LONDON (IT BOLTWISE) – Neben dem Grand Central Terminal entsteht ein neuer Supertower mit drei öffentlichen Terrassen. Viele Stadtbewohner und Initiativen fordern dafür auch öffentlich zugängliche Toiletten, weil in Midtown der nächstgelegene Zugang oft zu weit ist. Laut Stadtanalyse gibt es zu wenige funktionierende öffentliche Badezimmer, nur ein Teil davon ist überhaupt in Betrieb. Der Pilot für kostenlose Toiletten und ein langfristiges Ziel der Stadt zeigen zugleich, dass die Debatte politisch weitergeht.

Der geplante Supertower neben dem Grand Central Terminal steht sinnbildlich für eine städtische Zielkonfliktlage: Öffentlicher Raum ja – aber bitte ohne den Teil der Infrastruktur, der im Alltag entscheidet, ob Menschen dort länger bleiben können. Geplant sind drei öffentlich zugängliche Terrassen mit Sitzgelegenheiten, Begrünung und Aussicht über Midtown, doch öffentliche Toiletten sollen laut Berichten nicht dazugehören. Für Bewohner und zivilgesellschaftliche Gruppen ist das nicht nur unbequem, sondern ein strukturelles Problem in einer Metropole, in der ohnehin zu wenige Anlaufstellen existieren.
Die Zahlen, die im Diskurs immer wieder auftauchen, stammen aus einer Analyse des Stadtrats: 1.064 öffentliche Toiletten sind demnach in der Stadt insgesamt vorhanden, davon sind jedoch nur 973 betriebsbereit. Damit kommt rechnerisch auf 9.035 Einwohner jeweils etwa ein funktionierendes öffentliches Badezimmer – ein Verhältnis, das in der Praxis besonders in dicht genutzten Quartieren wie Midtown spürbar wird. Advocacy-Gruppen argumentieren, dass diese Knappheit Auswirkungen auf Gesundheit, Gerechtigkeit und Lebensqualität habe. Weil viele der privat betriebenen öffentlich nutzbaren Flächen bislang ohne Toiletten auskommen, wandert die Last für den Alltag in Richtung Parks, Bibliotheken oder – wenn es um „Zwischenstopps“ geht – in Richtung Verkehrsknoten.
Technisch und städtebaulich ist die Debatte dabei eng mit dem Modell der „privately owned public spaces“ verknüpft, das seit den 1960er-Jahren in New York genutzt wird: Private erhalten das Recht, größere Türme zu bauen, wenn sie dafür im Gegenzug öffentlich zugängliche Bereiche mit definierten Ausstattungsmerkmalen schaffen. Dazu zählen klassischerweise Elemente wie Sitzmöglichkeiten, Beleuchtung, Trinkwasserbrunnen, Kunst im öffentlichen Raum – in größeren Arealen sogar Gastronomieangebote. Genau hier verfestigt sich nun eine Lücke: Toiletten sind in diesem Netzwerk bislang in der Regel nicht verpflichtend. In etwa 600 solcher Flächen sollen nur 14 Toiletten vorhanden sein, während zusätzliche Bedingungen etwa bei rein indoorartigen Anlagen aus separaten Bauvorschriften entstehen konnten. Gleichzeitig wurde in der Vergangenheit an einzelnen Standorten beobachtet, dass Eigentümer den Zugang für bestimmte Personengruppen faktisch erschweren – etwa durch abschließbare Zugänge oder sogenannte „hostile architecture“.
Im konkreten Fall geht es um den Tower bei 175 Park Avenue, der von RXR und TF Cornerstone entwickelt wird und laut Projektplanung Anfang 2027 weiter umgesetzt werden soll. Befürworter einer Pflicht für Toiletten verweisen darauf, dass der Standort zwar im Rahmen eines öffentlichen Verfahrens genehmigt wurde, zentrale Anregungen zur Badezimmerfrage aber damals offenbar nicht im Vordergrund standen. Die Stadtverwaltung stellt demgegenüber in Aussicht, dass ein solcher Schritt grundsätzlich denkbar sei, aber an eine genauere Untersuchung gekoppelt werden müsste und sich voraussichtlich eher auf künftige Projekte beziehen würde. Parallel dazu baut die Stadt bereits auf eigene Pilotmaßnahmen: Im September kündigte der Bürgermeister eine einjährige Aktion mit 17 kostenlosen Toiletten an stark frequentierten Plätzen an, finanziert mit 4 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig hat der Stadtrat eine langfristige Strategie beschlossen, die bis 2035 mindestens 2.120 öffentliche Toiletten anstrebt.
Als Gegenmodell dient häufig das Konzept, das im Umfeld des städtischen Parks Bryant Park sichtbar wird: Die dortigen, von Personal betreuten Toiletten werden den Angaben zufolge über Programmeinnahmen mitfinanziert und erreichen im Schnitt rund 3.000 Nutzer pro Tag. Operativ liegen die Kosten dafür bei mehr als 380.000 US-Dollar jährlich. Kritiker halten dagegen, dass ein Transfer der Verantwortung – in die Verkehrsinfrastruktur etwa – den Alltag für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen unverhältnismäßig erschwere. Ein benannter Manhattan-Bewohner, der früher obdachlos war und unter Morbus Crohn leidet, beschreibt, dass er Midtown häufig meidet, weil er die Wegezeiten zu Toiletten nicht „einfach halten“ könne und es zu „close calls“ komme. Damit rückt eine zweite Ebene der Diskussion in den Fokus: Selbst wenn öffentliche Plätze vorhanden sind, sind sie als Aufenthaltsorte erst dann funktional, wenn die kritischen Basisbedürfnisse in Reichweite erfüllt werden.
Für Entwickler und Eigentümer steht wiederum die Frage der Wirtschaftlichkeit und des Betriebs im Raum. In der Debatte werden vor allem Bau- und laufende Kosten genannt, außerdem Bedenken, dass Toiletten missbraucht werden könnten – etwa zum Schlafen oder Waschen durch Menschen ohne Unterkunft. Auch Einzelhandels- und Gastronomiemieter könnten laut Argumentationslinie darauf bestehen, dass Toiletten ihren Kunden vorbehalten bleiben. Genau diese Punkte adressiert die Community-Ebene: Eine Organisation im Umfeld des Stadtteils hat seit 2022 mehrfach Resolutionen für Toiletten in weiteren privat betriebenen öffentlich nutzbaren Flächen angestoßen, doch nur wenige Standorte haben sich dem bisher angeschlossen. Parallel dazu diskutieren Befürworter eine pragmatische Lösung über vorhandene Gebäudestrukturen: Viele größere Anlagen verfügen ohnehin über Wartungs- und Sicherheitsressourcen sowie interne Sanitärbereiche, wodurch der Umbau für öffentlich zugängliche Toiletten potenziell günstiger sein könnte als der Neubau freistehender Anlagen. Für die Stadtplanung bedeutet das am Ende eine Abwägung zwischen einheitlichen Standards und maßgeschneiderten Anreizmechanismen, bei denen die Betreiber nicht nur Pflichten übernehmen, sondern auch spürbare Unterstützung erhalten.
Unabhängig davon, wie die nächste Genehmigungsrunde ausfällt, zeigt der Fall 175 Park Avenue, wie sehr „öffentlicher Raum“ in Städten inzwischen als Betriebs- und Infrastrukturfrage verstanden werden muss. Terrassen, Sitzplätze und Begrünung erhöhen die Aufenthaltsqualität – aber ohne Toiletten bleiben sie für viele Menschen nur Durchgangs- statt Zielräume. Aus Sicht der urbanen Praxis verschiebt sich damit die Messlatte: Nicht nur die Bereitstellung von Fläche zählt, sondern auch die reale Nutzbarkeit im Tagesverlauf. Wer die Strategie ernst nimmt, muss Toiletten als Bestandteil der Grundversorgung behandeln – ähnlich wie Aufzüge oder barrierearme Erschließung – und zugleich klären, wie sich Betrieb, Sicherheit und Finanzierung in unterschiedlichen Gebäudetypen realistisch lösen lassen.
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