LONDON (IT BOLTWISE) – Der ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa widerspricht der Vorstellung, Wohnungsneubauförderung sei nur eine Belastung für den Staatshaushalt. Er argumentiert, Neubau wirke über Umsatz- und Steuerkanäle direkt konjunkturstabilisierend. Zudem soll mehr Angebot die Mieten dämpfen und damit Ausgaben für Wohngeld und Grundsicherung senken. Im Kern geht es um eine Neubewertung von Fördermitteln als produktive öffentliche Investition.

Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), stellt im Zuge der Debatte um bezahlbaren Wohnraum eine provokante Gegenposition auf: Wohnungsneubauförderung sei nicht vorrangig Staatsausgabe, sondern könne sich über höhere wirtschaftliche Aktivität und damit verbundene Steuereinnahmen mittelfristig auszahlen. Die Argumentation zielt dabei auf ein Grundproblem der aktuellen Wohnungsmarktentwicklung. Deutschland kämpft weiterhin mit einem strukturellen Mangel, während zugleich die öffentlichen Kassen unter Druck stehen und politisch oft zuerst die Haushaltszahlen und nicht die Folgewirkungen in den Blick rücken.
Konkrete Größenordnungen liefern Pakleppas Ausgangspunkt: Schätzungen zufolge fehlen zwischen 400.000 und 600.000 Wohnungen, und der Wohnungsneubau bleibt 2023 mit rund 292.000 fertiggestellten Einheiten deutlich hinter einem als erforderlich erachteten Niveau von mindestens 400.000 pro Jahr zurück. Diese Lücke zeigt sich nicht nur in den Neubauzahlen, sondern auch in den Lebenshaltungskosten: Mieten und Immobilienpreise steigen kontinuierlich, was privaten Haushalten Spielraum nimmt und die Konsumkraft schwächt. Für die Förderpolitik heißt das aus Sicht des ZDB: Wenn der Engpass nicht sichtbar abgebaut wird, verschärft sich die soziale und wirtschaftliche Belastung weiter.
Pakleppas wirtschaftlicher Mechanismus setzt an der unmittelbaren Investitions- und Wertschöpfungskette an. Jede in den Wohnungsneubau gesteckte Million Euro löse demnach Multiplikatoreffekte aus, von denen mehrere Gruppen profitieren: Baustoffhersteller, Handwerksbetriebe, Logistikdienstleister und Zulieferer. Damit verbunden sind Steuersignale in mehreren Schichten, etwa über Gewerbesteuern sowie Einkommenssteuern der Beschäftigten. Zusätzlich entstehen Mehrwertsteuereinnahmen aus dem Material- und Dienstleistungsgeschäft rund um Bauvorhaben, sodass Fördermittel nicht nur als Ausgabenposten, sondern als Impuls für reale Wirtschaftsleistung gelesen werden.
Auch arbeitsmarkt- und sozialpolitische Effekte gehören in Pakleppas Bild. Er verweist darauf, dass das Baugewerbe zu den großen Arbeitgebern zählt und über eine Million Menschen beschäftigt. Mehr Bauprojekte bedeuten in der Logik des ZDB stabilere Arbeitsverhältnisse und damit geringere Sozialausgaben über weniger Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig könne ein wachsendes Wohnungsangebot die Mietpreisentwicklung dämpfen; das reduziere wiederum den Druck auf Budgets, die für wohngeldbezogene Hilfen oder ähnliche Instrumente bereitgestellt werden müssen. Damit wird die Förderpolitik nicht nur zur Konjunkturmaßnahme, sondern auch zum Instrument gegen Folgekosten steigender Wohnkosten.
Besonders deutlich wird das Argument an der Budgetwirkung für Haushalte und öffentliche Stellen: Wenn durch massiven Neubau das Angebot steigt, stabilisieren sich Mieten auf niedrigerem Niveau. Für Millionen Menschen heißt das konkret weniger Ausgaben für Miete, also Geld, das dann für Konsum, Sparen oder Investitionen zur Verfügung steht. Pakleppa verknüpft das zudem mit staatlichen Transferleistungen: Niedrigere Wohnkosten sollen Wohngeld und Grundsicherung spürbar senken. Als Größenordnung nennt er, dass Bund und Länder 2023 etwa 20 Milliarden Euro für Wohngeldleistungen aufgewendet haben; selbst eine Reduktion um 10 Prozent durch bessere Verfügbarkeit von Wohnraum würde zwei Milliarden Euro freisetzen.
Um die klassische Haushaltslogik zu widerlegen, zieht der ZDB-Chef den Blick auf finanzwissenschaftliche Modellrechnungen. Er kritisiert die bislang verbreitete Buchung von Neubauförderung als reine Ausgabe, ohne die indirekten Einnahmeeffekte systematisch zu gewichten. Als Bezugspunkt nennt er finanzwissenschaftliche Studien, darunter Arbeiten der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, die mit konjunkturellen Multiplikatoren von 1,5 bis 1,8 rechnen: Für jeden Euro staatlicher Förderung entstehe demnach 1,50 bis 1,80 Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung. Selbst wenn davon ein Teil nur einen Teil der Staatsquote abbildet, könne sich die Investition über wenige Jahre amortisieren – die Förderung werde damit eher zu einem produktiven Investitionsprogramm als zu einer dauerhaften Subvention.
Für die politische Konsequenz plädiert Pakleppa für eine strategische Neudefinition im Bundeshaushalt: Neubauförderung soll nicht als Sozialausgabe oder Subvention behandelt werden, sondern als produktive öffentliche Investition, ähnlich wie Infrastruktur- oder Bildungsbudgets. Dahinter steht auch ein Umsetzungsproblem, das in der Praxis häufig als Stop-and-Go-Charakter von Förderprogrammen sichtbar wird: Wenn Zusagen kurzfristig wirken und anschließend wieder auslaufen, leidet die Planbarkeit der Branche. Aus Sicht des ZDB wäre eine kontinuierlichere Finanzierung daher nicht nur betriebswirtschaftlich sinnvoll, sondern auch ein Hebel, um den Wohnungsengpass planvoll zu schließen und damit sowohl Kosten- als auch Belastungsdynamiken am Wohnungsmarkt zu beruhigen.
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