FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Frankfurter Buchmesse führt das Gastland Tschechien mit dem Motto „Ein Land an der Küste“ ins Reich der Fantasie. Im Ehrengast-Pavillon rücken große aufblasbare, runde Objekte als Projektionsflächen in den Mittelpunkt. Besucher erleben Landschaften und Gefühle, die je nach Stimmung ausgewählt werden, wobei KI die Bandbreite der emotionalen Motive erweitern soll. Dazu gibt es Lesungen, Debatten und sogar einen Roboter, der live Comics zeichnet.

Die Frankfurter Buchmesse gestaltet den Ehrengastauftritt dieses Jahr weniger als klassische Lese- und Verlagsausstellung, sondern als begehbare Erzählwelt. Gastland Tschechien verlegt das Binnenland für die Messe kurzerhand „ans Meer“ und übersetzt dieses Motiv in eine Kulisse, die mit dem ersten Blick mehr an einen Traumraum als an einen Messeflur erinnert. Statt fertiger Sitzreihen stehen große, aufblasbare, runde Objekte auf der Ausstellungsfläche. Besucher können sie als Kiesel in einem tschechischen Fluss deuten oder die Sicht der Gestalter übernehmen, die darin die „metaphorische Verkörperung der menschlichen Vorstellungskraft“ lesen.
Technisch betrachtet entsteht die Wirkung vor allem durch die Kombination aus Material, Licht und Auswahlmechanik. Knallig orangefarbene „Bojen“ und ein Leuchtturm rahmen den Bereich, während auf die runden Steine, die zugleich als Leinwände dienen, projiziert werden kann. Der konkrete Ablauf ist einfach genug, um ihn im Vorbeigehen zu nutzen: Man wählt einen der sichtbaren Hinweise aus und sieht, was auf den Flächen erscheint. Auf der einen Seite sind es tschechische Landschaften, wie sie in Illustrationen bereits bekannt sind; auf der anderen Seite treten Gefühlsbilder in den Vordergrund, wie sie in Büchern von tschechischen Autorinnen und Autoren beschrieben oder verdichtet wurden. Der Clou liegt dabei in der Bandbreite: „Dank KI“ soll die Auswahl an Gefühlen nahezu unendlich sein – von „ahnungslos verliebt“ bis „zitternd mutig“.
Damit verlagert der Pavillon eine Debatte, die in der Buchbranche ohnehin präsent ist, in die direkte Erlebnis-Ebene: Welche Rolle spielen KI-gestützte Systeme, wenn es um die Auswahl, Variation und Personalisierung von Inhalten geht? Im Kern geht es weniger um „Textproduktion“ im engen Sinne, sondern um die Frage, wie Stimmungen als Schnittstelle zwischen Leserin, Leser und Werk funktionieren. Die Messe verbindet dafür zwei Welten, die traditionell eher getrennt sind: das kuratierte Buch als konkretes Produkt und die interaktive Oberfläche als Gate zu einer möglichen Vielfalt an Deutungen. Dass dafür zugleich reale Kreative präsent sind – 75 tschechische Autorinnen und Autoren reisen nach Frankfurt – macht die Sache greifbar. Die KI wird zur Erweiterung dessen, was Besucher auswählen können, ohne den Eindruck zu erwecken, ein Buch sei nur noch ein Display.
Auch die Infrastruktur des Auftritts passt zu diesem Wechselspiel aus Kunstform und Interaktion. Der Ehrengast-Pavillon setzt nicht nur auf Projektion und Raumdramaturgie, sondern auch auf Programmflächen, die den Besucherfluss in unterschiedliche Blickrichtungen lenken. Auf zwei Podien – der „Küsten-Bühne“ und der „Hafen-Bühne“ – läuft an fünf Messetagen ein Mix aus Lesungen, Debatten und einer Live-Performance mit einem Roboter, der Comics zeichnet. Diese Kombination hat eine praktische Komponente: Während Projektionen eher zum kurzen Innehalten einladen, holen Bühnenformate das Gespräch zurück in eine menschliche Taktung aus Stimmen, Diskussionen und unmittelbarer Publikumsreaktion. Gleichzeitig bleibt die Bildwelt präsent, weil sich die Themen des Pavillons über die Tage hinweg als roter Faden durchziehen lassen.
Am Markt bleibt der Auftritt zudem nicht im Symbolischen hängen. Laut den Angaben zur Messe sind 150 Neuerscheinungen aus Tschechien neu in deutschsprachigen Verlagen erschienen. Gerade bei einer solchen Menge ist kuratorische Orientierung entscheidend: Wer an einem Stand mit hunderten Titeln schnell verloren geht, kann im Pavillon über die „emotionalen“ Einstiege wieder eine Richtung finden. Die projizierten Motive funktionieren dabei wie ein thematischer Filter, der Neugier bündelt. Dazu kommt der praktische Kontext, dass man sich im Ehrengast-Pavillon auf „knuffigen Polstern“ vom Messetrubel erholen kann. Das klingt nach Gemütlichkeit, hat aber auch eine betriebliche Logik: längere Verweildauer erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Besucher aus dem schnellen Impuls heraus tatsächlich in Neuerscheinungen „stübern“.
Für die Tech- und Innovationsseite lässt sich aus dem Setup außerdem ein wiederkehrendes Muster ableiten, das auch jenseits der Buchmesse relevant bleibt: KI wird dort am sichtbarsten, wo sie nicht nur im Hintergrund rechnet, sondern als Auswahl- oder Personalisierungsmechanismus an eine sinnliche Oberfläche gekoppelt ist. Die Begrenzung auf Gefühle in klaren Beschreibungen („ahnungslos verliebt“, „zitternd mutig“) zeigt, wie man KI-Ausgaben in verständliche, nichttechnische Kategorien übersetzt. Wer KI-Entwicklung in Unternehmen bewertet, erkennt darin eine typische Designfrage: Wie transformiert man Modellleistung in Interfaces, die Nutzer nicht überfordern? Die Messe beantwortet das, indem sie die Interaktion stark reduziert und die Vielfalt über Auswahlzustände statt über technische Parameter vermittelt.
Gleichzeitig bleibt die kulturelle Dimension klar: Tschechien stellt seine Literatur nicht nur als Bestand bereit, sondern inszeniert sie als Erlebnisraum, in dem Illustrationen und Texte als „Bausteine“ einer projizierten Welt sichtbar werden. Die KI dient dabei als Beschleuniger der Varianten, während die inhaltliche Tiefe aus der Sprache, den Autorinnen und Autoren und den vorgestellten Neuerscheinungen kommt. Wer künftig ähnliche Formate plant, kann aus diesem Pavillon vor allem zwei Lehren ziehen: Erstens sollte KI-Interaktion an bekannte kulturelle Formen andocken, damit der Einstieg intuitiv bleibt. Zweitens gewinnt ein KI-gestütztes Erlebnis, wenn es nicht isoliert steht, sondern mit Programmpunkten und echten Ansprechpartnern zusammenläuft – hier mit Lesungen, Debatten und dem Live-Comics-Roboter als sichtbare Klammer.
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