VANDENBERG SPACE FORCE BASE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die SSPICY-Mission von NASA startet am 1. Oktober und bringt ein kleines Raumschiff nahe an nicht mehr funktionsfähige Objekte im niedrigen Erdorbit. Die Otter-Plattform soll in den ersten Schritten im Jahr 2027 autonom bis auf wenige hundert Meter heranfahren und dabei Computer Vision sowie Sensoren für Echtzeit-Entscheidungen nutzen. Während der Inspektion sollen unter anderem Spin-Rate, Ausrichtung und Oberflächenzustand erfasst werden. Ziel ist ein integriertes System, das langfristig Reparatur- und Deorbit-Technologien sowie die Überwachung von orbitalem Müll unterstützen kann.

Für Betreiber von Satelliten ist der Blick „in die Nähe“ längst ein eigenes Thema geworden: Nicht nur die eigene Technik muss zuverlässig laufen, auch der Zustand anderer Objekte im niedrigen Erdorbit entscheidet darüber, wie sicher Bahnsegmente nutzbar bleiben. Genau hier setzt die von der NASA unterstützte Small Spacecraft Propulsion and Inspection Capability (SSPICY)-Mission an. Am 1. Oktober startete ein Raumschiff vom Vandenberg Space Force Base in Kalifornien, um defekte, nicht mehr in Betrieb befindliche Raumobjekte US-amerikanischen Ursprungs aus kurzer Distanz zu inspizieren und daraus Ansätze für spätere In-Space-Services abzuleiten.
Das Konzept wirkt auf den ersten Blick schlicht: Ein kleines Otter-Fahrzeug nähert sich bis zu vier inoperablen Zielen im Low Earth Orbit. Entscheidend ist aber, wie eng die Mission technologisch verzahnt ist. Laut NASA soll der Otter-„Approach“ Anfang 2027 mit autonomer Navigation starten, und zwar in Distanzen von hunderten Yards zu jedem Objekt. Dafür kommt eine Software für Guidance and Control zum Einsatz, bei der die Bodenstation nur minimal eingreifen muss. In der Praxis heißt das: Während sich das Raumschiff dem Ziel nähert, sollen Computer Vision und Sensoren die Navigation in Echtzeit steuern und dabei Entscheidungen direkt an Bord treffen.
Während der Inspektion ist nicht nur das „Zuschauen“ geplant. Das Raumschiff soll laut Missionsbeschreibung konkrete Zustandsdaten sammeln, etwa die Rotations- bzw. Spin-Rate, die Ausrichtung (Orientation) und die Oberflächenlage bzw. den Oberflächenzustand. Diese Parameter sind für das Risikoprofil eines Objekts häufig zentral, weil sich daraus Bewegungsmuster ableiten lassen und man besser versteht, ob es sich eher um ein stabil fragmentiertes Reststück handelt oder ob instabiler Zustand zu künftigen Kaskaden beitragen kann. Ergänzend sieht SSPICY eine elektrische Antriebsarchitektur vor, damit das System zwischen den einzelnen Inspektionsobjekten wechseln kann, ohne dass die Mission für jeden Zielwechsel auf neue, komplett getrennte Bahnphasen angewiesen ist.
Technisch besonders interessant ist dabei die Kombination aus Antriebs- und Manövrierlogik mit einem mechanischen Testelement. Während der Mission soll ein ausfahrbarer, schwenkbarer Roboterarm (articulating robotic boom) verwendet werden, um das Ausrichten der Triebwerke für präzises Manövrieren zu prüfen, und zwar im Kontext unterschiedlicher Orbits. Das ist nicht nur „Engineering-Showcase“, sondern ein Baustein für spätere Operationen im Orbit, bei denen sich Annäherung, Lagekontrolle und zielgerichtete Schubvektoren zuverlässig zusammenbringen müssen. Gleichzeitig betont die NASA, dass der Otter dabei keine Satelliten berührt oder ankoppelt; die Mission testet die dafür nötigen Technologien, ohne ein Andocken oder einen aktiven Eingriff in fremde Systeme vorzusehen.
Der Hintergrund dafür ist absehbar: Raumobjekte wie Satelliten und Raketenstufen können auseinanderbrechen oder kollidieren, wodurch sich unterschiedlich große Trümmer bilden – von größeren Fragmenten bis hin zu kleinen Teilchen. Gerade weil jedes Jahr tausende Satelliten gestartet werden, die Kommunikation, Wettervorhersage oder Navigation unterstützen, verschiebt sich die Priorität in der Raumfahrt vom rein technischen Betrieb hin zu zusätzlicher Robustheit gegenüber „Nachbarschaftsrisiken“ im Orbit. SSPICY will die Grundlage dafür liefern, defekte oder ausgediente Objekte schneller zu charakterisieren, statt nur aus großer Entfernung Katalogdaten zu pflegen. So entsteht perspektivisch ein besserer Informationsfluss für Missionsplanung und für Entscheidungen, ob ein Objekt künftig eher überwacht, kontrolliert oder kontrolliert aus dem Orbit entfernt werden sollte.
Wer in Unternehmen oder Forschungseinrichtungen auf der Suche nach Anschlussfähigkeit ist, findet in SSPICY vor allem drei produktionsnahe Entwicklungslinien: erstens autonome Annäherungs- und Navigationssoftware für Szenarien mit wenig Bodeninteraktion, zweitens Bild- und Sensorauswertung für reale, unvorhersehbare Zielgeometrien sowie drittens die Kopplung von Antrieb, Manövrieren und mechanischen Teststrukturen. Starfish Space entwickelt und betreibt dabei die Otter-24C-Plattform, während die NASA das Vorhaben über das Small Spacecraft and Distributed Systems program in ihrer Research and Technology Mission Directorate finanziert und steuert. Zusätzlich unterstützen NASA-SBIR/STTR-Förderungen (Small Business Innovation Research / Small Business Technology Transfer) die frühen Entwicklungsstufen zentraler Technologien, was typisch für Seed-Phasen im Raumfahrtumfeld ist: Viele der heute nötigen „In-Orbit“-Fähigkeiten müssen zuerst als integrierbares System nachgewiesen werden.
Für die nächsten Monate und den weiteren Verlauf bis zur frühen 2027-Phase wird deshalb weniger die Schlagzeile „Inspektion“ im Fokus stehen, sondern die Frage, wie gut die Mission die Technologien als integriertes System zusammenführt. Laut NASA ist das der erste Test, bei dem genau diese Bausteine gemeinsam funktionieren sollen. Wenn die Annäherung und Lage-Erfassung wie geplant abläuft, entsteht eine praktische Referenzarchitektur dafür, wie zukünftige In-Space-Servicing-Missionen Objekte ohne Docking- oder Berührungsmanöver zunächst sicher klassifizieren könnten. Damit rückt auch das übergeordnete Ziel näher, entweder Raumobjekte kontrolliert zu entfernen – etwa durch Ziehen in die Erdatmosphäre zur Entsorgung – oder für spätere Reparaturkonzepte verlässliche Zustandsdaten bereitzustellen.
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