LONDON (IT BOLTWISE) – Ab Januar 2027 dürfen keine neuen Riester-Verträge mehr abgeschlossen werden, Bestandskunden wechseln ins neu geschaffene Altersvorsorgedepot (AVD). Versicherer stehen dabei vor einer strategischen Entscheidung: Entweder sie bringen eine eigene Depot-AVD-Lösung auf den Markt oder sie gehen Partnerschaften ein, um Depot- und Zulagenmanagement schnell abzudecken. Für viele Kunden wird das AVD zunehmend als einfacher Fondssparplan verständlicher als ein klassischen Rentenversicherungsmantel. Entscheidend sind jetzt vor allem die Wechselkosten, die erlaubten Vertriebswege und die technische Integration in ZfA- und Steuermeldungsprozesse.

Mit dem Altersvorsorge-Reformschritt, der ab Januar 2027 den Abschluss neuer Riester-Verträge stoppt, verschiebt sich der Wettbewerb im Retail-Vorsorgegeschäft spürbar. Rund zwei Drittel der etwa 15 Millionen Riester-Verträge liegen bei Versicherern – und deren Modell war lange eng mit Beitragsgarantie und Verrentung verknüpft. Wenn die Beitragsgarantie künftig optional wird, wandert das Neugeschäft in der Logik der neuen Regeln vor allem Richtung Wertpapierdepot, und für das Standarddepot gilt künftig ein Kostendeckel. Für Versicherer ist das mehr als ein Produktwechsel: Es geht um die Frage, ob sie die Kundenbeziehung über die gesamte Ansparphase hinweg im eigenen Ökosystem halten können oder ob sie in der ersten Wechselwelle zu Banken und Neobrokern abwandern.
Der Dreh- und Angelpunkt in der Kundenlogik sind die Wechselkosten. Laut Quelle bleiben sie bei höchstens 150 Euro, damit ist ein Anbieterwechsel für viele Haushalte finanziell überschaubar. Besonders betroffen sind jüngere Sparer mit langer Restlaufzeit, weil sie das Depot-AVD als flexible, fondsbasierte Alternative früh in den Blick nehmen. Wer als Versicherer kein entsprechendes AVD-Produkt anbietet, verliert in vielen Fällen nicht nur das einzelne Anschlussgeschäft, sondern den Kontakt über Jahrzehnte: Damit entgehen später auch die Weichenstellungen für die Verrentung und die Anbahnung weiterer Verträge. Das erklärt, warum die Branche darauf reagiert, statt die Wechselwelle abzuwarten.
Technisch betrachtet ist das Altersvorsorgedepot ein Fondsparplan mit staatlicher Förderung – und damit eine Prozesskette, die über klassische Lebensversicherungs-Backoffice-Systeme hinausgeht. Wer das AVD anbietet, muss unter anderem Depotführung und Fondsabwicklung leisten, Sparpläne verarbeiten, Zulagen im Depot verbuchen und eine Anbindung an die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) sicherstellen. Hinzu kommen Steuermeldungen und Bescheinigungen, Prozesse für Anbieterwechsel sowie Auszahlpläne bis in die spätere Phase. Auch die Positivliste zulässiger Anlagen und die automatische Umschichtung im Standarddepot vor Rentenbeginn sind Teil des Betriebs. Genau hier sehen viele Lebensversicherer Reibung, weil ihre Bestandsfächersysteme auf Policen zugeschnitten sind und diese Abläufe häufig nicht vollständig abbilden.
Aus diesem Grund rückt der Infrastrukturansatz in den Vordergrund: Versicherer ohne eigene Depotbank im Konzern setzen auf Partner, die Depot- und Zulagenmanagement als zertifizierte, skalierbare Bausteine bereitstellen. Besonders schnell geht es, wenn der Partner als zertifizierter Anbieter auftritt und das AVD im White-Label unter der Versicherer-Marke führt. Der Versicherer muss dann nicht selbst Depotbank- und Zulagenmanagement aufbauen, sondern kann Kunde, Marke und Vertrieb kontrollieren. Bei der Partnerauswahl nennt Hartmut Giesen (Sutor Bank) in seinem Gastbeitrag vor allem Anforderungen wie eine Anbieterrolle mit Banklizenz und Zertifizierung (damit keine eigene Zertifizierung erforderlich ist), eine ZfA-Anbindung im Echtbetrieb, Erfahrung mit geförderter Altersvorsorge, ein Service-Team für den gesamten Lebenszyklus sowie Programmierschnittstellen, die sich in Kundenportal und Maklersoftware des Versicherers integrieren lassen. Ergänzend spielt eine Preisarchitektur eine Rolle: Das Ziel ist, dass der Versicherer ein eigenes Endkunden-Pricing aufbauen kann, ohne die Wirtschaftlichkeit des Gesamtangebots zu gefährden.
Gleichzeitig muss der Markt zwei Varianten auseinanderhalten: das Standarddepot mit Kostendeckel von höchstens 1,0 Prozent Effektivkosten und die „frei gestalteten“ Altersvorsorgedepots, bei denen der Deckel nicht greift. Das Standarddepot erfüllt damit vor allem die gesetzliche Pflicht zu niedrigen Kosten und muss zugleich digital abschließbar sein; hier bleibt wenig Spielraum für Marge oder hohe Vertriebsvergütung. Freie Varianten können dagegen über Zusatzleistungen punkten, etwa durch breitere Fondsauswahl inklusive nachhaltiger oder thematischer Fonds, höhere Aktienquoten oder durch Vermögensverwaltung mit laufendem Rebalancing und gesteuertem Übergang in die Auszahlphase. Für Versicherer entsteht daraus eine Mischkalkulation: Das Standarddepot ist Pflichtbaustein, die freien Varianten sind der Raum für Vermarktung und Beratungsvergütung – vorausgesetzt, die Infrastrukturkosten des Partners bleiben so niedrig, dass beide Produktwelten wirtschaftlich darstellbar sind.
Auch der Vertrieb entscheidet über Geschwindigkeit und Reichweite. Für Fondsdepots benötigen Vermittler eine Erlaubnis nach § 34f GewO. Viele Makler im Lebensversicherungsgeschäft verfügen jedoch nur über § 34d; an dieser Stelle eröffnet das als Vermögensverwaltung angebotene AVD-Modell eine pragmatische Option, weil die Anlageentscheidung beim Vermögensverwalter liegt. Dann kann das Produkt auch ohne §-34f-Erlaubnis vermittelt werden, wodurch Versicherer ihr bestehendes Maklernetz schneller aktivieren können, ohne dass neue Erlaubnisse flächendeckend nötig wären. Für Versicherungsmakler funktioniert das AVD zudem als „Halteprodukt“: Wer bei seinen Kunden bereits der erste Ansprechpartner fürs Thema Altersvorsorge ist, kann Anschlusslösungen aktiv empfehlen, statt auf eingehende Werbung und spätere Kontaktaufnahme zu warten. Im Zusammenspiel bleibt der strategische Kern bei den Versicherern: Garantie-AVDs mit 80 oder 100 Prozent Beitragserhalt dürften stärker bei ihnen verankert bleiben, während Depot- und Zulagenmanagement der Partner übernimmt.
Bis zum 1. Januar 2027 bleibt damit wenig Zeit. Wer zum Start keine eigene AVD-Angebotslinie im Portfolio hat, riskiert, dass Kunden in der ersten Wechselwelle zu Wettbewerbern ausweichen, die bereits Depot- und Zulagenprozesse professionell abbilden. Für Häuser ohne eigene Depotbank ist eine White-Label-Lösung nach der beschriebenen Logik der schnellste Weg, um das Standarddepot fristgerecht anbieten zu können und zugleich die weitere Produktstaffelung für freie Varianten vorzubereiten. Genau hier wird sich zeigen, ob der Versicherer die neue technologische Grundlage nutzt, um die Kundenbeziehung im Konzern fortzuschreiben – oder ob die Vorsorgeplanung in Zukunft stärker über externe Depotanbieter organisiert wird.
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