GHENT / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Legal-Tech-Startup Falcon hat 1,5 Millionen Euro Pre-Seed eingesammelt und will damit Europas erstes KI-natives Kanzleimodell aufbauen. Der Ansatz setzt auf einen 45-minütigen Intake, der in ein unternehmensspezifisches „Playbook“ mündet, gegen das KI-Verträge prüft. Eine qualifizierte, namentlich benannte Anwältin oder ein Anwalt signiert anschließend jede Überarbeitung und Freigabe am selben Tag. Bezahlt wird als monatliches Mitgliedschaftsmodell statt nach Stunden.

Falcon sammelt 1,5 Mio. Euro: KI-native Rechtsberatung mit Flat-Fee
Falcon sammelt 1,5 Mio. Euro: KI-native Rechtsberatung mit Flat-Fee (Foto: IT BOLTWISE)
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Falcon positioniert sich im europäischen Legal-Tech-Markt mit einem Ziel, das in der Praxis ziemlich konkret klingt: die „billable hour“ so weit wie möglich aus dem Alltag von Vertragsverhandlungen herauszuziehen. Das Startup aus Ghent hat dafür eine Pre-Seed-Finanzierung über 1,5 Millionen Euro angekündigt. Laut den Angaben des Unternehmens arbeitet Falcon an einem Modell, das Geschwindigkeit und Planbarkeit in den Vordergrund stellt, ohne die rechtliche Verantwortung vollständig zu delegieren. Der Grundgedanke: KI soll nicht nur helfen, sondern den Prozess der ersten Prüfung und das Verständnis von Vertragsrisiken so weit wie möglich standardisieren – während am Ende eine qualifizierte juristische Instanz das Ergebnis prüft und freigibt.

Technisch und prozessual startet Falcon mit einem Aufbau eines „playbook“-basierten Regelwerks je Mandant. Ein 45-minütiges Intake-Gespräch soll zunächst klären, wie das Unternehmen arbeitet und welchen Risikoappetit es im Vertragskontext hat. Diese Vorgaben werden dann zu einer Art interner Leitplanken verdichtet, die später jede KI-gestützte Überprüfung gegen den Mandantenkontext anlegen. Danach läuft der Workflow bewusst schlank: Der Kunde lädt einen Vertrag in eine Chat-Umgebung wie Slack oder Microsoft Teams hoch, die KI prüft den Inhalt anhand des jeweiligen Playbooks und erstellt eine Zusammenfassung in einfacher Sprache. Dabei sollen Risiken markiert und konkrete Redlines vorgeschlagen werden, die zudem nachvollziehbar begründet sind – nicht als generische Checkliste, sondern als auf den Mandanten zugeschnittene Abweichungen.

Entscheidend ist, wie Falcon das Thema Verantwortung in der letzten Meile löst. Anders als reine „Co-Pilot“-Ansätze, die vor allem den Schreibfluss beschleunigen, beschreibt das Startup seinen Dienst als „Autopilot“, der die Arbeit in Teilen vom Schreibtisch des Kunden abziehen soll. Gleichzeitig bleibt die juristische Sign-off-Schicht erhalten: Eine namentlich benannte, qualifizierte Anwältin oder ein Anwalt prüft die vorgeschlagenen Änderungen und signiert sie frei, bevor das Ergebnis am selben Tag zurückgeht. Die anfängliche Fokussierung liegt dabei auf der Kategorie mit hoher Wiederholrate und hoher Reibung: kommerzielle Verträge wie NDAs, DPAs, MSAs sowie Kunden- und Lieferantenvereinbarungen. Damit adressiert Falcon einen Bereich, in dem Unternehmen zwar häufig juristische Vorlagen benötigen, aber oft nicht die Frequenz haben, die eine eigene Rechtsabteilung oder ein vollständig internes Legal-Team dauerhaft effizient auslastet.

Auch die Preislogik ist Teil des Produkts. Falcon setzt laut den Angaben auf ein Flat-Fee-Mitgliedschaftsmodell statt stundenbasierter Abrechnung. Drei veröffentlichte Pläne starten bei 1.000 Euro pro Monat für bis zu sechs Reviews und steigen bis zu 5.000 Euro pro Monat für Teams mit hohem Durchsatz; Überziehungen oder Overage-Gebühren sollen dabei nicht anfallen. Das ist weniger ein Marketingversprechen als eine betriebswirtschaftliche Entscheidung: Wenn Vertragsarbeit planbar wird, lassen sich Legal-Prozesse in der Budgetierung anders einhegen. Falcon stellt die eigene Kalkulation zudem in einen Vergleichsrahmen zu zwei gängigen Alternativen: Inhouse-Kapazität mit typischen Gesamtkosten von 100.000 Euro pro Jahr und „fractional counsel“ mit schnell erreichbaren Kosten von 5.000 Euro pro Monat. Für Startups und kleinere Mittelständler, die in der Regel eher auf zyklische Vertragswellen treffen, kann diese Umstellung den Unterschied machen, ob Verträge als Engpass oder als Routineprozess behandelt werden.

Im Hintergrund steht eine Gründungsgeschichte, die erklärt, warum Falcon gerade jetzt auf diesen Ansatz setzt. Die vier Gründer – Quinten Vandermeulen, David Nguyen, Amaury Gérard und Rémy Bonnaffé – berichten, dass sie bei ihrem früheren Projekt Mbrella eine ähnliche Schmerzlinie über mehrere Jahre selbst erlebt haben. Als Mbrella wuchs und größere Verträge vermehrt den Weg in komplexere Verhandlungen fanden, wurde die Erstellung und Bearbeitung der notwendigen Unterlagen laut Beschreibung zunehmend zeit- und nervenintensiv. Am Ende sei der Gedanke entstanden, dass ein reines „Von innen heraus“ durch die traditionelle Profession allein nicht zwangsläufig die strukturellen Anreize auflösen kann, die an der Abrechnung nach Stunden hängen. Diese Perspektive wird auch durch die geplante Rollenverteilung gestützt: Mit Wim Dejonghe als founding advisor kommt laut Angaben eine Person hinzu, die zuvor global als Senior Partner bei Allen & Overy tätig war, bevor das Unternehmen entsprechend umbenannt bzw. weiterentwickelt wurde; zudem wird Rémy Bonnaffé als Chief Legal Officer in der Rolle eines juristischen Co-Designers positioniert.

Im Markt stellt Falcon die Zahlungsbereitschaft nicht nur theoretisch auf die Probe, sondern verweist auf einen konkreten Kunden: Loop Earplugs, einer der schnell wachsenden Konsumgüteranbieter aus Belgien, soll vom frühen Test in einen zahlenden Vertrag gewechselt sein. Gleichzeitig nennt Falcon als Ziel eine jährliche wiederkehrende Umsatzgröße von 1 Million Euro innerhalb des ersten Jahres. Die Argumentation dazu stützt sich auf eine Marktannahme, die zwischen Angebot und Nachfrage trennt: Es gehe nicht lediglich um „unterversorgt“, sondern um ein Segment, das traditionell faktisch nicht bedient wird – vor allem kleine und mittlere Unternehmen sowie Startups, die die stundenbasierte Logik vieler Kanzleien oft nicht effizient einbauen können. Als groben Größenrahmen führt Falcon 49 Milliarden Euro pro Jahr für den neu erreichbaren Markt an, abgeleitet aus Eurostat-Daten sowie Unternehmensdaten aus dem Vereinigten Königreich; zudem wird die Zahl der großen europäischen Unternehmen mit rund 50.000 beziffert, während es bei den adressierten KMU und Startups deutlich über 32 Millionen Einheiten geben soll.

Für Unternehmen und Entwicklerteams, die solche Modelle beobachten oder selbst rechtlich-technische Prozesse digitalisieren wollen, ist vor allem die Kombination aus Workflow-Design und Verantwortungsstruktur interessant. Die Pipeline beginnt nicht beim Dokument-Endpunkt, sondern beim Kontext: Playbook statt generischer Musterlogik. Das kann in der Praxis die Anzahl unnötiger Rückfragen senken, weil die KI die Präferenzen des Mandanten als Vergleichsmaßstab nutzt. Gleichzeitig bleibt die finale juristische Prüfung bewusst im menschlichen Takt: Der gleiche Tag setzt auf kurze Entscheidungswege, ohne die Signierung zu „automatisieren“. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob KI-native Legal Services im Alltag als echte Entlastung wahrgenommen werden – oder ob sie nur eine weitere Zwischenstufe erzeugen. Falcon will das offenbar vermeiden und damit ein Modell etablieren, das eher nach „Produktunternehmen“ statt nach klassischer Kanzlei arbeitet.


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