SORRENTO / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundesbank-Präsident Joachim Nagel fordert auf der LBMA Global Precious Metals Conference eine weitere Diversifizierung der Zentralbankreserven in Gold. Er verweist dabei auf geopolitische Risiken, hohe Staatsschulden und das fehlende Gegenparteirisiko von physischem Gold. Gleichzeitig deutet eine Prognose für 2026 auf schwächere Käufe hin. Anleger sollten deshalb besonders die Dynamik bei Zentralbank- und ETF-Nachfrage im Blick behalten.

Notenbanken setzen weiter auf Gold: Nagel nennt Reserven-Triebkräfte
Notenbanken setzen weiter auf Gold: Nagel nennt Reserven-Triebkräfte (Foto: IT BOLTWISE)
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Joachim Nagel hat auf der LBMA Global Precious Metals Conference in Sorrent ein Argument erneuert, das in den letzten Jahren immer mehr an Gewicht gewonnen hat: Gold ist für Zentralbanken nicht nur ein Traditionswert, sondern ein Baustein für robustere Reserveportfolios. Seine Kernaussage zielt auf Diversifizierung ab – und damit auf eine Reservepolitik, die weniger von einzelnen Märkten oder Systemen abhängt. Nagel ordnete den Wandel der Goldrolle in drei Phasen ein: „Verankern, Rückzug und Rückkehr“. Besonders wichtig war dabei der Nachdruck, dass die Begründung für mehr Goldbestände nach seiner Einschätzung weiterhin trägt.

Technisch lässt sich der Punkt um „Resilienz“ ziemlich konkret übersetzen. Nagel argumentierte, dass physisches Gold kein Gegenparteirisiko trägt und nicht einfach eingefroren oder eingeschränkt werden kann, wie es bei ausländischen Wertpapieren oder Einlagen theoretisch durch Sanktionen möglich wäre. Damit rückt Gold als Reserveinstrument in den Mittelpunkt, das weniger an die Zahlungsfähigkeit oder die Durchsetzbarkeit von Gegenparteivereinbarungen gebunden ist. In einem Umfeld, in dem geopolitische Spannungen und politische Risiken die Finanzmärkte stärker beeinflussen, ist dieser Unterschied für viele Notenbanker strategisch relevant – auch wenn er im Tagesgeschäft kaum sichtbar ist.

Die Zahlen, die Nagel im Zusammenhang mit dieser Entwicklung nennt, machen die Größenordnung der Verschiebung deutlich. Der Goldanteil an den globalen Reserven sei von rund 14 Prozent im Jahr 2023 auf fast 25 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Als Haupttreiber nennt er den stark gestiegenen Goldpreis: Wenn der Goldpreis auf dem Niveau von 2023 geblieben wäre, wäre der Anteil laut seiner Berechnung eher von 14 auf 12 Prozent gesunken. Ergänzend verweist er auf erhöhte Staatsschulden und die damit verbundenen Sorgen um das Kreditrisiko von Staatsanleihen – und stellt damit die klassische Zins- und Renditelogik dem Wunsch nach Absicherung gegenüber. Geopolitische Risiken ergänzen diesen Mix als weiterer Einflussfaktor auf Reserveentscheidungen.

Wie sehr diese Sicht in der Breite angekommen ist, zeigen Umfragen und das Einkaufsverhalten. Laut World Gold Council wollten im Juni 2026 in einer Befragung unter 76 Zentralbanken 45 Prozent ihre Goldbestände in den nächsten zwölf Monaten erhöhen – nach 43 Prozent im Vorjahr. In fünf Jahren erwarten 83 Prozent einen höheren Goldanteil an den Reserven. Bei den realen Bewegungen bleibt es jedoch nicht bei einer geradlinigen Erfolgsgeschichte: Die Netto-Nachfrage der Zentralbanken stieg im zweiten Quartal 2026 auf 289 Tonnen, nachdem für das erste Quartal revidiert 57 Tonnen gemeldet wurden. Für das erste Halbjahr ergibt sich damit eine Nachfrage von 345 Tonnen – der niedrigste Wert für ein erstes Halbjahr seit 2022. Diese Diskrepanz ist für Marktteilnehmer wichtig, weil sie die Goldnachfrage als strategische, aber nicht zwingend gleichmäßig wachsende Größe beschreibt.

Neben Zentralbanken spielen auch Anleger über Gold-ETFs eine Rolle. Bei physisch besicherten Gold-ETFs wuchs die Nachfrage zuletzt deutlich: Im August flossen weltweit 18 Milliarden US-Dollar in entsprechende Produkte, die Bestände stiegen um 121 Tonnen auf einen Rekord von 4.189 Tonnen. Auffällig ist außerdem die Entwicklung im September: Obwohl der Goldpreis im Monatsverlauf um mehr als acht Prozent nachgab, verzeichneten globale Gold-ETFs laut World Gold Council weiterhin Zuflüsse von mehr als 70 Tonnen. Das Muster deutet darauf hin, dass ein Teil der Nachfrage nicht rein taktisch auf Preisniveaus reagiert, sondern sich an strukturellen Anlageüberlegungen orientiert – etwa an der Rolle von Gold als Diversifikator im Multi-Asset-Portfolio.

Für die kurzfristige Preisbildung bleibt aber das Zins- und Dollarumfeld der unmittelbare Gegenspieler. Gold wirft keine laufenden Zinsen ab; steigen die Renditen von Staatsanleihen, wachsen damit die Opportunitätskosten einer Goldanlage gegenüber zinsbringenden Instrumenten. Gleichzeitig kann ein festerer US-Dollar Gold für Käufer außerhalb des Dollarraums verteuern. Genau diese Faktoren belasten Gold derzeit: Die US-Renditen sind zuletzt spürbar gestiegen, der Dollar zeigte ebenfalls Stärke. Dennoch hält sich der Goldpreis oberhalb der Marke von 4.100 US-Dollar je Feinunze – ein Hinweis darauf, dass die strategische Nachfrage aus Zentralbanken und die Anlageflüsse über ETFs offenbar einen Teil der Gegenkräfte kompensieren.

Für Anleger verdichtet sich daraus ein Spannungsfeld, das sich in drei Fragen operationalisieren lässt. Bleiben Zentralbanken trotz hoher Goldpreise strukturelle Käufer, oder nimmt das Tempo zeitweise ab? Setzen sich die Zuflüsse in Gold-ETFs fort, oder kippt die Nachfrage nach Kursrücksetzern wieder in Richtung Abflüsse? Und wie entwickeln sich US-Renditen und der Dollar, also die Variablen, die kurzfristig besonders stark auf den Goldpreis wirken? Nagels Aussagen liefern vor allem eine langfristige Einordnung: Physisches Gold wird als Reservebaustein offenbar weiterhin nachgefragt, weil es in Stressszenarien eine andere Risikoprofilierung bietet als viele zinstragende Alternativen. Für die kurzfristige Kursrichtung bleibt dann das Zusammenspiel aus Zentralbanknachfrage, ETF-Flows, Zinsen, Währung und geopolitischen Risiken entscheidend.


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