LONDON (IT BOLTWISE) – Die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) kündigt an, die Erwartungen aus einer ESMA-Opinion zu Dienstleistungen rund um nicht MiCAR-konforme Stablecoins im Rahmen ihrer Aufsicht zu berücksichtigen. Betroffen sind insbesondere vermögenswertereferenzierte Token (ARTs) und E-Geld-Token (EMTs), die die Anforderungen der MiCAR-Verordnung (EU) 2023/1114 nicht erfüllen. Zugelassene Krypto-Asset-Dienstleister (CASPs) sollen in der EU weder solche Tokens verfügbar halten noch neue Zugänge ermöglichen oder erleichtern. Die FMA will prüfen, ob bestehende Positionen spätestens innerhalb von drei Monaten nach Veröffentlichung bereinigt werden.

Die Ankündigung der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) adressiert ein Problem, das in der Praxis häufig als „Stablecoins“ gebündelt wird, regulatorisch aber deutlich feiner aufgesplittet ist: Nicht jeder Token, der als stabil beworben wird, passt automatisch in den MiCAR-Rahmen. Ausgangspunkt ist eine ESMA-Opinion vom 08.10.2026 zu Dienstleistungen im Zusammenhang mit nicht MiCAR-konformen vermögenswertereferenzierten Token (Asset-Referenced Tokens, ARTs) sowie E-Geld-Token (E-Money Tokens, EMTs). Für FMA-zugelassene Akteure bedeutet das nicht nur eine Frage der Einstufung, sondern vor allem der konkreten Service-Logik: Welche Token werden angebunden, vermittelt, ge- oder verkauft, und wie wird der Zugang für Kund: innen in der Europäischen Union geregelt?
Technisch knüpft die ESMA-Erwartung an den Kern von MiCAR an: Die Verordnung unterscheidet, ob Token als ART oder EMT in ihren Anwendungsbereich fallen und welche Pflichten dann für Anbieter von Krypto-Wertpapier- oder Krypto-Dienstleistungen gelten. Laut Opinion sollen nach MiCAR zugelassene Crypto-Asset Service Providers (CASPs) in der EU keine Kryptowerte-Dienstleistungen im Zusammenhang mit nicht MiCAR-konformen Stablecoins erbringen. Diese Formulierung greift mehrere Ebenen: Sie betrifft nicht nur den unmittelbaren Handel, sondern auch das Bereitstellen von Infrastruktur und unterstützenden Prozessen, sobald sie mittelbar oder unmittelbar auf die Verfügbarkeit solcher Token für Kund: innen abzielen.
Für Unternehmen, die als CASP tätig sind, ist dabei entscheidend, dass die Erwartung „sämtliche von MiCAR erfassten Kryptowerte-Dienstleistungen“ umfasst. Damit reicht es nicht, einzelne Produktlinien zu stoppen, wenn andere Module im Hintergrund weiterhin die gleiche Zielwirkung entfalten. Die Opinion nennt explizit, dass CASPs den Zugang zu nicht MiCAR-konformen ARTs oder EMTs weder aufrechterhalten noch neu eröffnen und auch nicht durch Dienstleistungen erleichtern sollen. Praktisch heißt das: Selbst wenn eine Plattform etwa über mehrere Schnittstellen verfügt (z. B. Order-Routing, Liquiditätsanbindung, Wallet-Integration oder bestimmte automatisierte Onboarding-Flows), wird die Frage nach der „Verfügbarkeit“ häufig an der Nutzbarkeit durch Kund: innen gemessen.
Damit rückt die Umsetzung auf der technischen, vertraglichen und organisatorischen Ebene in den Mittelpunkt. Gefordert sind geeignete Vorkehrungen, um die Verfügbarkeit nicht MiCAR-konformer ARTs oder EMTs in der Europäischen Union zu verhindern. In der Produkt- und Engineering-Praxis lässt sich das typischerweise nur über eine Kombination aus Daten- und Kontrollschichten lösen: Token-Listen mit überprüfbarer Herkunft, Zustandsprüfungen in der Ausführungskette (etwa vor Auslösung von Trades oder vor dem Bereitstellen von Swap- oder Transfer-Optionen), sowie Protokollierung, die nachweisbar macht, welche Token in welchen Kundenbereichen erreichbar waren. Auch Vertrags- und Policy-Texte sind nicht „nur“ juristische Begleitdokumente, sondern sie prägen, welche technischen Workflows überhaupt erlaubt sind und wie Eskalationen ablaufen, wenn neue Token-Assets auftauchen oder Klassifizierungen nachträglich revidiert werden.
Der Markt-Kontext dahinter ist ebenso klar: In der MiCAR-Ära wird Zugänglichkeit zu Token nicht mehr als neutrales Feature behandelt, sondern als regulierte Dienstleistung. Wenn CASPs nicht nur direkte Angebote, sondern auch das „Erleichtern“ unterlassen sollen, betrifft das die gesamte Kette von Partnern und Integrationen, also die Frage, wer die Token anbindet, wie Quell-Liquidität verarbeitet wird und ob Drittdienstleistungen faktisch denselben Kundennutzen liefern. Für Trader und Zahlungs-Use-Cases kann das spürbar sein, weil Liquidität und Token-Nachfrage häufig gemeinsam wandern: Fällt ein Zugang für Kund: innen in der EU weg, kann das Orderbuch-Tiefe reduzieren und damit die Preisbildung in angrenzenden Märkten indirekt beeinflussen.
Die FMA setzt die ESMA-Erwartungen nun in ihrer Aufsichtspraxis um. Im nächsten Schritt will die Aufsicht prüfen, ob zugelassene CASPs Kryptowerte-Dienstleistungen im Zusammenhang mit nicht MiCAR-konformen ARTs oder EMTs erbringen oder durch ihre Dienstleistungen deren Verfügbarkeit für Kund: innen in der Europäischen Union aufrechterhalten bzw. erleichtern. Wird festgestellt, dass noch bestehende Positionen vorhanden sind, sollen diese nach den Angaben der FMA so rasch wie möglich bereinigt werden; die Bereinigung soll spätestens innerhalb von drei Monaten nach Veröffentlichung der ESMA-Opinion erfolgen. Für betroffene Organisationen ist das ein enger Umsetzungsrahmen, der je nach technischer Komplexität (z. B. Anzahl angebundener Handelspartner, Tiefe der Wallet- und API-Integrationen, Umfang der Token-Registrierung) schnell zu Projektcharakter führt statt zu reiner „Policy-Arbeit“.
In der praktischen Konsequenz wird diese Konstellation Unternehmen dazu bewegen, ihre MiCAR-Compliance nicht als einmalige Asset-Klassifizierung zu betrachten, sondern als fortlaufendes Betriebsmodell. Token-Ökosysteme ändern sich dynamisch, und Stablecoin-Mechanismen werden häufig in Varianten umgesetzt, die in der Außenwirkung ähnlich wirken, regulatorisch aber anders bewertet werden. Wer das jetzt unterschätzt, riskiert nicht nur Einschränkungen im Produktangebot, sondern auch zusätzliche Aufwände für Nachweise, Grenzfallanalysen und die technische Entkopplung bereits integrierter Flows. Für Fachabteilungen bedeutet das: Risikologik, Freigabeprozesse, Monitoring und Incident-Response sollten auf „Token-Verfügbarkeit“ ausgerichtet sein, nicht nur auf sichtbare Frontend-Buttons.
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