LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Befragung von 1.632 Erwachsenen in Südkorea zeigt, dass Glaube an göttliche Unterstützung weniger Neigung erzeugt, Arme für ihr Schicksal verantwortlich zu machen. Dagegen verstärkt ein starker Glaube an übernatürliches Böses die Neigung, Armut als Folge gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen zu sehen. Interessant ist auch die Wechselwirkung: Bei konservativen Befragten führt der Glaube an Dämonen, Hölle und den Teufel besonders stark zu systemorientierten Erklärungen. Die Studie wirft damit neue Fragen auf, wie spezifische Glaubensinhalte politische Ideologie und sozialpolitische Präferenzen beeinflussen.

Umgang mit Armut: Welche religiösen Vorstellungen politische Haltung prägen
Umgang mit Armut: Welche religiösen Vorstellungen politische Haltung prägen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Armut erklärt, entscheidet oft unbewusst, wer „zuständig“ ist: die betroffene Person oder das Umfeld. Eine aktuelle Studie aus dem Bereich der Sozialforschung nimmt dafür nicht nur allgemeine Religionszugehörigkeit in den Blick, sondern unterscheidet nach konkreten theologischen Vorstellungen. Im Zentrum stehen zwei Varianten: der Glaube an eine unterstützende göttliche Präsenz und der Glaube an übernatürliches Böses, etwa Dämonen, die Hölle und den Teufel. Die Ergebnisse machen deutlich, dass nicht jede religiöse Haltung automatisch zu derselben politischen Schlussfolgerung führt – und dass die gesellschaftliche Debatte über Ungleichheit stärker von „Content“ im Glauben abhängen kann als von der Frage, welcher Tradition man sich grob zuordnet.

Die theoretische Klammer dahinter ist in der Soziologie als stratification beliefs bekannt: Menschen erklären unterschiedliche Lebenslagen mit entweder individualistischen oder strukturellen Deutungsmustern. Individualistisch bedeutet dabei, Armut vor allem als Folge von persönlicher Unzulänglichkeit zu betrachten, etwa mangelndem Einsatz, fehlendem Talent oder fehlender finanzieller Disziplin. Strukturell orientiert heißt dagegen, Armut als Ergebnis von Systemfaktoren zu begreifen, beispielsweise Diskriminierung, niedrigen Löhnen oder unterfinanzierten Schulen. Dass diese Muster sich auf politische Präferenzen auswirken, ist in der Forschung schon länger plausibel: Welche Ursachen man für Armut für am wichtigsten hält, korreliert typischerweise auch mit der Unterstützung von Wohlfahrtsprogrammen und Umverteilungsmaßnahmen. Die neue Studie erweitert diese Perspektive, weil sie statt „Konfession ja/nein“ nach spezifischen Glaubensakten fragt.

Methodisch haben die Autorinnen und Autoren um Jong Hyun Jung, Muhan Chen und Harris Hyun-soo Kim den Einfluss der beiden supernaturalen Vorstellungen direkt gegeneinander getestet. Grundlage ist eine Online-Befragung mit 1.632 Erwachsenen in Südkorea, durchgeführt im August 2024. Die Teilnehmendengruppe wurde so rekrutiert, dass sie in Alter, Geschlecht und regionaler Verteilung der nationalen Struktur entspricht. Zusätzlich haben die Forschenden Befragte ausgeschlossen, die angaben, vollständig nicht an eine Gottheit zu glauben, weil die Fragen zu Beziehungen mit Gott sonst nicht sinnvoll auswertbar gewesen wären. Gemessen wurde die „göttliche Unterstützung“ über zwei Items: ob die Befragten sich eine warme Beziehung zu Gott zuschreiben und ob Gott auf ihre persönlichen Bedürfnisse reagiert. Der Glaube an übernatürliches Böses wurde über die Überzeugung in Dämonen, Hölle und den Teufel operationalisiert.

Bei der Analyse zeigte sich zunächst ein überraschend nüchterner Befund: Weder der Glaube an göttliche Unterstützung noch der Glaube an Dämonen, Hölle und Teufel war signifikant mit individualistischen Erklärungen für Armut verbunden. Anders gesagt: Wer eine enge, warme Beziehung zu Gott berichtet, ist nicht automatisch stärker geneigt, arme Menschen für ihre Lage verantwortlich zu machen – und das Gleiche gilt auch für Menschen mit starkem Bekenntnis zu übernatürlichem Böses. Die Forschenden diskutieren hierfür einen möglichen Mechanismus über den karitativen Charakter religiöser Praxis: Wenn ein unterstützender Gott als Quelle von Mitgefühl und Nähe wahrgenommen wird, kann das harsches Urteilen über Personen in prekären Lebenslagen verhindern. Gleichzeitig wird ein struktureller Fokus erst dann deutlich, wenn die Betrachtung auf systemische Ursachen gelenkt wird.

Genau dort setzt die zweite, deutlichere Musterlage an. Der Glaube an göttliche Unterstützung war negativ mit der Tendenz verknüpft, strukturelle Treiber wie niedrige Löhne, Diskriminierung oder das Versagen privater Branchen als Hauptursachen von Armut zu betonen. Das passt zu einer Idee, die in der Forschung als insurance effect beschrieben wird: Religion kann psychologische Sicherheit geben, wie eine Art „sozialer Puffer“. Wenn Menschen sich in schwierigen Zeiten durch eine göttliche Instanz abgesichert fühlen, sinkt möglicherweise der wahrgenommene Druck, staatliche Intervention als zentrale Lösung zu sehen. Umgekehrt war der Glaube an übernatürliches Böses positiv mit strukturalistischen Erklärungen verbunden. Befragte, die stark an Teufel, Hölle und Dämonen glaubten, waren eher bereit, Armut auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Systeme zurückzuführen. Die Autorinnen und Autoren interpretieren das im Rahmen eines „spiritual warfare“-Weltbildes: In dieser Sicht steht die Welt im Zeichen eines Kampfes zwischen Gut und Böse. Dann können Diskriminierung, oppressive Strukturen oder schlechte Bildungseinrichtungen als Ausdruck dunkler Kräfte interpretiert werden – und Leid wird eher extern verortet, statt bei den Betroffenen selbst.

Besonders aufschlussreich wird es bei der Interaktion mit politischer Orientierung. Insgesamt waren konservative Befragte weniger geneigt, strukturelle Erklärungen für Armut zu unterstützen als liberale. Dieses Grundmuster wird jedoch durch den Glauben an übernatürliches Böses bei Konservativen deutlich verschoben: Je stärker die Zustimmung zu Dämonen und Hölle ausfiel, desto stärker stiegen die systembezogenen Deutungen. In der Extremgruppe liegen Konservative mit der stärksten Überzeugung in übernatürliches Böses laut den Ergebnissen in der Tendenz nahezu auf einer Linie mit Liberalen, wenn es darum geht, Armut als Folge des Systems zu lesen. Für Liberale dagegen zeigte der Glaube an übernatürliches Böses keine vergleichbar verstärkende Wirkung, weil diese Gruppe strukturalistische Erklärungen ohnehin bevorzugt. Damit liefert die Studie ein anschauliches Beispiel dafür, wie „religiöse Semantik“ politische Einstellungen nicht linear, sondern kontextabhängig moduliert.

Für die Einordnung ist wichtig, dass die Daten eine Momentaufnahme abbilden: Die Befragung erlaubt keine Aussage darüber, ob religiöse Vorstellungen die Einstellungen zu Armut in eine Richtung kausal beeinflussen oder ob bestehende Ansichten über Ungleichheit die Interpretation religiöser Inhalte prägen. Die Autorinnen und Autoren nennen außerdem kulturelle Besonderheiten als mögliche Dämpfung oder Variation: Psychologische Forschung weist darauf hin, dass Menschen in ostasiatischen Gesellschaften häufiger situative und umweltbezogene Erklärungsmuster nutzen, während westliche Befragte häufiger individualistische Deutungen wählen. Genau diese kulturelle Basis könnte die Verbindung zwischen Religion und individualistischen Erklärungen in Südkorea „verdeckt“ haben. Hinzu kommt, dass die Bedeutungen von Gott und „evil“ nicht universell identisch sind: Eine gläubige Buddhistin und ein praktizierender Protestant können Umfragefragen zu übernatürlichen Akteuren unterschiedlich verstehen, weil ihre religiöse Praxis und Lehre nicht deckungsgleich sind.

Auch aus einer techno-orientierten Perspektive ist das Ergebnis nicht nur sozialtheoretisch spannend. In der Praxis ähnelt die Studie einem Design, wie es in der computational social science häufig eingesetzt wird: präzise Konstrukte (hier: zwei theologische Dimensionen) werden operationalisiert, in Items übersetzt und anschließend mit politischen Skalen und kausal plausibel motivierten Mechanismen (individualistisch vs. strukturell; insurance effect; spiritual warfare) statistisch zusammengeführt. Für die KI-gestützte Analyse sozialer Daten ist das relevant, weil es zeigt, dass „Texturen“ im Sinne von spezifischen semantischen Überzeugungen in Modellen oft entscheidender sein können als grobe Kategorien. Gleichzeitig bleibt für Unternehmen, die Umfragen oder gesellschaftliche Signale auswerten, ein methodischer Lernpunkt: Modell-Features sollten so formuliert werden, dass sie nicht nur Zugehörigkeit abbilden, sondern die konkreten Inhalte, die Einstellungen tatsächlich verschieben. Die Studie ist in diesem Sinne weniger ein fertiges Rezept als eine klare Anleitung, wie man in zukünftigen Untersuchungen zwischen Religion als Etikett und Religion als inhaltlicher Bezugsebene unterscheidet.


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