LONDON (IT BOLTWISE) – Der World Gold Council arbeitet an einer gemeinsamen Infrastruktur für digitales Gold, um Verwahrung, Ausgabe und Verwaltung goldgedeckter Produkte zu standardisieren. Das Konzept „Gold as a Service“ soll physische Bestände mit digitalen Systemen verbinden und so die operative Komplexität reduzieren. Tokenisiertes Gold macht Ansprüche auf Edelmetall handelbar und in kleinere Einheiten teilbar. Gleichzeitig zeigt ein Beispiel wie PAXGy, dass neue Ertragslogiken möglich sind – aber nicht automatisch zu mehr Goldnachfrage führen.

Die Digitalisierung rückt den Goldmarkt näher an die Logik moderner Finanzinfrastrukturen: weg von reinen Barren- und Münzstrukturen, hin zu Systemen, die Ausgabe, Verwahrung und Abwicklung möglichst durchgängig digital abbilden. Genau an dieser Schnittstelle setzt der World Gold Council (WGC) an. Der Verband arbeitet an einer gemeinsamen Infrastruktur für digitales Gold, die physische Verwahrung mit digitalen Prozessen zur Ausgabe und Verwaltung goldgedeckter Produkte verknüpft. Dabei geht es nicht nur um „Token statt Barren“, sondern auch um die Frage, wie sich Verwahrketten, Abgleichprozesse, Compliance-Schritte und Rücknahme standardisieren lassen, damit digitale Produkte besser miteinander und mit bestehender Finanzmarkttechnik zusammenspielen.
Im März 2026 stellte der WGC das Konzept „Gold as a Service“ gemeinsam mit der Boston Consulting Group vor. Der Ansatz sieht vor, dass eine Plattform die operativen Abläufe um die Goldbestände herum vereinheitlicht und damit die Umsetzungsarbeit für einzelne Marktteilnehmer reduziert. Für den Goldmarkt ist das insofern relevant, als er zwar bereits in Teilen elektronisch organisiert ist – Handel, Clearing und Dokumentation laufen größtenteils digital. Dennoch existieren zusätzlich digitale Goldkonten, börsengehandelte Produkte sowie goldgedeckte Tokens, die in der Praxis oft nur eingeschränkt austauschbar sind. Der WGC begründet das Problem mit geringer Standardisierung: Je nachdem, wie ein Token technisch und rechtlich ausgestaltet ist, unterscheiden sich Eigentumsstruktur, Verwahrregeln und die konkrete Mechanik der Rücknahme.
Tokenisiertes Gold zielt darauf, genau diese Nutzbarkeit zu erhöhen. Technisch gesprochen bildet der Token einen Anspruch auf physisch hinterlegtes Gold digital ab. Die Edelmetallbestände bleiben in der Verwahrung, während der Token als Träger des Anspruchs über digitale Plattformen oder Wallets übertragen werden kann. Das hat zwei unmittelbare Folgen für die Marktmechanik: Erstens lassen sich Positionen in kleinere Einheiten aufteilen, was die Hürde für kleinere Beträge senken kann. Zweitens werden Anwendungsfälle jenseits der klassischen Geldanlage denkbar – etwa als Grundlage für Zahlungen oder für das Verleihen bzw. Beleihen von Gold. Der WGC verweist zudem darauf, dass eine gemeinsame Infrastruktur die Liquidität verschiedener digitaler Goldprodukte bündeln und die Rücknahme gegen physisches Gold vereinheitlichen könnte.
Wie groß die Dynamik bei tokenisiertem Gold bereits ist, zeigt der Blick auf Marktdaten aus der Branche. Für tokenisiertes Gold bezifferte Paxos Labs im September den Marktwert auf mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Außerdem lag das Handelsvolumen im ersten Quartal bei 90,7 Milliarden US-Dollar und damit bereits über dem Volumen des gesamten Vorjahres. Diese Zahlen stammen vom Anbieter selbst, sie unterstreichen aber vor allem eine Entwicklung: Digitale Goldprodukte werden nicht nur als Nischenexperiment gehandelt, sondern zunehmend in größeren Handelsfenstern aktiv genutzt. Für die weitere Standardisierungsdiskussion ist das entscheidend, weil wachsender Handel typischerweise auch stärkerer Erwartung an Interoperabilität, Abwicklungssicherheit und konsistente Regeln für Eigentum und Rücknahme begegnet.
Ein konkretes Beispiel für neue Produktlogik liefert PAXGy. Paxos Labs führte den Token Ende September ein; PAXGy basiert auf PAX Gold (PAXG) und soll Anlegern zusätzlich Zugang zum institutionellen Goldleihmarkt ermöglichen. Nutzer können PAXG hinterlegen oder bestimmte Stablecoins tauschen und erhalten dafür PAXGy. Die zugrunde liegenden Goldbestände werden laut Anbieter über ausgewählte institutionelle Kreditnehmer im Goldleihmarkt eingesetzt, und aus diesen Erträgen soll sich der Wert eines PAXGy in PAXG gerechnet im Zeitverlauf erhöhen. Gleichzeitig betont der Anbieter ausdrücklich, dass diese Wertentwicklung nicht garantiert ist und dass das Produkt Kredit-, Liquiditäts- und Marktrisiken trägt. Für Anleger ist damit nicht nur die Frage „Wie hängt der Token am Goldpreis?“, sondern auch „Welche Risikoquellen kommen über die Verleihstrategie hinzu?“
Gerade an dieser Stelle lohnt die nüchterne Einordnung: Mehr Digitalisierung bedeutet nicht automatisch mehr Nachfrage nach physischem Gold. Matthew Jones, der als Edelmetallanalyst tätig ist, argumentiert sinngemäß, dass ein Wechsel von einem bestehenden Goldprodukt in einen Goldtoken keine zusätzliche Nachfrage erzeugt, sondern vor allem Vermögensbestandteile innerhalb der Token-Schicht umverteilt. Zusätzliche Käufer würden demnach erst entstehen, wenn digitale Infrastruktur neue Nutzergruppen erschließt oder neue Einsatzbereiche schafft – beispielsweise als Sicherheit bei Krediten oder als digital übertragbarer Vermögenswert innerhalb bestehender Finanzsysteme. Interessant ist außerdem, dass Jones zwar langfristig einen Goldpreis von 20.000 US-Dollar je Feinunze für möglich hält, aber gleichzeitig klarstellt, dass Tokenisierung allein dafür nicht ausreichen würde und nennt keinen konkreten Zeitpunkt für ein solches Szenario.
Für die Praxis bleibt damit die Verbindung zum physischen Gold der zentrale Prüfstein. Tokenisierte Produkte tragen zwar oft ähnliche Bezeichnungen, unterscheiden sich aber in rechtlicher Hinsicht. Entscheidend sind laut WGC insbesondere Eigentums- und Rücknahmerechte, die Verwahrung sowie Prüfungen der Goldbestände. Auch die Umsetzung im Fall von Problemen spielt eine Rolle: Anleger sollten verstehen, welchen konkreten Anspruch der Token gegen den hinterlegten Edelmetall-Trust oder die jeweilige Prozesskette vermittelt und was bei Ausfällen eines Emittenten, Verwahrers oder einer Handelsplattform passiert. Die Digitalisierung erweitert folglich die technischen Möglichkeiten für Handel und Nutzung, sie ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, die konkrete Produktarchitektur – von der Deckungsprüfung bis zur Rücknahme – im Detail zu bewerten. Genau hier soll „Gold as a Service“ mit standardisierten Abläufen ansetzen, während parallel Produkte wie PAXGy zeigen, wie vielfältig digitale Goldansprüche inzwischen gestaltet werden.
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