LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der TU Dresden und der Uniklinik Carl Gustav Carus deutet darauf hin, dass Apherese mehr kann als klassische Risikofaktoren senken. Nach einer Behandlung berichten die Forschenden deutliche Rückgänge bei mehreren PFAS-Verbindungen. Parallel messen sie bei einzelnen Patienten auch weniger Mikroplastik-Teile im Blut. Die Arbeit bleibt jedoch durch kleine Fallzahlen und fehlende Randomisierung vor allem explorativ.

Apherese senkt PFAS- und Mikroplastik-Werte bei Patientinnen und Patienten
Apherese senkt PFAS- und Mikroplastik-Werte bei Patientinnen und Patienten (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Apherese hat in der Medizin seit langem einen festen Platz, wenn es darum geht, problematische Blutbestandteile gezielt zu entfernen. Neu ist aber der Fokus: In einer Untersuchung der TU Dresden gemeinsam mit der Uniklinik Carl Gustav Carus wird sie nicht nur als Werkzeug zur Verbesserung kardiovaskulärer Parameter diskutiert, sondern auch als potenzielle Methode, die Belastung des Körpers mit Ewigkeits-Chemikalien (PFAS) und Mikroplastik zu reduzieren. Die Autoren um Erstautor Stefan R. Bornstein und die Studienleitung von Charlotte Steenblock stellen dabei Ergebnisse vor, die vor allem eines sichtbar machen: Bestimmte Schadstoffe scheinen im Blut an transportierende Strukturen gebunden zu sein und lassen sich möglicherweise durch ein Doppelfiltrations- bzw. Adsorptionsverfahren herauslösen.

Technisch stützt sich die Hypothese auf eine Vorstellung, die in der Umwelt- und Toxikologie seit Jahren eine wichtige Rolle spielt: PFAS zirkulieren nicht zwangsläufig frei im Plasma, sondern könnten an Lipoproteine gebunden sein. Wenn das zutrifft, wäre die Apherese nicht bloß eine „Entfernung durch Verdünnung“, sondern ein selektiver Eingriff in den Transportmechanismus. Anders als beim klassischen Plasmaaustausch wird nach Darstellung der Forschenden keine Ersatzflüssigkeit benötigt. Zur Messung kommen Massenspektrometer und Raman-Spektroskopie zum Einsatz; damit untersuchen die Teams nicht nur PFAS, sondern kartieren im Rahmen der Studie auch Polystyrol-Partikel in menschlichem Gewebe. Diese Kombination ist bemerkenswert, weil sie die Brücke zwischen Chemikalienmessung und dem Nachweis konkreter Partikel im biologischen Umfeld schlägt.

Die berichteten Effekte sind bei einzelnen Patientengruppen auffällig, aber auch dadurch schwerer zu interpretieren, dass die Stichproben klein sind. Im Zentrum der Untersuchung stehen Messungen bei 14 Patientinnen und Patienten: Vier häufige PFAS-Verbindungen sanken nach der Behandlung in einem Labor in Bremen jeweils um bis zu 25 Prozent. In einem zweiten Labor zeigte sich bei vier Personen nach nur einer Sitzung ein noch stärkerer Rückgang, konkret werden Werte von PFOS -48,9 Prozent, PFOA -43,5 Prozent, PFNA -55,0 Prozent und PFDoDA -75,8 Prozent genannt. Genau hier wird auch die Einordnung entscheidend: Es geht um den akuten Effekt einer Behandlung, nicht um eine klinische Langzeitwirkung oder um das Verhalten der Stoffe über Wochen und Monate. Gleichzeitig liefert der Grad der Absenkung Hinweise darauf, dass das Verfahren mehr als eine minimale „Mitnahme“ von Stoffen bewirkt.

Neben den PFAS betrachten die Forschenden auch klassische Marker, die typischerweise mit Entzündungsprozessen und Herz-Kreislauf-Risiken verknüpft werden. Bei einer größeren Gruppe von 34 Patientinnen und Patienten berichten die Autoren, dass CRP, Fibrinogen, LDL-Cholesterin und Lipoprotein(a) deutlich zurückgingen. Parallel dazu wurde Mikroplastik im Blut von vier Patientinnen und Patienten analysiert: Polyethylen nahm bei allen vier ab, PVC bei drei von vier. Beim Werkstoff Polypropylen ist das Bild dagegen uneinheitlich; hier berichten die Daten sowohl Rückgänge als auch Anstiege je nach Patient. Eine zusätzliche Durchflusszytometrie an vier Patientinnen und Patienten in Spanien zeigt einen Rückgang von rund 70 Prozent, allerdings wird zugleich betont, dass dieser Befund statistisch nicht signifikant war. Für die praktische Bewertung heißt das: Das Signal ist da, aber die Varianz zwischen Materialtypen und Messansätzen muss in späteren Studien enger kontrolliert werden.

Die Argumentation der Autoren setzt außerdem bei der klinischen Einbettung an. Das beteiligte Zentrum behandelt nach eigenen Angaben seit 25 Jahren Patientinnen und Patienten mit Apherese, mit rund 200 Sitzungen pro Woche. Aus klinischer Erfahrung von Bornstein wird berichtet, dass 70 bis 80 Prozent der behandelten Personen ohne erneutes kardiovaskuläres Ereignis geblieben seien; wichtig ist dabei jedoch die Trennlinie: Das sind Erfahrungswerte aus der Praxis und nicht Resultate der vorliegenden Untersuchung. Genau deshalb wird im Text auch offen benannt, wo die Grenzen der Aussagekraft liegen: kleine Stichproben, kein randomisiertes kontrolliertes Studiendesign und nur Messungen zum unmittelbaren Effekt. Zusätzlich werden finanzielle Verbindungen zu Geräteherstellern erwähnt. Für Entscheiderinnen und Entscheider in Kliniken und Forschung bedeutet das: Die Ergebnisse sind ein Startpunkt für eine gezielte Prüfstrategie, aber noch keine Grundlage für belastbare Therapieempfehlungen.

In einen größeren Forschungstrend ordnet sich das Projekt über die Frage nach dem Zusammenhang von Kunststoffbelastung und kardiovaskulären Risiken ein. In dem Kontext wird auf eine Beobachtungsstudie im New England Journal of Medicine verwiesen, die unter Leitung von Raffaele Marfella 257 Patientinnen und Patienten nach einer Karotisendarteriektomie über 34 Monate begleitete. In den entfernten Gefäßplaques fand sich Polyethylen bei knapp 60 Prozent, PVC bei 12 Prozent; zudem wird berichtet, dass Personen mit nachgewiesenem Mikroplastik in den Plaques ein 4,5-fach höheres Risiko für Schlaganfall, nicht-tödlichen Herzinfarkt oder Tod im Beobachtungszeitraum hatten. Da es sich auch dort um eine Beobachtungsstudie handelt, bleibt Kausalität offen; Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Luftverschmutzung wurden laut Darstellung nicht gesondert berücksichtigt. Parallel wird aus der Wissenschaft auf Hinweise von Forschenden der Universität Amsterdam zu steigenden PFAS-Belastungen im menschlichen Körper verwiesen, was wiederum politisch diskutierte Regulierungsforderungen in den Vordergrund rückt. Die Dresdner Daten lassen sich somit als mechanistische Ergänzung zu epidemiologischen Beobachtungen lesen: Wenn Schadstoffe an Transportstrukturen hängen und über Apherese abnehmbar sind, könnte ein Teil der Risiko-Kette zumindest im Blut messbar beeinflusst werden.

Für die nächste Entwicklungsstufe planen Bornstein und Team laut Bericht die Verfolgung von Mikroplastik in Studien an größeren Tieren, finanziert über das ARPA-H-Programm mit 144 Millionen US-Dollar. Das ist vor allem deshalb relevant, weil der Weg von einem akuten Labor- bzw. Imaging-Befund zu einem klinisch wirksamen Konzept fast immer über Fragen der Methodik führt: Welche Partikelgrößen und -typen werden zuverlässig reduziert? Bleibt der Effekt stabil genug, um Gesundheitsendpunkte beeinflussen zu können? Und vor allem: Wie stark unterscheiden sich Messmethoden in ihrer Empfindlichkeit, sodass aus „Exploration“ später eine überprüfbare Evidenz wird? Unterm Strich liefert die Studie der TU Dresden und der Uniklinik Carl Gustav Carus einen datenreichen Hinweis darauf, dass Apherese als Plattform für die Reduktion von Umweltchemikalien im Blut diskutiert werden könnte. Der Sprung zu belastbaren Empfehlungen bleibt aber an größeren, randomisierten Studien und an Langzeitmessungen gebunden.


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