LONDON (IT BOLTWISE) – Tokenisierung sei laut Geoffrey Kendrick „100% locked in“, und er erwartet, dass zusätzliche Gelder vor allem in ausgewählte Altcoins fließen. Uniswap soll durch eine neue Gebühren- und Burn-Logik bis 2030 deutlich zulegen, während Aave als „on-chain banking“-Plattform mit gestärktem Vertrauen punkten will. Morpho ordnet Kendrick als Ansatz für Asset-Management-Vaults ein, und bei Arbitrum sieht er den größten Hebel über Revenue-Shares und ein deutlich günstigeres Bewertungsniveau. Entscheidend bleibt, wie nachhaltig der Nutzer- und Aktivitätsdruck auf den jeweiligen Mechaniken bleibt.

Geoffrey Kendrick, der die Forschung zu Digital Assets bei Standard Chartered verantwortet, setzt in einer aktuellen Markt-Einschätzung auf einen klaren Treiber: die Tokenisierung. Er sagt, diese Entwicklung sei „100% locked in“, während traditionelle Finanzstrukturen zunehmend direkt auf On-Chain-Protokollen abgebildet werden. Für Investoren übersetzt sich diese These in einen konkreten Blick auf vier Altcoins: Uniswap (UNI), Aave (AAVE), Morpho (MORPHO) und Arbitrum (ARB). Interessant ist dabei nicht nur die Auswahl, sondern der Mix aus unterschiedlichen Geschäftsmodellen – von Handelsplattformen über Kreditmärkte bis hin zu Layer-2-Ökosystemen, deren Erlösquellen sich anders ableiten als bei klassischen DeFi-Token.
Bei Uniswap liegt Kendricks Schwerpunkt auf einem technischen Mechanismus, der sich seit dem vergangenen Dezember verändert hat: der sogenannte Fee Switch. Statt Gebühren lediglich zu verteilen, nutzt das Protokoll Handelsgebühren, um UNI zurückzukaufen und Tokens anschließend zu „burnen“. Diese Form der tokenbezogenen Wertschöpfung soll insbesondere bei hoher Aktivität wirken. Kendrick verweist zudem auf einen Aktivitätsschub rund um die Robinhood Chain, der den Burn über den Sommer spürbar beschleunigt habe. Gleichzeitig macht er deutlich, wie eng seine Argumentation am Datenpunkt hängt: Sein Ansatz beruhe „literally one data point“. Genau diese Spannung prägt die Uniswap-These auch bei der Zielmarke – Kendrick nannte ursprünglich einen Jahresend-Wert von 6,50 US-Dollar für UNI, als der Kurs unter 3 US-Dollar lag; inzwischen bewegt sich das Token deutlich darüber, und er räumt ein, dass sein 2030-Ziel von 100 US-Dollar „may be too low“ sein könnte.
Aave betrachtet Kendrick als besonders nah an einem Bankmodell auf der Kette. Das Protokoll nimmt Deposits entgegen und stellt daraus Liquidität bereit, um Kredite zu ermöglichen – ein Ablauf, der in der Wahrnehmung vielen bereits als „on-chain banking“ erscheint. Als Gegenpol zu dieser positiven Erzählung steht ein Sicherheitsereignis: In April habe es einen mutmaßlich rund 300 Millionen US-Dollar schweren Exploit gegeben, der Kelp zugeordnet wird. Kendrick betont jedoch, dass die anschließende Reaktion seine Einschätzung sogar gestärkt habe. Nach seiner Darstellung brachte die Community in kurzer Zeit etwa 300 Millionen US-Dollar auf, der Großteil davon in ETH; außerdem hätten der Founder die Risikoparameter „tightened“ und die Liquidität sei innerhalb von Wochen zurückgekehrt. Zudem argumentiert er mit einer historischen Einordnung: In seinem Modell wäre Aave beim Peak im vergangenen Jahr ungefähr als 35. größte Bank in den USA einzuordnen gewesen. Vom Kursniveau her lag AAVE zum Zeitpunkt seiner Einordnung nahe 170 US-Dollar, also in der Nähe eines damals genannten Zielkorridors von 180 US-Dollar, den er inzwischen nach oben korrigieren würde – bis 2030 schwebt für ihn ein deutliches Ziel von 3.500 US-Dollar.
Morpho setzt Kendrick dagegen klar ab. Er beschreibt Aave und Morpho nicht als direkte Wettbewerber, sondern als Systeme, die ähnliche Ziele auf unterschiedliche Weise verfolgen. Während Aave über das klassische Einlagen- und Ausleihprinzip funktioniert, zielt Morpho mit seinem Vault-Produkt stärker auf die Logik von Asset-Management ab. Diese Differenzierung ist für die Risiko- und Renditeerwartung relevant: Kendrick führt an, dass Morpho-Token überwiegend von Venture Funds gehalten würden. Das kann die Volatilität reduzieren und gleichzeitig die Liquidität gegenüber stärker tradergetriebenen Token verringern, wie er sie bei AAVE wahrnimmt. In der mittleren Frist erwartet er dennoch, dass Morpho im Bereich des On-Chain-Asset-Managements eine größere Rolle einnimmt – nicht, weil das System „alles gewinnt“, sondern weil es die Nutzerbasis und Nachfrage entlang einer anderen Produktlogik bündelt.
Am weitesten hebt Kendrick seine Erwartung für Arbitrum an und nennt als Ziel 10 US-Dollar bis 2030. Sein Call sticht vor allem deshalb hervor, weil er rechnerisch über dem mehrfachen Ausgangspreis liegt: Die Zielmarke lag bei Veröffentlichung rund 70-mal über dem damaligen ARB-Niveau; seitdem ist das Token mehr als 60% gestiegen. Die Kernbegründung setzt jedoch weniger bei reiner Kursdynamik an, sondern bei einem konkreten Revenue-Mechanismus: Arbitrum erhält demnach 10% der Nettoeinnahmen aus einer Partnerschaft mit Robinhood Chain, weil Arbitrum die zugrunde liegende Technologie geliefert hat. Kendrick nennt deshalb eine Entwicklung der monatlichen Erlöse von etwa 1 Million US-Dollar auf eine geschätzte Spanne von 4 bis 5 Millionen US-Dollar im September. Bei Kopien dieses Modells erwartet er einen weiteren Schritt: Wenn vier oder fünf zusätzliche Firmen sich an dieser Herangehensweise orientieren, könnte das laut ihm innerhalb von zwei Jahren Richtung 40 bis 50 Millionen US-Dollar pro Monat gehen. Ergänzend argumentiert er über Bewertungsrelationen: Arbitrum liege mit einem Vielfachen, das er auf „etwa 30-mal niedriger“ als bei Layer-1-Netzwerken wie Ethereum, Solana und Avalanche beziffert, deutlich günstiger – was für ihn das Chancen-Risiko-Profil verbessert.
Für Entscheider in Unternehmen, die On-Chain-Strukturen entweder als Technologiepartner, als Integrationsprojekt oder als potenzielles Produktangebot betrachten, zeigt die Einschätzung vor allem eines: Token-Werte werden zunehmend über reale Systemmechaniken erklärt, nicht allein über Narrative. Uniswap steht exemplarisch für den Einfluss von Fee-Switches und Burn-Mechaniken, Aave für die Nachfrage nach kreditähnlicher Funktionalität im Liquiditätsnetz, Morpho für die Entwicklung hin zu Vault-basiertem Asset-Management, und Arbitrum für den Trend, Wert über Infrastruktur-Erträge zu skalieren. Gleichzeitig mahnt Kendricks eigener Hinweis zur Datenbasis – „literally one data point“ – zur Vorsicht: Selbst plausibel wirkende Modelle müssen bei veränderten Nutzerströmen, Sicherheitsereignissen oder Konkurrenzmechaniken neu bewertet werden. Unabhängig davon unterstreicht die aktuelle Debatte, dass sich die nächsten Jahre stärker um Gebührenströme, Revenue-Shares und die Bindung von Aktivität drehen dürften als um isolierte Tokenversprechen.
Auch wenn die genannten Zielwerte für 2030 naturgemäß spekulativ bleiben, lässt sich daraus eine praktische Leitlinie ableiten: Unternehmen sollten ihre On-Chain-Experimente entlang der Mechaniken designen, die im Best-Case- und im Stress-Case funktionieren. Dazu gehört bei DeFi-Protokollen die Beobachtung von Aktivität und deren Abhängigkeit von Anreizsystemen, bei Kreditmärkten die Widerstandsfähigkeit nach Sicherheitsvorfällen und bei Infrastrukturprojekten die Frage, wie nachhaltig Erlöse über Partner-Ökosysteme fließen. Genau diese Verknüpfung von Technik und Marktmechanik ist die gemeinsame Klammer in Kendricks vierfacher Auswahl – und sie dürfte auch für künftige Investitions- und Implementierungsentscheidungen ein wiederkehrendes Muster bleiben.
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