AUGSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Anna Proske macht das Thema Toilettengang öffentlich und baut daraus ein Startup. Ihre Firma Nooq bringt ein Spray auf den Markt, das Toilettengerüche nach eigenen Angaben auf eine spezielle Weise verhindern soll. Der entscheidende Schritt beginnt nicht im Labor, sondern in der Kommunikation: Proske benennt den Prozess bewusst mit klaren Worten. So verwandelt sie ein gesellschaftliches Tabu in ein Produkt- und Markenversprechen, das deutlich mehr Reichweite findet als nur im Freundeskreis.

Nooq aus Augsburg: Wie ein Toiletten-Geruchs-Spray aus einem Tabu ein Startup macht
Nooq aus Augsburg: Wie ein Toiletten-Geruchs-Spray aus einem Tabu ein Startup macht (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer das Thema Toilettengang lange als „nicht so wichtig“ oder „besser nicht ansprechen“ behandelt hat, merkt irgendwann, wie zäh diese Tabus sitzen. Genau an diesem Punkt setzt Anna Proske an: Die Augsburgerin beschreibt den Alltag rund um den Gang zur Toilette nicht als Randnotiz, sondern als Teil normaler Körper- und Hygieneroutinen. Ihr Start-up Nooq versucht dabei nicht, den menschlichen Prozess zu verschönern, sondern ihn praktisch handhabbar zu machen – mit einem Spray, das Toilettengerüche auf eine besondere Art reduzieren beziehungsweise verhindern soll. Damit verschiebt Proske den Fokus: weg von Scham und hin zu einem konkreten Nutzen, den man im Alltag tatsächlich spürt.

Technisch ist das Produkt dabei auf einen sehr klaren Anwendungsfall ausgerichtet: Gerüche entstehen nicht im abstrakten Raum, sondern durch flüchtige Bestandteile in der direkten Umgebung. Ein Geruchsspray zielt folglich darauf ab, die Wahrnehmung dieser Stoffe zu beeinflussen – sei es über das Binden oder Verdrängen geruchsaktiver Komponenten oder über eine Form der Neutralisierung, die den Geruchseindruck reduziert. Für die Nutzerseite zählt in solchen Fällen weniger die chemische Theorie als die Alltagstauglichkeit: Wann wird das Spray eingesetzt, wie schnell wirkt es, und wie verlässlich fühlt es sich im Badezimmer an? Dass Proske gerade diesen Moment adressiert, wird auch daran deutlich, dass sie das „Tabu“ nicht als kulturelles Problem allein betrachtet, sondern als Auslöser für einen ganz praktischen Bedarf.

Der eigentliche Markthebel liegt aber in Proskes Kommunikationsstrategie. Sie beschreibt, dass sie das Wort „Kacken“ inzwischen ohne Zögern benutzt – in Gesprächen, in Videos und auch auf LinkedIn. Entscheidend ist dabei, dass sie den Zweifel am Anfang benennt: Kann ich das wirklich so schreiben? Dieser Schritt, einen als „zu direkt“ geltenden Begriff öffentlich zu machen, wirkt im Startup-Alltag wie ein doppelter Prototyp. Zum einen testet sie, ob Menschen bereit sind, über das Thema zu sprechen. Zum anderen prüft sie, ob sich daraus eine Marke ableiten lässt, die nicht wie ein klassischer Hygieneanbieter wirkt, der Probleme hinter höflichen Formulierungen versteckt.

Als Proske vor einigen Wochen einen Beitrag veröffentlichte, der ihren Aufbau umschreibt – „Ich bin 33 und baue ein Start-up rund ums Kacken“ – erreichte dieser laut ihrer Darstellung deutlich mehr Menschen als nur ihr persönliches Netzwerk. Das ist für die Produktentwicklung insofern relevant, als es zeigt, dass die Nachfrage nicht nur „praktisch“ ist, sondern auch kommunikativ ausgelöst wird: Viele suchen offenbar Lösungen, wollen aber vorher nicht darüber sprechen. Wenn ein Unternehmen diesen Einstieg öffnet, kann es Vertrauen gewinnen, weil die Zielgruppe merkt, dass keine künstliche Distanz aufgebaut wird. In anderen Worten: Das Startup liefert nicht nur ein Spray, sondern einen Gesprächsrahmen, in dem Nutzer ihr Problem überhaupt erst benennen können.

Historisch betrachtet sind Hygiene- und Körperpflegeprodukte immer schon mit Sprache und Vermeidung verknüpft. Während klassische Marketingbotschaften oft mit neutralen Begriffen arbeiten („Geruchsschutz“, „Frische“, „Hygiene“), entsteht hier eine Gegenbewegung: Proske benennt den Kern des Problems direkt. Damit nutzt sie eine Dynamik, die auch bei anderen „unangenehmen“ Alltagsthemen funktioniert: Je konkreter der Nutzen erklärt wird und je weniger Beschönigung stattfindet, desto schneller können Zielgruppen entscheiden, ob das Angebot zu ihrem Alltag passt. Für den Markt heißt das: Nooq konkurriert nicht nur um Aufmerksamkeit im Regal, sondern auch um den richtigen Ton in den Köpfen – und genau dort kann eine ungewöhnlich offene Positionierung den Unterschied machen.

Für Gründerinnen und Gründer lässt sich aus dem Fall ein breiterer Lernpunkt ableiten: Produktideen entstehen nicht ausschließlich aus technischen Lücken, sondern auch aus beobachteten Verhaltensmustern. Wenn ein Tabu dazu führt, dass Menschen ihre Bedürfnisse nicht formulieren, dann entsteht eine Informations- und Servicelücke, die sich später in verkaufsfähigen Anforderungen übersetzt. Nooq zeigt zudem, dass es nicht zwingend einen „großen“ technischen Sprung braucht, um ein Startup zu starten – häufig reicht es, die richtige Kombination aus Alltagsproblem, verständlicher Anwendung und mutiger, konsistenter Kommunikation zu treffen. Selbst wenn es im Kern kein KI-Projekt ist, kann der Aufbau einer Marke mit klarer Botschaft dennoch von Daten aus dem Nutzerfeedback profitieren – die erste Regel lautet dennoch: erst das Problem greifbar machen, dann skalieren.

Wie sich so ein Konzept langfristig behauptet, hängt vor allem von drei Faktoren ab: Stabilität der Produktwirkung, Wiederholbarkeit im Alltag und Markenvertrauen. Ein Geruchsreduktionsprodukt wird nur dann zur Gewohnheit, wenn es die Erwartungen im Badezimmer zuverlässig erfüllt. Gleichzeitig muss das Unternehmen die Sprache, die Proske vorgibt, konsistent halten, ohne dabei neue Zielgruppen unnötig abzuschrecken. Und schließlich spielt der Vertrieb eine Rolle: Ein Spray ist ein relativ leicht erklärbares Produkt, aber die Kaufentscheidung entsteht oft im Kontext – etwa, wenn man schon unglücklich mit Gerüchen konfrontiert war. Nooq sitzt damit an einem gut erklärbaren Use Case, der sich über genaue Anwendung und ehrliche Kommunikation weiter schärfen lässt.


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