TUTZING / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Durchsuchungen an Standorten in Tutzing und München gerät die Aktie der innoscripta SE unter Druck. Der Kurs erholt sich zwar zeitweise um 9,7 Prozent auf 41,30 Euro, doch die Verunsicherung über mögliche Haftungsfolgen bleibt hoch. Im Raum steht der Verdacht auf Beihilfe zu nicht gerechtfertigten Steuervorteilen bei Forschungszulagen-Anträgen. Das Unternehmen betont, dass der operative Betrieb nach aktuellem Kenntnisstand nicht betroffen sei.

Innoscripta nach Razzia: Kurs springt, doch Haftungsrisiko bleibt im Fokus
Innoscripta nach Razzia: Kurs springt, doch Haftungsrisiko bleibt im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Die innoscripta SE steht nach den Durchsuchungen an den Standorten Tutzing und München am Donnerstag in einem unangenehmen Spannungsfeld aus kurzfristiger Marktreaktion und langfristiger Bewertungslogik. Während das Papier am Freitag zeitweise um 9,7 Prozent auf 41,30 Euro zulegt, ist der eigentliche Treiber der Bewegung weniger ein klassischer Turnaround als die Erwartung, wie weit sich der Verdachtsrahmen auf laufende Mandate und Prozesse ausdehnen könnte. Am Hintergrund liegen zwei Beschlüsse des Amtsgerichts Schwäbisch Gmünd vom 3. August und 15. September 2026; laut dem vorliegenden Kontext geht es dabei um den Verdacht auf Beihilfe zur Erlangung nicht gerechtfertigter Steuervorteile im Umfeld von Forschungszulagen-Anträgen einzelner Kunden.

Technisch und organisatorisch entscheidet sich an genau dieser Stelle, ob das Thema für Anleger eher wie ein abgegrenzter Einzelfall wirkt oder ob es das Herzstück des Geschäftsmodells trifft. Denn innoscripta basiert seine Wertschöpfung wesentlich auf der Bescheinigungsstelle Forschungszulage (BSFZ): Dieses Gremium prüft vorab die technisch-inhaltliche Förderfähigkeit von Projekten, sodass der vertragliche Honoraranspruch für den Dienstleister in nahezu allen Fällen bereits mit Erteilung der BSFZ-Bescheinigung entsteht. Erst danach setzt das jeweilige Finanzamt des Kunden die eigentliche Forschungszulage fest. Kunden bzw. deren Steuerberater prüfen dabei die Daten in der Software eigenständig und reichen den Festsetzungsantrag ein; sollte sich im Zuge der Ermittlungen zeigen, dass Daten systematisch manipuliert wurden, verschiebt sich das Risiko aus dem Bereich „Reputation“ in den Bereich „Haftungskette“ entlang mehrstufiger Bescheinigungs- und Festsetzungsprozesse.

Aus Sicht des Managements liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Vorgänge nach derzeitigem Kenntnisstand keine Geschäftsvorgänge des laufenden Geschäftsjahres 2026 betreffen. Zudem heißt es, dass ein Mitarbeiter, der an den Sachverhalten beteiligt gewesen sei, bereits seit mehreren Jahren nicht mehr im Unternehmen beschäftigt ist. Diese Aussage adressiert für Investoren genau die Frage, ob ein tatsächliches Problem in der Vergangenheit verbleibt oder ob aktuelle Entscheidungsträger und operatives Tagesgeschäft tangiert sind. Genau deshalb ist auch die Kursbewegung ambivalent: Ein kurzfristiges Aufatmen kann kommen, wenn der Verdacht als isoliert wahrgenommen wird; gleichzeitig bleibt die Bewertung anfällig, weil Gerichte zwar Durchsuchungen anordnen können, die materielle Aufklärung aber erst das Bild über Integrität, Datenflüsse und Kontrollmechanismen komplettieren würde.

Der Markt arbeitet in der Zwischenzeit mit zwei gegensätzlichen Szenarien, die sich nicht nur in Schlagworten unterscheiden, sondern in der Rechenlogik hinter dem Unternehmenswert. Ein tragfähiges Erholungsszenario setzt voraus, dass Ermittlungsverdacht und mögliche Fehlerquellen auf wenige Altfälle begrenzt sind. Das Management argumentiert dabei unter anderem mit dem Hinweis, dass Finanzämter in ganz Deutschland bereits mehrere Tausend Forschungszulagen für Kunden des Hauses festgesetzt hätten und diese Förderungen in zahlreichen Betriebsprüfungen bestätigt worden seien. Zusätzlich verweist innoscripta darauf, dass interne Prozesse und die Software wiederholt extern rechtlich und steuerlich geprüft worden seien, unter anderem im Vorfeld des Börsengangs im Mai 2025. Wenn diese Darstellung bestätigt wird und die Kooperation mit den Ermittlungsbehörden die Vorwürfe entkräftet, könnte die aktuelle Bewertung als zu stark nach unten verzerrt erscheinen.

Im anderen Szenario drohen hingegen Risiken, die nicht nur die kurzfristige Investor Relations betreffen, sondern die Ertragskomponenten selbst. Das Analysehaus Warburg Research hat darauf reagiert und sowohl das Rating als auch das bisherige Kursziel von 225 Euro ausgesetzt. In der Begründung wird das Modellbild aufgegriffen: Dem Kursziel habe ein uneingeschränkt intaktes Geschäftsmodell sowie eine nachhaltige EBIT-Marge von 55 Prozent zugrunde gelegen; zudem entfallen 56 Prozent des im DCF-Modell errechneten Unternehmenswerts auf den Terminal Value. Genau diese Langfristkomponente ist empfindlich, weil sie stark davon abhängt, ob Kunden im Neugeschäft bleiben, ob es zu Rückforderungen kommt und welche Haftungs- und Sanktionsrisiken aus Sicht betroffener Mandate entstehen. Warburg nennt dabei als konkrete Gefahren Kundenabgänge, Rückforderungen, Haftungsansprüche geschädigter Mandanten sowie mögliche Unternehmensstrafen; bestätigt sich der Vorwurf der Beihilfe, wären zudem Nachzahlungen für betroffene Kunden denkbar, die regressiv auf innoscripta durchschlagen könnten.

Für Anleger bleibt daher in den kommenden Wochen weniger die Schlagzeile entscheidend als die behördliche Einstufung der einzelnen Fälle: Bleibt das Verfahren auf den Einzelfall des ehemaligen Mitarbeiters begrenzt und werden keine weiteren Vorwürfe gegen aktive Entscheidungsträger erhoben, besitzt die Aktie eine Basis für Stabilisierung. Kippe diese Annahme durch eine Ausweitung der Ermittlungen auf weitere Mandate oder auf aktuelle Geschäftsjahre, würde das die Marge stärker unter Druck setzen, weil dann nicht nur einzelne Bescheinigungen infrage stünden, sondern auch die Integrität der Software, der Prüfpfade und der internen Compliance-Standards. Als konkreter Fixpunkt steht zudem eine Produktvorstellung für Aktionäre am Standort Tutzing an; das Unternehmen will die genauen Termine zeitnah mitteilen. Dort dürfte es für das Management vor allem um belastbare Antworten gehen: Welche Kontrollschichten greifen in der Praxis, wie werden Datenströme gesichert und wie wird die Lücke zwischen BSFZ-Bescheinigung und finaler steuerlicher Festsetzung organisatorisch abgesichert?


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