LONDON (IT BOLTWISE) – Viszerales Bauchfett wird heute als aktives Risikogewebe verstanden, das Entzündungen und Stoffwechselstörungen antreibt. Eine Auswertung zur PARAGON-HF-Studie zeigt dabei einen deutlichen Unterschied: Während der BMI nur 49 Prozent als adipös einordnet, identifiziert der Taillen-zu-Größe-Quotient (WHtR) bei 96 Prozent eine zentrale Adipositas. Zusätzlich hatten 37 Prozent der nach BMI nicht-adipösen Personen erkennbares Bauchfett. Für die Praxis heißt das vor allem: Maßband und WHtR liefern einen schnelleren Hinweis auf Handlungsbedarf als die reine Gewichtszahl.

Viszerales Bauchfett sitzt nicht einfach als „Energiespeicher“ hinter der Bauchwand, sondern wirkt wie ein Stoffwechselorgan: In der Bauchhöhle um innere Organe gelagert, gibt es kontinuierlich freie Fettsäuren und entzündungsfördernde Botenstoffe wie Interleukin-6 und TNF-alpha ab. Diese Signale gelangen in die Pfortader und können so chronische Entzündungsprozesse fördern. Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel, weil sich daraus mehrere Krankheitsketten ableiten lassen: Insulinresistenz und damit Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, zudem ein höheres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Auch die nicht-alkoholische Fettlebererkrankung wird in diesem Kontext häufig als Folge eines ungünstigen Stoffwechselmilieus diskutiert.
Wenn man diese Mechanismen ernst nimmt, wirkt es schnell unplausibel, das Risiko primär über den Body-Mass-Index (BMI) zu beurteilen. Der BMI trennt nicht zwischen Muskel- und Fettmasse und er sagt wenig darüber aus, wie sich das Gewebe verteilt. Genau hier kommen die TOFI-Typen ins Spiel („thin outside, fat inside“): Außen wirken Menschen häufig schlank, innen kann aber eine gefährliche Fettmenge rund um die Organe vorliegen. Aus medizinischer Sicht sind daher weniger „Gewichtswerte“ als vielmehr Körpermaße entscheidend, um die Verteilung besser abzubilden. Als pragmatische Selbstchecks dienen vor allem Taillenumfang und WHtR: Der Taillenumfang orientiert sich an WHO-Schwellen, bei Frauen etwa ab 80 Zentimetern moderates und ab 88 Zentimetern hohes Risiko, bei Männern ab 94 Zentimetern moderates und ab 102 Zentimetern deutlich erhöhtes Risiko. Beim Taillen-zu-Größe-Verhältnis (WHtR) wird der Taillenumfang durch die Körpergröße geteilt; ein Wert unter 0,50 gilt als gesund, 0,50 bis 0,59 als moderat erhöht und ab 0,60 als deutlich erhöht.
Wie stark der BMI blenden kann, zeigt die Auswertung der PARAGON-HF-Studie mit 4.796 Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz und erhaltener Auswurffraktion. Nach BMI wurden lediglich 49 Prozent als adipös eingestuft, während nach WHtR 96 Prozent eine zentrale Adipositas aufwiesen. Besonders aussagekräftig ist zudem der Befund, dass 37 Prozent der nach BMI nicht-adipösen Personen dennoch ausgeprägtes Bauchfett hatten. Diese Kombination aus „Untererkennung“ (BMI übersieht zentrale Fettdepots) und „Heterogenität“ (Bauchfett kann trotz normal wirkendem Gewicht vorhanden sein) macht deutlich, warum Verteilungsmaße in der klinischen Risikostratifizierung so wertvoll sind. Der Kardiologe Alexander Peikert von der Medizinischen Universität Graz erhielt für diese wissenschaftliche Arbeit den Desmond Julian Award des European Heart Journal. Für die Praxis bedeutet das: Wer nur auf Gewicht oder BMI schaut, verpasst möglicherweise genau jene Patientengruppe, in der chronische Entzündungs- und Stoffwechselpfade bereits aktiv sein können.
Das Thema wird mit dem Alter zusätzlich dynamisch, weil sich hormonelle Rahmenbedingungen und Körperzusammensetzung verschieben. Ab dem 50. Lebensjahr steigt bei vielen Menschen die Neigung, Fett vermehrt in der Körpermitte einzulagern. Bei Frauen sinkt im Zuge der Menopause die Östrogenproduktion; dadurch verlagert sich die Fettverteilung häufig von einer eher „birnenartigen“ hin zu einer „apfelförmigen“ Form. Bei Männern geht der Testosteronspiegel schrittweise zurück. Parallel nehmen Muskelmasse und Grundumsatz ab; nach den Wechseljahren kann der tägliche Energiebedarf laut Quelle um etwa 200 bis 400 Kilokalorien sinken. Dazu kommt Stress über das Hormon Cortisol, das die Fetteinlagerung begünstigen kann und durch Schlafstörungen verstärkt werden kann. In der Konsequenz sollten Ärztinnen und Ärzte sowie Betroffene bei anhaltender Erschöpfung oder Gelenkbeschwerden nicht nur nach Symptomen suchen, sondern auch die still laufenden Entzündungsprozesse und das metabolische Risiko einordnen. Gerade hier sind Messgrößen wie WHtR nicht „nice to have“, sondern eine relativ schnelle Brücke zwischen alltagstauglicher Beobachtung und klinischer Abklärung.
Wenn Grenzwerte überschritten werden, rückt die diagnostische Einordnung in den Vordergrund: In der Quelle wird empfohlen, bei erhöhten Taillenumfang-Werten ärztlich einen Nüchternblutzucker, den HbA1c-Wert, Leberwerte sowie das Fettprofil mit Blick auf HDL, LDL und Triglyceride abzuklären. Gleichzeitig bleibt der Schwerpunkt der Therapie auf Lebensstilmaßnahmen, denn der gezielte Abbau viszeraler Fettdepots gelingt primär über Interventionen im Alltag. Fachleute empfehlen dafür ein moderates Kaloriendefizit von 300 bis 500 Kilokalorien pro Tag, was eine realistische Gewichtsabnahme von 0,5 bis 1 Kilogramm pro Woche unterstützen soll. Ernährung spielt dabei eine konkrete Rolle: ballaststoff- und eiweißreiche Kost sowie der Verzicht auf zuckerhaltige Getränke, Fast Food, Weißmehl und Alkohol werden als unterstützend genannt. Gleichzeitig warnt die Quelle vor „Wundermitteln“: Ingwer oder Essig hätten demnach keinen direkten fettverbrennenden Effekt. Besonders effektiv ist körperliche Aktivität; genannt werden drei bis vier Einheiten Ausdauer pro Woche mit jeweils 30 bis 45 Minuten sowie regelmäßiges Krafttraining. Eine Untersuchung an 65 postmenopausalen Frauen deutet darauf hin, dass 15 Wochen Krafttraining mit mindestens zwei Einheiten pro Woche das Bauchfett messbar reduzieren können.
Neben Prävention und Lebensstil steht auch Forschung unter pharmakologischen Vorzeichen auf dem Programm. Genannt wird der Wirkstoff CBL-514 eines Unternehmens, der Fettzellen gezielt in den Zelltod treiben soll. In Phase-2-Daten mit 46 Erwachsenen zeigte sich nach Injektionen in das Unterhautfett des Unterbauchs gegenüber Placebo eine signifikante Verringerung des MRT-gemessenen viszeralen Fettvolumens. Entscheidend ist aber die nächste Prüfstufe: Klinisch bedeutsame Gewichtsabnahmen oder ein nachgewiesener Schutz vor Folgeerkrankungen seien bislang nicht belegt. Genau daraus ergibt sich ein industrie- und forschungsnaher Punkt: Selbst wenn sich Volumenreduktionen per MRT zeigen lassen, müssen therapeutische Wirkungen auf Hard-Endpoints wie Diabetesprogression oder kardiovaskuläre Ereignisse erst robust nachgewiesen werden. Bis dahin bleibt die Kombination aus Früherkennung, messbaren Alltagskriterien (Taillenumfang, WHtR) und konsequenter Bewegung der belastbarste Pfad, weil sie nicht auf die Verfügbarkeit eines spezifischen Medikaments warten müssen.
Für Unternehmen, die Gesundheitsangebote, Präventionsprogramme oder digitale Betreuungsmodelle entwickeln, lässt sich aus den Daten eine klare Produktlogik ableiten: Wenn BMI als alleinige Kennzahl strukturell unterschätzt, braucht es im Screening eine Verteilungsmetriken-Logik. WHtR ist dafür besonders interessant, weil er aus zwei leicht erfassbaren Größen entsteht und die Risikoeinordnung direkt in Kategorien überführt (gesund, moderat erhöht, deutlich erhöht). Damit kann eine Plattform entweder im Onboarding oder in wiederkehrenden Check-ins früh Hinweise priorisieren und die Nutzerinnen und Nutzer zu passenden nächsten Schritten leiten, etwa zu ärztlichen Laborchecks bei Überschreitung der Schwellen. Gleichzeitig kann die Messstrategie helfen, die Diskussion von „Kalorien“ und „Gewicht“ zu entkoppeln: Statt nur zu fragen, was auf der Waage steht, wird sichtbar, wie sich die Körpermitte entwickelt. Diese Umstellung ist nicht nur medizinisch stimmig, sie reduziert auch die Friktion in der Motivation, weil viele Menschen den Zusammenhang zwischen Bauchumfang und Risiko intuitiver verstehen als abstrakte BMI-Grenzen.
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