SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Nasdaq-Chefin Adena Friedman verbindet Tokenisierung mit einem konkreten Ziel: Kapital zu lösen, das heute als Sicherheiten in der globalen Finanzwelt gebunden ist. Im Gespräch verwies sie darauf, dass die Umwandlung von Vermögenswerten wie Staatsanleihen, Aktien und Geldmarktfonds in digitale Tokens Sicherheiten schneller verfügbar machen kann. Der Weg dahin führt aus ihrer Sicht aber nicht nur über Börsen- und Abwicklungsinfrastruktur, sondern vor allem über durchgehend laufende Prozesse für Risiko- und Collateral-Management. KI soll diese Umstellung beim Übergang zu einem 24/7-Handelsumfeld unterstützen.

Tokenisierung wird in der Finanzbranche längst nicht mehr nur als Experiment rund um Kryptowährungen diskutiert. An der TOKEN2049-Konferenz in Singapur zeigte sich Nasdaq-CEO Adena Friedman vor allem von einem praktischen Nutzen überzeugt: Bestimmte Vermögenswerte sind heute in vielen Systemen so in die Kette aus Verwahrung, Abwicklung und Beleihung eingebunden, dass Kapital als Sicherheiten (Collateral) über Länder- und Marktgrenzen hinweg „festhängt“. Wenn man diese Assets – etwa US-Staatsanleihen (Treasurys), Aktien sowie Geldmarktfonds – als digitale Tokens repräsentiert und transferierbar macht, kann das die Geschwindigkeit erhöhen, mit der Collateral zirkuliert, statt in starren Prozessen gebunden zu bleiben.
Technisch bedeutet Tokenisierung zunächst vor allem eine andere Form der Repräsentation: Ein Token steht für einen finanziellen Anspruch, der sich digital übertragen lässt – typischerweise unter Nutzung von Blockchain-Technologie. Friedman argumentierte dabei, dass nicht nur einzelne Instrumente tokenisiert werden sollten, sondern auch der „Fluss“ des Kapitals selbst. Der zentrale Hebel dahinter ist Liquidität: Je besser Collateral in unterschiedlichen Geschäfts- und Abwicklungsketten eingesetzt werden kann, desto geringer wird der Bedarf, große Volumina nur für Sicherheitszwecke vorzuhalten. Genau an dieser Stelle entsteht das von ihr angesprochene Potenzial in der Größenordnung von „tens of billions of dollars“ für zuvor gebundenes Kapital, sofern sich die Prozesse in der Praxis tatsächlich durchgehend und zuverlässig automatisieren lassen.
Damit Tokenisierung nicht an operativen Grenzen scheitert, adressierte Friedman vor allem den Schritt zu einem voll durchgehenden Marktmodell. Ein 24/7-Handelsbetrieb wäre zwar für viele Privatanleger attraktiv, weil er den Wunsch nach Handel außerhalb klassischer Börsenzeiten erfüllt, doch er stellt die Finanzindustrie auch vor grundlegende organisatorische Anforderungen. In geschlossenen Marktphasen wird üblicherweise nicht nur aktualisiert, sondern es werden auch Risiko- und Collateral-Checks geplant; diese Puffer müssten in einem 24/7-Setup kontinuierlich stattfinden. „Alles muss in Echtzeit“ – so lässt sich ihre Aussage zusammenfassen – bedeutet für die beteiligten Systeme: weniger Batch-Windows, mehr Streaming-Logik, dauerhaft verfügbare Validierungsschichten und eine Risikoüberwachung, die nicht auf Tagesendläufe angewiesen ist.
Aus ihrer Sicht kann Künstliche Intelligenz diesen Umbau beschleunigen. Konkret nannte Friedman bei Nasdaq den Einsatz digitaler Agenten innerhalb einer Risk-Management-Plattform: Diese Agenten liefern zunächst Empfehlungen, während sie im Laufe der Zeit so trainiert und in Workflows eingebunden werden sollen, dass Banken und andere Institute mehr direkte Aktionen auslösen können. Für Unternehmen ist das ein wichtiger Unterschied: KI wird damit nicht als „Orakel“ verstanden, sondern als Bestandteil eines regel- und menügeführten Entscheidungsprozesses. In einer Welt, in der Collateral-Transaktionen und Risikoereignisse potenziell rund um die Uhr auftreten, kann ein Agentenansatz helfen, Ausnahmen schneller zu erkennen, Konsistenzprüfungen zu unterstützen und die Latenz zwischen Ereignis und Reaktion zu reduzieren.
Der Markttrend, den Friedman skizzierte, hat zudem eine regulatorische Dimension. Sie verwies auf den in den USA etablierten Rahmen für Stablecoins, der institutionelles Interesse an Tokenisierung in den vergangenen zwölf Monaten befördert haben soll. Das ist insofern relevant, als Tokenisierung im Wertpapier- und Zahlungsverkehr nur dann skaliert, wenn sich Rechtsrahmen, Bewertungslogik und Compliance-Anforderungen in den technischen Entwurf integrieren lassen. Parallel dazu entsteht Druck von zwei Seiten: Auf der institutionellen Seite wächst die Bereitschaft, neue Abwicklungswege zu prüfen; auf der Retail-Seite bleibt die Nachfrage nach flexibleren Handelsfenstern bestehen, die in manchen Ökosystemen bereits länger als „10 Jahre“ vor der breiteren institutionellen Aufmerksamkeit wahrgenommen wurde.
Auch außerhalb der USA beobachten Akteure die Entwicklung mit Blick auf den Zugang zu amerikanischen Kapitalmärkten. Der Co-CEO der Kryptobörse Kraken, Arjun Sethi, verwies darauf, dass Unternehmen in anderen Regionen Tokenisierung nutzen bzw. vorbereiten, um sich grundsätzlich offener an Kapitalmarktmechanismen anzudocken – einschließlich der Möglichkeit, perspektivisch stärker an US-öffentliche Listings gebunden zu werden. Gleichzeitig bleibt Friedman bei einem wichtigen Punkt bremsbereit: Nicht jedes Asset eignet sich für ein 24/7-Modell, weil Liquidität, Marktstruktur und Preisbildung nicht in jeder Asset-Klasse gleich robust für dauerhafte Handelsfenster sind. Für die Praxis heißt das: Tokenisierung kann den Zugang zu bestimmten Klassen erleichtern, aber sie ersetzt nicht automatisch die ökonomische Frage, wie gut ein Markt tatsächlich in Echtzeit funktioniert.
Für die nächsten Schritte in Unternehmen und Finanzinstituten liegt die Herausforderung weniger in der Token-„Idee“ als in der operativen Verdrahtung. Wer heute mit Risk- und Collateral-Management-Workflows arbeitet, muss sie in Echtzeitfähige Architekturbausteine überführen: Identität und Berechtigung, Zustandsmodelle für Sicherheiten, Ereignisverarbeitung und Auditierbarkeit. KI-Agenten können dabei eine zentrale Rolle spielen, aber sie brauchen genaue Eingabesignale, klare Zielgrößen und eine saubere Einbindung in bestehende Kontrollmechanismen. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, könnte Tokenisierung nicht nur die Art verändern, wie Vermögenswerte bewegt werden, sondern auch, wie viel Kapital Unternehmen für Sicherheiten vorhalten müssen. Entscheidend wird sein, ob die Branche den 24/7-Anspruch technisch und prozessual in den Griff bekommt – und dabei gleichzeitig die Grenzen bei weniger liquiden Assets respektiert.
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