MATANZAS / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Journalist aus der staatlichen Zeitung Girón schildert die Härten in Matanzas als Alltag ohne Ausweg. Er beschreibt, wie Kinder in Gruppen um Geld bitten und ältere Menschen in Müllcontainern nach Verwertbarem suchen. Gleichzeitig verknüpft er Energieknappheit mit wachsender sozialer Spaltung, weil Solarstrom für viele Haushalte praktisch unerschwinglich bleibt. Dazu kommen Probleme bei Wasser und Entsorgung, die Straßen tageweise blockieren.

Matanzas wirkt in der Erzählung von Guillermo Carmona nicht wie eine Stadt, die nur vorübergehend mit Lieferproblemen ringt, sondern wie ein System im schleichenden Zerfall. Der Autor, der für Girón schreibt, zeichnet den öffentlichen Raum als Bühne sozialer Not: Kinder streifen demnach in Gruppen umher und fordern Geld, während ältere Menschen in der Nähe von Müllcontainern nach Nutzbarem sortieren. Das Ziel der Darstellung ist dabei weniger eine Momentaufnahme als eine Mechanik, die sich wiederholt und sich in die Wahrnehmung der Bewohner einfrisst. Wenn Carmona sagt, dass ihn das Stadtbild jedes Mal neu erschreckt, benennt er vor allem die Normalisierung des Ausnahmezustands im Alltag.
Technisch betrachtet lassen sich mehrere Krisenstränge erkennen, die sich gegenseitig verstärken, auch wenn Carmona sie vor allem bildhaft verknüpft. Energieausfälle treffen auf einen Alltag, in dem zentrale Infrastruktur ohnehin nicht verlässlich funktioniert. Genau hier setzt sein Gedanke an: Er stellt die soziale Klassenschichtung nicht mehr als Frage von Einkommen im klassischen Sinn dar, sondern als Frage, ob Haushalte Zugang zu Strom haben, in seinem Bild über solargetriebene Elektrizität. Für viele bedeutet das: Ohne stabilen Netzstrom bleibt auch die Nutzung einzelner Geräte eingeschränkt, während Haushalte mit eigener Erzeugung wenigstens Teile des Alltags mit Strom überbrücken können. In der Folge entstehen neue Ungleichheiten, die sich weniger an Bildung oder Beruf festmachen lassen, sondern an der Fähigkeit, Stromversorgung technisch zu kompensieren.
Die Preisdaten, die der Beitrag in diesem Zusammenhang nennt, machen die Hürde greifbar. Für Solarmodule und zugehörige Ausrüstung werden demnach im informellen Markt Preise von rund 990 bis 1.000 US-Dollar genannt; gleichzeitig erwähnen die Angaben auch niedrigere Einzelmodul-Preise und deutlich höhere Kosten für Systeme mit Batterien und Wechselrichtern, also für die Komponente, die Strom auch bei Ausfällen speichert und nutzbar macht. Damit entsteht eine ökonomische Trennlinie: Wer Zugang zu solchen Systemen bekommt, kann nicht nur Lichter einschalten, sondern auch Kühlung, Kommunikation und andere für den Alltag wichtige Prozesse teilweise stabilisieren. Demgegenüber steht eine staatliche Durchschnittslohnangabe von 6.930 kubanischen Pesos pro Monat im Jahr 2025, was bei einem informellen Umrechnungskurs im frühen Oktober 2026 grob 8,9 US-Dollar entspricht. Aus technischer Sicht ist das ein starkes Indiz dafür, dass Investitionszyklen für private Energieerzeugung für viele Haushalte faktisch nicht finanzierbar sind.
Ein zweiter Block betrifft Wasser und Entsorgung, also zwei Systeme, die unmittelbar mit Gesundheit, Hygiene und Urbanität zusammenhängen. Beim Wasserproblem nutzt Carmona eine Metapher des Schiffbruchs: Der Beitrag stellt die Frage, ob Menschen in einer Art „Küchenvorratsraum“-Logik verharren, während grundlegende Versorgung ausbleibt. Laut den genannten Angaben fehlte mehr als 300.000 Einwohnern in Matanzas demnach bis Anfang April eine stabile Wasserversorgung. Ebenso chronisch wirkt die Müllkrise: Die kommunale Entsorgungsfirma betreibt Angaben zufolge mit mehr als der Hälfte ihrer Müllfahrzeuge nicht einsatzfähige Fahrzeuge, unter anderem wegen Dieselknappheit und weiteren Hürden. Das Ergebnis sind lange Blockaden im historischen Zentrum, weil Abfälle liegen bleiben und sich über Tage stauen.
Die Erzählung steht außerdem nicht isoliert da, sondern knüpft an frühere Texte Carmonas an. Bereits im Juni hatte er laut Beitrag einen Zustand beschrieben, in dem eine Nacht ohne Strom wie die Erfahrung von „Kriegsflüchtlingen“ wirkt; im Februar 2025 thematisierte er außerdem bürokratische und logistische Hürden bei der Überführung des Körpers seiner Großmutter, die er auf Kraftstoffmangel zurückführt. Gerade diese Wiederkehr macht deutlich, dass es nicht nur um „schlechte Tage“ geht, sondern um strukturelle Engpässe, die sich in unterschiedliche Lebensbereiche übersetzen. Für Leser entsteht so eine zusammenhängende Deutung: Energie, Wasser und Transport sind nicht getrennte Probleme, sondern Teil einer Kette, die am Ende im Alltag sichtbar wird.
Auch die Reaktionen zeigen, wie stark das Thema die Öffentlichkeit emotional und politisch auflädt. In den Kommentaren wird etwa die Frustration über Verantwortliche benannt, die „nichts unternehmen“ würden; andere Leser bündeln ihre Angst in kurzen Sätzen über eine tägliche Beunruhigung. Solche Reaktionen sind nicht nur Stimmungsbarometer, sie weisen auch darauf hin, dass die berichteten Zustände als Verfestigung der Krise verstanden werden: Wer täglich Müllberge sieht oder mit unzuverlässigem Wasser klarkommen muss, erlebt Fehlsteuerung nicht als abstraktes Regierungsproblem, sondern als unmittelbare Realität vor der Haustür. Damit wird verständlich, weshalb die Metaphern in Carmonas Text so stark wirken; sie geben einer Erfahrung eine Form, die sonst schwer in Worte zu fassen ist.
Als harte Rahmung nennt der Beitrag zudem Zahlen, die den Hintergrund der beschriebenen Einzelerfahrungen liefern sollen. Das Cuban Observatory of Human Rights wird mit der Schätzung zitiert, dass 94% der Bevölkerung in extremer Armut leben. Gleichzeitig wird auf die Aussage des Premierministers Manuel Marrero Cruz verwiesen, wonach 883.000 Fälle „vulnerabler Situationen“ im Land existieren. In der Schlusssequenz verdichtet Carmona das alles noch einmal: Er beschreibt, dass er ein Tor so öffnet, als betrete er ein Schlachtfeld nach dem Ende der Schlacht. Ein Leser formuliert die Übertragung auf das größere Ganze mit dem Satz, Matanzas sei heute „jede Stadt“ – und damit auch ein Spiegel für andere Regionen Kubas.
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