LONDON (IT BOLTWISE) – 10x Researchs Analyst Markus Thielen rechnete im Sommer 2026 mit einem Bitcoin-„Bottom“ zwischen 46.000 und 47.000 US-Dollar. Tatsächlich blieb BTC bei rund 57.717 US-Dollar zwar am Tief hängen, schaffte aber danach einen starken Anstieg Richtung 86.000 US-Dollar. Ausschlaggebend war weniger die charttechnische Elliott-Wave-Idee als die unerwartet anziehende Nachfrage über Spot-Bitcoin-ETFs. Damit zeigt sich erneut, wie schnell makroökonomische Annahmen an realen Käuferströmen scheitern.

Wie eine Bitcoin-Bärenwette bei 46.000 US-Dollar scheiterte
Wie eine Bitcoin-Bärenwette bei 46.000 US-Dollar scheiterte (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Sommer 2026 klang die Bärenthese von Markus Thielen, Analyst bei 10x Research, zunächst stringent: Bitcoin sollte nach einem vorherigen Abwärtsimpuls in eine Endphase der Bewegung eintreten und dabei bis auf ein Band von 46.000 bis 47.000 US-Dollar fallen. Der konkrete Zeitrahmen war ebenfalls gesetzt: Thielen hatte zunächst ein Tief zwischen Ende August und Oktober in Aussicht gestellt und später die Erwartungen verschoben. Doch die Marktdaten hielten sich nicht an diese Projektion. Bitcoin markierte am 30. Juni sein Tief bei 57.717 US-Dollar – nur wenige Tage nach der ersten Prognose – und notiert seither deutlich höher, was die Frage nach dem tatsächlichen Bruchpunkt des Bear-Cases in den Vordergrund rückt.

Der Kern der ersten Thielen-Logik bestand aus zwei Makro-Komponenten: einem festeren US-Dollar und einer Federal Reserve, die aus seiner Sicht eher restriktiv bleiben würde. Ein stärkerer Dollar wirkt über mehrere Kanäle: Wer in einer anderen Währung investiert, sieht Bitcoin in seiner eigenen Währung teurer. Gleichzeitig können höhere Zinsen die Opportunitätskosten für riskantere Assets erhöhen, weil Cash- und Anleiheinvestments attraktiver werden. Dazu kam, dass der Markt zur damaligen Zeit darüber diskutierte, ob der nächste Schritt der Notenbank eher Richtung Zinserhöhung als Richtung Zinssenkung gehen würde – eine Konstellation, die in Thielens Szenario den Druck auf das Krypto-„Beta“ erhöhen sollte.

In seinem späteren Update kombinierte Thielen diese Makro-Erzählung mit Elliott-Wave-Interpretationen. Diese Methode liest Preischarts als wiederkehrende Wellenmuster und versucht, aus der Struktur der Bewegungen auf zukünftige Zielzonen zu schließen. In Thielens Zählung leitete sich aus einer ersten Abwärtswelle bis etwa 63.000 US-Dollar im Februar und einer darauffolgenden Erholung auf rund 82.000 bis 83.000 US-Dollar schließlich die Annahme einer abschließenden Welle (Wave C) ab, die auf 46.000 bis 47.000 US-Dollar führen sollte. Was daran plausibel wirken konnte: Elliott-Pattern sind häufig dort am besten, wo Nachfrage und Angebotsdynamiken über längere Zeit in klaren Phasen verlaufen. Genau diese Voraussetzung geriet jedoch ins Wanken, als sich die Käuferseite im relevanten Zeitraum unerwartet dynamisch zeigte.

Der schnellste Test kam über die ETF-Nachfrage. Spot-Bitcoin-ETFs – also Produkte, die Privatanlegern den Zugang über normale Brokerage-Accounts ermöglichen – verzeichneten im dritten Quartal laut der vorliegenden Darstellung insgesamt rund 6,3 Mrd. US-Dollar an Zuflüssen. Besonders auffällig war ein Teilfenster: Am Ende des September beliefen sich die Zuflüsse in nur vier Tagen auf 2,3 Mrd. US-Dollar. In Thielens ursprünglicher Erwartung spielte eine Aussage eine zentrale Rolle: Er sprach sinngemäß davon, dass es „keinen echten Käufer“ im Markt gebe. Die Daten wirkten dem Bear-Case jedoch direkt entgegen. Wenn ETF-Gelder in großem Stil in den Markt drängen, braucht es nicht zwingend klassische „Buy-the-dip“-Käufer in jeder Preisschicht – der Mechanismus über Fondsaggregate kann Nachfrage sogar dann erzeugen, wenn andere Akteure noch zurückhaltend sind.

Diese Nachfrage-Dynamik erklärt zudem, warum das Wellenziel aus Thielens Elliott-Zählung nicht erreicht wurde. Wave C hätte aktives Verkaufen erfordert, um die Kurve wieder nach unten zu ziehen. In der Realität schien jedoch ein wesentlicher Teil des verkaufsseitigen Angebots von ETF-getriebenen Käufern absorbiert zu werden. Nach der Darstellung kontrollierten diese ETF-Strukturen bis Ende September etwa 6,3 % des gesamten Bitcoin-Angebots im Umlauf. Für den Bear-Case ist das ein entscheidender Unterschied: Selbst wenn einzelne Marktteilnehmer in Richtung „Kapitalerhalt durch Abverkauf“ tendieren, kann eine parallele, strukturelle Kaufnachfrage die erwartete Liquiditätslage verändern. Dazu passt auch die Beobachtung, dass Bitcoin in dem Zeitraum, in dem das Tief zwischen Ende August und Oktober erwartet worden war, nicht in das angepeilte Band zurückfiel, sondern stattdessen vom Juni-Tief aus weiter anstieg.

Trotzdem ist Thielens Dollar- und Fed-Ableitung noch nicht vollständig „widerlegt“, sondern lediglich praktisch übersteuert worden. Denn Preisbewegungen allein beweisen nicht, dass genau die Makroannahmen korrekt waren. Entscheidend ist vielmehr, ob sich die Zins- und Währungskomponente im Zeitverlauf tatsächlich so entwickelt hat, wie Thielen sie erwartete. In der Darstellung werden für den geldpolitischen Fahrplan zwei Datenpunkte genannt: Eine Fed-Entscheidung wurde am 16. September getroffen, weitere Treffen sind für den 27. und 28. Oktober vorgesehen. Diese Schritte können Rückschlüsse zulassen, ob der beobachtete Kurssprung eher mit einer realen Zins-Entspannung übereinstimmt oder ob andere Faktoren – etwa Kapitalströme aus dem ETF-Segment oder technische Repositionierungen – im Vordergrund standen.

Auch der zweite Teil des Bear-Case, die Zielspanne für das Jahresende, muss in der aktuellen Lage neu eingeordnet werden. Thielen erwartete zunächst eine Erholung auf 60.000 bis 65.000 US-Dollar ausgehend von der unteren Zielzone 46.000 bis 47.000 US-Dollar. Bei einem aktuellen Kurs um 86.000 US-Dollar würde das bereits eine erhebliche Gegenbewegung voraussetzen: In der Darstellung entspricht das einem Rückgang um rund 24 % bis 30 % bis zum 31. Dezember. Das ist nicht unmöglich, aber es beschreibt ein deutlich anderes Szenario als die ursprüngliche Erwartung. Für Anleger und Risikoverantwortliche liegt der praktische Lernpunkt daher nicht in der Frage „hat ein Analyst recht oder unrecht?“, sondern darin, welche Marktsegmente in Krisenphasen tatsächlich Nachfrage erzeugen. Wenn ETF-Zuflüsse den Markt tragen, kann eine chartbasierte Verkäuferlogik an ihren Annahmen scheitern.

Die Bärenthese hat allerdings weiterhin eine potenzielle „zweite Tür“: Sollte Bitcoin unter sein 2026-Tief von 57.717 US-Dollar rutschen, bevor das Jahr zu Ende geht, und sollten ETF-Abflüsse in der vierten Quartalshälfte wieder anziehen, könnten die unteren Kursziele erneut diskussionsfähig werden. Dann würde sich das Bild drehen: Statt „Wave C wird durch Fonds-Käufe gekontert“ wäre eher „Nachfrage kippt, Verkäufer bekommen wieder Raum“ zu erwarten. Solange der kritische Bereich über dem Tief gehalten wird und die Nachfrage aus dem Fondsumfeld nicht sichtbar nachlässt, bleibt jedoch der zentrale Widerspruch bestehen: Die Annahme, es gebe „keinen realen Käufer“, wurde durch die beobachteten ETF-Gelder im relevanten Zeitraum praktisch widerlegt. Genau das macht die Episode für Marktteilnehmer so lehrreich – sie zeigt, dass Makro-Modelle zwar Orientierung geben können, die kurzfristige Preisbildung aber oft an konkreten Kapitalströmen hängt.


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