LONDON (IT BOLTWISE) – Johnson & Johnson hat im dritten Quartal 2026 mehr verdient als erwartet und die Jahresprognose angehoben. Am Kurs lastet jedoch die Medizintechnik-Schwäche, die international deutlich langsamer wächst als in den USA. Zusätzlich drückt die Talkum-Rechtsstreitigkeit über Rückstellungen auf den ausgewiesenen Nettogewinn. Für Anleger rücken damit Orthopädie-Abspaltung und der Operationsroboter OTTAVA als zentrale Zeitpunkte in den Fokus.

Johnson & Johnson: Pharma liefert, MedTech bremst trotz angehobener Prognose
Johnson & Johnson: Pharma liefert, MedTech bremst trotz angehobener Prognose (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Quartalsbericht von Johnson & Johnson wirkt auf den ersten Blick wie eine Bestätigung der strategischen Ausrichtung: Der Konzern hat im dritten Quartal 2026 den bereinigten Gewinn je Aktie über den Analystenkonsens gehoben und die Prognose für das Gesamtjahr nach oben justiert. Allerdings reicht diese operative Geschichtslinie nicht aus, um die Skepsis an der Börse sofort zu dämpfen. Im vorbörslichen Handel an der NYSE fiel die Aktie zeitweise um 2,10 % auf 258,20 US-Dollar – ein Hinweis darauf, dass der Markt nicht nur fragt, ob Zahlen stimmen, sondern vor allem, wo Wachstum gerade herkommt.

Zahlenmäßig ist der Ton klar: Der Umsatz stieg um 5,9 % auf 25,4 Milliarden US-Dollar und traf damit die Erwartungen. Beim bereinigten Gewinn je Aktie lag Johnson & Johnson mit 2,59 US-Dollar über dem Konsens von 2,52 US-Dollar, gleichzeitig aber unter dem Niveau des Vorjahresquartals (2,80 US-Dollar). Das Muster wiederholt sich bei einer Detailbetrachtung des Ergebnisses: Unter dem Strich blieb im dritten Quartal ein Gewinn von nur 210 Millionen US-Dollar nach knapp 5,2 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum, je Aktie entspricht das 0,09 US-Dollar nach 2,12 US-Dollar. Als Hauptgrund nennt das Unternehmen den jahrelangen Rechtsstreit um angeblich krebserregende Talkumprodukte, bei dem Rückstellungen für einen milliardenschweren Vergleich gebildet werden, um Klagen wegen Eierstockkrebs beizulegen.

Technisch betrachtet ist hier weniger die Bilanzkosmetik entscheidend als die Frage, wie „bereinigt“ die operative Performance tatsächlich sichtbar macht. Johnson & Johnson zeigt die Belastung für Rechtsstreitigkeiten mit rund 5,5 Milliarden US-Dollar vor Steuern in der Überleitung zum bereinigten Ergebnis aus. Dadurch rückt für Anleger das operative Geschäft stärker in den Mittelpunkt, und dort zeigt sich eine zweite, harte Grenze: Während die Sparte Innovative Medicine ihren Umsatz um 7,7 % auf knapp 16,8 Milliarden US-Dollar steigert, wächst Medizintechnik lediglich um 2,5 % auf 8,6 Milliarden US-Dollar. Laut der Berichterstattung bleiben alle vier Geschäftsbereiche der Medizintechnik hinter den Erwartungen zurück; besonders sichtbar wird das in der Chirurgie mit einem Umsatzrückgang von 0,6 % auf gut 2,5 Milliarden US-Dollar – außerhalb der USA sogar -3,4 %.

Der eigentliche Bremsfaktor liegt dabei nicht nur in einzelnen Produktlinien, sondern vor allem in der regionalen Verteilung der Nachfrage. In den USA legt Medizintechnik um 4,8 % zu, international dagegen nur um 0,1 % – praktisch Stillstand. Als Gründe nennt der Finanzchef unter anderem den Konflikt im Nahen Osten, Sparmaßnahmen in Europa und Preisdruck in China, die das Auslandsgeschäft weiter belasten; inzwischen wird sogar von einer etwas stärkeren Belastung gesprochen. Besonders spannend ist, dass zusätzlich eine „hausgemachte“ Komponente hinzukommt: Das Geschäft mit den Herzpumpen von Abiomed laufe laut der Berichterstattung schleppend, nachdem eine britische Studie Zweifel am Einsatz der Pumpen vom Typ Impella bei bestimmten Hochrisikoeingriffen am Herzen geweckt hat. Für das dritte Quartal bedeutet das einen Rückgang des Abiomed-Umsatzes um 2,3 % auf gut 410 Millionen US-Dollar.

Während MedTech also gebremst wird, nimmt im Konzern selbst die Dynamik zu. Der Vorstandschef Joaquin Duato verweist darauf, dass das operative Umsatzwachstum von 5,6 % im zweiten auf 6,0 % im dritten Quartal anzieht – und in der Medizintechnik verläuft die Entwicklung umgekehrt: Dort verlangsamt sich das operative Wachstum von 3,6 auf 2,5 %. In der Konsequenz kommt die Beschleunigung fast ausschließlich aus dem Pharmageschäft. Konkreter Treiber ist Tremfya: Das Immunologiemittel wächst um 68 % auf 2,4 Milliarden US-Dollar und gleicht den Einbruch beim Kassenschlager Stelara aus, der um 54 % zurückfällt. Gleichzeitig steigt der bereinigte Vorsteuergewinn der Medizintechnik auf knapp 2,0 Milliarden US-Dollar nach knapp 1,8 Milliarden US-Dollar im Vorjahresquartal – ein Detail, das zeigt: Die Probleme sind weniger ein „Totalverlust“ als eine Kombination aus Wachstumslücken und Margen-/Portfolio-Druck.

Für die nächsten Schritte setzt Johnson & Johnson stark auf Maßnahmen, die die Medizintechnik strukturell wieder „anlaufbar“ machen sollen. Das Management räumt die Schwäche offen ein und nennt gezielte Hebel, darunter die geplante Trennung vom Orthopädiegeschäft, die bereits im dritten Quartal vor Steuern rund 370 Millionen US-Dollar an Kosten verursacht. Außerdem wird über eine mögliche Abspaltung als Option berichtet. Neue Wachstumsimpulse soll daneben der Operationsroboter OTTAVA liefern, für den Johnson & Johnson im dritten Quartal die Marktzulassung der US-Gesundheitsbehörde FDA erhalten hat. Duato spricht in diesem Zusammenhang von einer klareren Perspektive auf zweistelliges Wachstum bis zum Ende des Jahrzehnts – allerdings ist der Marktzeitplan erfahrungsgemäß gnadenlos: Bis Orthopädie und OTTAVA spürbar Umsatz liefern, begrenzt die Medizintechnik voraussichtlich weiterhin den Bewertungsspielraum.

Für Investoren verdichtet sich die Lage damit auf zwei Prüfsteine: erstens, ob und wie schnell die Orthopädie-Trennung umgesetzt wird, inklusive der Frage, welche Ergebnisqualität nach der Abspaltung tatsächlich übrig bleibt; zweitens, wie rasch OTTAVA nach der Zulassung in wiederkehrende Umsätze übersetzt wird. Der Kursrückgang zeigt, dass „Pharma trägt“ zwar richtig ist, aber nicht als alleinige Qualitätskennzahl genügt. Die Medizintechnik bleibt die Schwachstelle – und ein Teil der Ursachen liegt im Ausland außerhalb der unmittelbaren Kontrolle des Konzerns. Genau deshalb dürfte die Marktreaktion auf die nächsten Fortschrittsmeldungen besonders hoch ausfallen, sobald aus Ankündigungen konkrete Ergebnis- und Cashflow-Effekte werden.


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