zur jährlichen Routine.
Die gesundheitliche Debatte hängt eng mit der Infrastruktur zusammen. Denn PFAS gelangen nicht nur über Trinkwasser in den Körper, sondern auch über Lebensmittel. Gleichzeitig zeigt das Netzwerk, wie stark Wasserqualität und Infektionsschutz in Betrieben voneinander abhängen. So wurde im Kontext hygienischer Schutzkonzepte auf Empfehlungen des DVGW verwiesen, wonach bei der Übergabe von Wasser an das Hausnetz Temperaturen von maximal 20 Grad Celsius angestrebt werden sollten. Steigt die Temperatur auf etwa 25 Grad Celsius, nimmt das Risiko einer Vermehrung von Legionellen deutlich zu – ein Punkt, der im Alltag der Wasserversorgung schnell zu Zielkonflikten führt: Wer aus Gründen der Anlagenführung höhere Temperaturen einplant, muss den Hygiene- und Monitoring-Plan entsprechend nachziehen.
Damit verschiebt sich auch der Fokus in Richtung kommunaler Anpassungsstrategien. Das Treffen stellte das Schwammstadt-Prinzip als Antwort auf zunehmende Hitzeperioden in den Raum: Regenwasser soll lokal gespeichert und verzögert abgegeben werden, damit Verdunstung zur Kühlung der Umgebung beitragen kann. Genannt wurden dafür klassische Maßnahmen wie Entsiegelung von Flächen, stärkere Begrünung sowie die Anlage von Teichen und Zisternen. Entscheidend ist dabei der zweite Teil der Umsetzungskette: Neben der baulichen Infrastruktur brauchen Kommunen und Betreiber passende Hygienekonzepte, damit die lokal zwischengespeicherte Wassermenge nicht zum neuen Risiko wird.
Auf der stofflichen Ebene spitzt sich der Handlungsdruck zusätzlich durch die PFAS-Regulierung zu. Die EU-Chemikalienagentur soll Ende 2026 eine abschließende Bewertung zur Beschränkung von PFAS vorlegen; währenddessen laufen Erörterungen und Vorbereitungen in vielen Bereichen bereits auf Hochtouren. In der technischen Praxis gilt dabei: Aktivkohle oder Membranen können PFAS zwar aus dem Wasser herausfiltern, sie zerstören die Moleküle jedoch nicht. Genau diese Lücke beschreibt der VDI als Treiber für einen eigenen Markt rund um Technologien, die PFAS tatsächlich zerstören können. Das ist für Betreiber relevant, weil es Auswirkungen auf Betriebskosten, Regenerations- oder Entsorgungsketten sowie auf die Betriebsstabilität über Lastspitzen hat.
Wasserwirtschaft und Aufbereitung geraten zugleich unter klimatischem Druck, der weit über PFAS hinausgeht. Laut dem Bundesumweltministerium meldeten 70 Prozent der öffentlichen Versorger eine angespannte Lage; eine Befragung des Verbandes kommunaler Unternehmen ergab zudem, dass 16 Prozent der Unternehmen bereits mit Engpässen konfrontiert waren. Der DVGW berichtete außerdem von regionalen Auslastungen der Systeme von über 100 Prozent in den Sommermonaten – ein Signal, dass Kapazitätsreserven vielerorts nicht nur knapp, sondern zeitweise faktisch überfordert sind. Für die Einordnung hilft das Beispiel Magdeburg: Die Stadt versorgt rund 740.000 Einwohner, und die Grundwasserstände sind in höheren Lagen seit 1980 um 2,5 Meter gesunken. Klimabedingt wird dort mit einem Anstieg des Jahresbedarfs bei Haushalten um 10 Prozent sowie einer Steigerung des Spitzenbedarfs um 20 Prozent gerechnet.
Aus dieser Lage ergeben sich konkrete Investitionsentscheidungen und Prioritäten für die nächsten Jahre. Die Geschäftsführung in Magdeburg plant Investitionen in Höhe von 83 Millionen Euro aus umgewidmeten Programmmitteln sowie 11,5 Millionen Euro aus Sondervermögen für den Ausbau der Anlagen und ein neues Wasserwerk an der Elbe. Parallel verschiebt sich die technische Ausrichtung der Klär- und Wassertechnik: Neben chemischen Rückständen können akute Verunreinigungen die Systeme ebenso treffen. Im Landkreis Pfaffenhofen wurde etwa vorsorglich ein Abkochgebot erlassen, nachdem coliforme Bakterien und intestinale Enterokokken in Hochbehältern festgestellt wurden. Solche Ereignisse zeigen, dass Risikoanalysen in der Wasserwirtschaft immer mehrere Ebenen abdecken müssen – mikrobiologisch wie stofflich.
Auch niedrige Wasserstände erhöhen die Konzentrationen von Schadstoffen, weil Einleitungen aus Kläranlagen weniger verdünnt werden. Das wurde im Kontext von Warnungen des HLNUG besonders hervorgehoben; außerdem wird deshalb der Ausbau von Kläranlagen um eine vierte Reinigungsstufe diskutiert, etwa durch Ozonung oder Aktivkohlefiltration, um Arzneimittelrückstände und andere Spurenstoffe weiter zu reduzieren. Für Entscheider bedeutet das: Der Umbau betrifft nicht nur einzelne Technologien, sondern die gesamte Kette von Kennzeichnungspflichten über Monitoring und Hygiene bis zur Dimensionierung von Anlagen. Wer in dieser Lage ausschließlich auf kurzfristige Filterlösungen setzt, läuft Gefahr, sich in Entsorgungs- und Betriebsfragen festzusetzen; wer dagegen den Transformationspfad verbindlich plant, schafft Spielräume für strengere EU-Vorgaben und für die nächste Klimasaison.
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