LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Auswertung ordnet einem Teil der weltweiten Neuerkrankungen 2024 einen Zusammenhang mit fünf häufigen Infektionen zu. Die Studie beziffert insgesamt 2,3 Millionen neue Krebsfälle, die sich auf Infektionskrankheiten zurückführen lassen. Besonders relevant sind dabei Helicobacter pylori, HPV sowie Hepatitis B und C. Für Betroffene und Gesundheitssysteme rücken damit Impfungen, Screening und rechtzeitige Behandlung stärker in den Fokus.

Welche Infektionen Krebsrisiken treiben: Studie nennt 2,3 Mio. Fälle
Welche Infektionen Krebsrisiken treiben: Studie nennt 2,3 Mio. Fälle (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Vorstellung, Krebs treffe Menschen „zufällig“, bleibt zwar als biologisches Risiko korrekt, aber die neue Auswertung lenkt den Blick auf etwas anderes: auf Infektionen, die zwar weit verbreitet sind, aber einen messbaren Anteil an Krebsneuerkrankungen mit beeinflussen. Für das Jahr 2024 nennt die Studie, die in Lancet Oncology veröffentlicht wurde, eine Zahl von 2,3 Millionen neuen Krebsfällen weltweit. Das entspricht laut den Angaben in der Studie rund 12% aller Neuerkrankungen in diesem Zeitraum. Wichtig ist dabei nicht die Dramatisierung einzelner Diagnosen, sondern die Struktur des Zusammenhangs: Infektionen wirken häufig über chronische Entzündung, Immunumgehung oder die Umwandlung von Gewebe über Jahre hinweg, bis daraus bösartige Veränderungen entstehen.

Die Autoren ordnen die insgesamt 12% nicht als „Ursache in jedem Einzelfall“, sondern als auf Bevölkerungsebene zurechenbaren Anteil ein. Genau deshalb ist der klinische Nutzen für Entscheider so greifbar: Wenn ein relevanter Teil des Krebsrisikos auf wenige, standardmäßig präventierbare Infektionen entfällt, lassen sich Präventionsprogramme priorisieren. Die Studie nennt dafür konkrete Maßnahmen entlang des Infektionsweges – also Impfen, Diagnostik, Behandlung, saubere Injektionen sowie passende Sexualpraktiken. Damit verschiebt sich die Debatte von abstrakten „Risikofaktoren“ hin zu umsetzbaren Hebeln, die sich in Public-Health-Prozesse und in klinische Routinen integrieren lassen.

Den größten Posten innerhalb der fünf Infektionen macht Helicobacter pylori aus: Für 2024 nennt die Studie etwa 760.000 Fälle, also 4% aller Neuerkrankungen, die auf diese Mageninfektion zurückführbar sein sollen. Der Erreger wird unter anderem über Kontakt mit Speichel, Erbrochenem oder Stuhl übertragen, aber auch über kontaminierte Oberflächen sowie über Lebensmittel und Wasser. Auffällig ist, dass viele Infektionen zunächst ohne klare Symptome bleiben. Bei chronischer Schädigung der Magenschleimhaut und langfristiger Entzündungsreaktion können bakterielle Toxine und der Umbau des Gewebes schließlich das Risiko für Magenkrebs erhöhen. Präventiv bleibt hier die Kombination aus Händehygiene, hygienisch zubereitetem und gekochtem Essen sowie der konsequenten Durchführung verordneter Antibiotikatherapien, falls eine Infektion im Haushalt auftritt.

Beim Thema Viren zeigt die Studie, wie stark Impf- und Screening-Logik zusammenspielen. Das Human-Papillomvirus (HPV) wird mit rund 750.000 neuen Krebsfällen (weltweit) in Verbindung gebracht; fast alle Zervixkarzinome sollen darauf zurückgehen, außerdem betreffen die Folgen auch Krebsarten im Rachen, im Anal-, Vulva-, Penis- und Vaginalbereich. Die Übertragung erfolgt häufig sexuell oder über engen Haut-zu-Haut-Kontakt. Zwar ist HPV sehr verbreitet und kann Warzen verursachen, entscheidend ist jedoch der „Zeitpunkt“: Der Text hebt eine wirksame Impfung hervor, die etwa 90% der HPV-bedingten Krebsfälle abdecken kann, wenn sie rechtzeitig verabreicht wird. Ergänzend zur Impfung werden sichere Sexualpraktiken sowie regelmäßige gynäkologische Untersuchungen als wichtige zweite Säule genannt.

Zwei weitere Punkte verdeutlichen, dass Prävention nicht nur beim „Start“ einer Infektion ansetzt, sondern auch bei deren Verlauf. Für Hepatitis B beziffert die Studie etwa 360.000 neue Krebsfälle (2% aller Neuerkrankungen). Viele Infektionen verlaufen zunächst akut, doch wenn sie länger als sechs Monate persistieren, kann daraus eine chronische Hepatitis entstehen – mit erhöhtem Risiko für Leberkrebs, Leberversagen und Leberverhärtung (Zirrhose). Auch hier spielt Impfung eine zentrale Rolle; genannt wird eine Empfehlung für Säuglinge, nicht geimpfte Kinder sowie für Erwachsene im Alter von 19 bis 59 und ältere Personen mit erhöhtem Risiko. Zusätzlich reduzieren Kondome das Übertragungsrisiko. Bei Hepatitis C werden etwa 160.000 Fälle genannt (weniger als 1%), wobei es keine Impfung gibt: Stattdessen ist die antivirale Therapie der entscheidende Hebel, während die Übertragung über infiziertes Blut stattfindet – häufig bei gemeinsam genutzten Injektionsutensilien. Präventiv nennt die Studie sichere Sexualpraktiken, die Prüfung von Piercing- und Tattoo-Anbietern sowie das Stoppen illegaler Injektionen.

Auch das Epstein-Barr-Virus (EBV) fällt in die Liste und zeigt eine weitere Facette: Viele Menschen haben den Erreger irgendwann im Leben, trotzdem ist das Risiko für bestimmte Krebsarten nicht null. Die Studie nennt etwa 260.000 krebsbezogene Fälle (1% aller Neuerkrankungen) im Jahr 2024. EBV ist zudem der Hauptauslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers („mono“ bzw. „kissing disease“). Häufige Symptome wie Müdigkeit, Fieber, Halsschmerzen und geschwollene Lymphknoten wirken zunächst wie andere Infekte. Dennoch kann eine EBV-Infektion das Risiko für Krebsarten im oberen Rachen erhöhen; außerdem wird EBV mit bestimmten Formen von Lymphomen und Magenkrebs in Verbindung gebracht. Da sich das Virus vor allem über Körperflüssigkeiten, insbesondere Speichel, überträgt, lautet die praktische Konsequenz: enge Kontaktmuster reduzieren, also etwa nicht „teilen“ bei Getränken, Essensutensilien oder persönlichen Gegenständen wie Zahnbürsten.

Für die Umsetzung ergeben sich daraus mehrere strategische Schlussfolgerungen. Erstens werden Programme zur Impfstoff-Compliance und zu Follow-up-Terminen relevanter, weil der größte Nutzen aus rechtzeitiger Verabreichung entsteht – besonders bei HPV und Hepatitis B. Zweitens lohnt sich der Fokus auf Diagnostik und frühe Therapie: H. pylori-Therapie nach Verordnung, virale Behandlung bei Hepatitis C und regelmäßige Screenings dort, wo sie in Leitlinien vorgesehen sind, können langfristige Krankheitsverläufe abflachen. Drittens sind Hygiene- und Sicherheitsstandards nicht „Nebenkriegsschauplätze“: Saubere Injektionen, sichere Piercing- und Tattoo-Prozesse sowie Sexualaufklärung bilden zusammen mit Impfungen ein Präventionspaket. Für Gesundheitssysteme bedeutet das weniger Zufall in der Risikoreduktion, für medizinische Teams mehr klare Prioritäten. Selbst wenn KI künftig bei der Früherkennung und Risikostratifizierung helfen kann, zeigt diese Studie vor allem, dass bewährte Präventionsmaßnahmen weiterhin den größten Hebel darstellen – und dass sich Millionen von Fällen nicht nur durch Therapie, sondern durch konsequente Infektionskontrolle beeinflussen lassen.


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