LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Inflation bekommt nach Angaben aus dem Energiemarkt vor allem Diesel als Treiber: Der Preis liegt seit Beginn des Kriegs im Iran deutlich höher. Höhere Energiekosten sickern laut Ökonomen in nahezu alle Warengruppen durch, was sich in den nächsten Inflationsdaten widerspiegeln dürfte. Gleichzeitig belasten Flugtickets und teurere iPhones den monatlichen Verlauf. Am gleichen Punkt entscheidet sich damit auch, wie dringend die US-Notenbank die Zinsen weiter anheben muss.

In den aktuellen US-Inflationsdebatten rückt ein Bestandteil besonders in den Fokus, der im Alltag selten als „Inflationstreiber“ diskutiert wird: Diesel. Der Kraftstoff, der vor allem in der Landwirtschaft und beim Transport eingesetzt wird, ist seit dem späten Winter rund 75% teurer geworden. Für Ökonomen ist das nicht nur ein Energieproblem, sondern ein Kostenmultiplikator: Wenn Diesel teurer wird, steigen entlang der Lieferkette Schritt für Schritt Transport- und Produktionskosten – und damit auch die Preise in vielen Konsum- und Unternehmensbereichen. Genau auf diese Dynamik deutet der Zeitplan der kommenden Daten hin: Das Bureau of Labor Statistics soll am Mittwoch den Verbraucherpreisindex für September veröffentlichen, inklusive Erwartungen, dass die Jahresrate weiter steigt und der Monatsanstieg auffällig hoch ausfallen könnte.
Technisch betrachtet wirkt Diesel als „Input“ in vielen Produktions- und Logistikprozessen, die wiederum von Preisänderungen nur verzögert abgekoppelt werden. Besonders relevant ist dabei, dass der Sprit nicht isoliert betrachtet wird: Wenn der Dieselpreis hoch bleibt, schlagen sich die Effekte typischerweise in Preisen nieder, die Verbraucher monatlich wahrnehmen können – von Lebensmitteln bis zu Dienstleistungen. Parallel dazu ist auch Benzin auf einem erhöhten Niveau geblieben, seit dem Start des Iran-Kriegs deutlich über früheren Werten. Für die reale Wirtschaft bedeutet das: Selbst wenn Unternehmen Kostensenkungen oder Effizienzsteigerungen schaffen, bleibt der Energiepreis ein flexibler, aber schwer zu substituierender Hebel. In mehreren Bundesstaaten, die stark von Landwirtschaft und Transport geprägt sind, wird die Belastung deshalb besonders sichtbar; Kansas, Iowa und Texas werden in dem Zusammenhang explizit genannt.
Der politische Rahmen verstärkt den Druck, sobald die Preisentwicklung zeitlich in eine ohnehin sensible Phase fällt. Laut den vorliegenden Angaben startet die frühe Stimmabgabe in dieser Woche, und ein höherer Inflationswert würde für Republikaner in einem schwierigen Moment treffen, weil sie Mehrheiten in beiden Kammern verteidigen. Auffällig ist dabei: Umfragen sehen die Inflation beziehungsweise die hohen Lebenshaltungskosten als eines der drängendsten Themen für Wählerinnen und Wähler in beiden großen Parteien. Was die Regierung versucht, wird ebenfalls beschrieben: Präsident Donald Trump habe in den Wochen zuvor mehrere politische Stellschrauben genutzt, um die Dieselpreise zu drücken – darunter die öffentliche Anforderung an G7-Partner, mehr Diesellager freizugeben, sowie eine Anordnung, die den breiteren Einsatz von steuerbefreitem Diesel erleichtern soll. Außerdem wird auf eine Vereinbarung verwiesen, die darauf abzielt, dass Russland Diesel liefert und Exportbeschränkungen reduziert.
Die ökonomische Lage ist allerdings nicht nur von Diesel bestimmt. Die vorliegenden Aussagen der Bankvorstände zeichnen ein gemischtes Bild: Während Energiepreise als Gegenwind wirken und die Geldpolitik als „tighter“ beschrieben wird, scheint die reale Nachfrage bislang nicht einzubrechen. Citi-CEO Jane Fraser sagte: „While various headwinds, most recently higher energy prices, and tighter monetary policies have been challenging, the global economy has held up remarkably well in the U.S.“, und ergänzte: „While much has been made of the AI boom, the consumer is still driving much of the economy’s momentum“. Auch Wells Fargo hebt in dem Bericht hervor, dass ihre Daten zeigen, ihre Kunden „are doing well“. JPMorgan-Chase-CEO Jamie Dimon betont zudem, dass die letzten drei Monate von starkem Investitionsverhalten und fortgesetztem Konsum getragen wurden. Genau daran wird sichtbar, warum Inflation für Unternehmen trotz Nachfragekraft so problematisch bleiben kann: Selbst bei stabilen Umsätzen werden Preise und Margen neu austariert, insbesondere wenn Energie- und Transportkosten schneller steigen als Löhne.
Für die Notenbankentscheidung wird besonders „Core Inflation“ beobachtet, also die Inflationsrate ohne die volatile Komponente aus Nahrungsmitteln und Energie. Die Erwartung in den vorliegenden Daten: Der Kernwert dürfte ebenfalls anziehen, auf 2,5%. Als ein wichtiger Baustein wird der Flugverkehr herausgestellt. Die Argumentation lautet: Höhere Ölpreise treffen Flugpreise besonders direkt. In dem Bericht heißt es, die Airfare-Inflation liege bereits bei +23% im Jahresvergleich, während Jet-Kraftstoff laut den genannten Einschätzungen um 90% gestiegen sei und typischerweise 20–30% der Betriebskosten von Airlines ausmache. Wenn diese Kostensteigerungen schneller in Ticketpreise durchgereicht werden als erwartet, kann das sogar dazu führen, dass der „Pass-through“ weitgehend abgeschlossen ist – also die Unternehmen am Markt ihre Preisanpassungen bereits weitgehend umgesetzt haben. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Kernindex in der kommenden Veröffentlichung nicht überraschend nach unten dreht, sondern sich eher hartnäckig zeigt.
Zusätzlich liefert der Konsumgütersektor ein weiteres Signal: teurere iPhones. Das neue iPhone habe ab dem 12. September verkauft werden sollen; Morgan Stanley nennt Preisaufschläge von generell 10% bis 14% je nach Modell. Weil Apple laut Bericht ungefähr 50% Marktanteil bei Smartphones in den USA zugeschrieben werden, kann das theoretisch einen kleinen positiven Effekt auf die Gesamtinflation haben. Der spannendere technische Unterton liegt aber woanders: Der Bericht verknüpft die iPhone-Preisbewegung mit früherer Inflation, die wiederum auf den Ausbau von KI-Rechenzentren zurückgeführt wird. Der Wettlauf um Rechenleistung und Chips habe eine starke Nachfrage nach Speicher („memory“) ausgelöst; da das Angebot begrenzt sei, seien die Preise für Speichermodule stark gestiegen. Parallel wird auf eine Aussage verwiesen, dass Apple eine derart schnelle und starke Steigerung bei Komponentenpreisen „never seen“ habe. Für den Markt bedeutet das: KI-Infrastruktur wirkt nicht nur über Energie und Löhne, sondern kann über die Hardware-Kette bis in Konsumgüterpreisentwicklungen hineinreichen.
Die nächsten Schritte betreffen auch das Zinsnarrativ der Federal Reserve. Erwartet wird laut den Angaben, dass sich in weiteren Kategorien wie Autos und Versicherungen ein ähnlicher Preisdruck zeigen könnte. Die Daten vom Mittwoch sollen zudem helfen zu beurteilen, ob die nächste Zinserhöhung „imminent“ ist oder noch auf sich warten lässt. UBS nennt als Schlussfolgerung, dass die Veröffentlichung festlegen könne, ob die nächste Fed-Anhebung unmittelbar bevorsteht oder eher noch weiter „ahead“ liegt. Im Text wird außerdem beschrieben, dass die Zentralbank bereits in diesem Jahr Zinsschritte vorgenommen hat, um die Inflation zu bremsen, und dass einzelne Fed-Vertreter eine weitere Anhebung in den Raum gestellt hätten. Federal Reserve Governor Christopher Waller wird mit einer Aussage zitiert: „If the economic data continue to come in as expected, I anticipate additional hikes to support a timelier return of inflation to our two percent goal“, und er ergänzt: „But there is some flexibility about when those hikes will occur“. Genau diese Flexibilität dürfte nun auf eine harte Probe gestellt werden, wenn die Inflationszahlen stärker ausfallen als erwartet.
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