DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Der nordrhein-westfälische Landtag hat über das Übernahmeangebot des Chemiekonzerns BASF für Evonik debattiert. SPD-Fraktionschef Jochen Ott fordert dabei verbindliche Beschäftigungs- und Standortgarantien und kritisiert eine mögliche schleichende Verlagerung zentraler Funktionen. CDU und FDP stellen demgegenüber den Blick auf die Sache in den Mittelpunkt und wehren sich gegen die Forderung, Evonik müsse zwingend eigenständig bleiben. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur betont, dass die Landesregierung die industrielle Wertschöpfung in NRW sichern und deshalb gegen die Übernahme sei.

NRW-Landtag debattiert BASF-Offerte für Evonik und ringt um Standortgarantien
NRW-Landtag debattiert BASF-Offerte für Evonik und ringt um Standortgarantien (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit der Debatte im NRW-Landtag verschiebt sich das Thema Evonik von der Börsenlogik stärker in Richtung Industriepolitik. Anlass ist ein Übernahmeangebot des Chemiekonzerns BASF für den Essener Spezialchemie-Konzern, das die beteiligten Unternehmen Ende September zusammen mit der RAG-Stiftung als größter Evonik-Anteilseignerin öffentlich gemacht hatten. In der Plenardiskussion wurde schnell klar, dass es weniger um eine abstrakte Bewertung an der Kapitalmarkttafel geht, sondern um die Frage, was ein Eigentümerwechsel für Arbeitsplätze, Standorte und Entscheidungswege in Nordrhein-Westfalen praktisch bedeutet.

Die SPD setzt dabei einen deutlichen Schwerpunkt auf Verbindlichkeit. SPD-Fraktionschef Jochen Ott argumentierte, eine Übernahme dürfe nicht primär danach beurteilt werden, wie sie in der Logik von Aktionären und Investmentbanken aussieht. Als Maßstab nannte er die Beschäftigten, die Standorte und die industrielle Stärke des Bundeslands. In diese Stoßrichtung gehört auch die Forderung, dass Ministerpräsident Hendrik Wüst sich „persönlich um die Schicksalsfrage fürs Ruhrgebiet“ kümmern solle. Politisch konkret fordert die SPD Beschäftigungs- und Standortgarantien nicht für kurze Zeiträume, sondern „mit einer verlässlichen Perspektive“ für Menschen und ihre Familien.

Technisch und organisatorisch steckt hinter dieser Forderung eine Sorge, die im parlamentarischen Streit mehrfach anklingt: Eine Übernahme könnte sich als schleichender Umbau entpuppen, bei dem zentrale Funktionen nicht abrupt verschwinden, sondern schrittweise verlagert werden. Ott warnte daher davor, die Übernahme zum Einstieg in eine solche Verlagerung zentraler Bereiche werden zu lassen. Außerdem verlangte die SPD eine belastbare Investitionszusage für die nordrhein-westfälischen Standorte. Der Konzernsitz solle in NRW bleiben, so die Linie der SPD: Entscheidungen in Essen müssten aus Sicht der Antragsteller „für NRW und aus NRW heraus“ getroffen werden. Falls diese Bedingungen nicht erfüllt würden, sollen laut Ott andere Wege und Konzepte geprüft werden – bis hin zu einer Landesbeteiligung am Konzern.

Die CDU hält dagegen und rückt die Frage der Faktenlage und der Unternehmensstrategie in den Vordergrund. Björn Franken stellte heraus, der Evonik-Vorstand habe eine Übernahme klar abgelehnt; zugleich verwies er darauf, dass eine verbindliche Übernahmeofferte bisher nicht vorliege. Für die Landespolitik argumentierte er, die Regierung habe sich eindeutig zu den Standorten von Evonik in Nordrhein-Westfalen bekannt und BASF als „nicht der richtige Spieler im System“ positioniert. In der SPD-Argumentation sah die CDU dabei eine Eskalationsstrategie: Die SPD wirft der CDU zwar Panikmache vor, der CDU-Vertreter konterte jedoch, Streit um die Deutung helfe weder den Beschäftigten noch den Unternehmen und schon gar nicht dem Wirtschaftsstandort NRW.

Auch die FDP versucht, den Fokus von der Frage „eigenständig ja oder nein“ zu lösen. Henning Hönes Position lautet, er teile keinen „absoluten Anspruch“, Evonik müsse zwingend unabhängig bleiben. Gleichzeitig betont er, dass es der FDP nicht um Symbolpolitik gehe, sondern um Arbeitsplätze, Standorte und Wertschöpfung. Besonders deutlich wurde das in seiner Formulierung, wichtiger als der Name über einem Werkstor sei, dass langfristig ein Werkstor mit arbeitenden Menschen dahinter auch in Nordrhein-Westfalen stehe. Damit verschiebt die FDP den Streit vom Eigentumsmodus hin zu den operativen Sicherungsmechanismen: Entscheidend seien Zusagen für Produktion, Entwicklung und Beschäftigung – unabhängig davon, ob der Konzern am Ende zu einem größeren Chemieverbund gehört.

Den kräftigsten politischen Rahmen setzt schließlich die Wirtschaftsseite. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sagte, die Landesregierung sehe die Debatte „sehr ernst“, weil Evonik ein bedeutender Teil des Industriestandorts NRW sei. Sie verwies dabei auf eine Größenordnung, die die Relevanz für regionale Zulieferer und Ökosysteme unterstreicht: „Mehr als 11.000 Beschäftigte“ arbeiteten für Evonik in NRW. Aus ihrer Sicht hängen daran Auszubildende, Familien, Zulieferer, Handwerksbetriebe und ganze regionale Wertschöpfungsketten. Neubaur stellte zudem klar, dass sowohl Arbeitsplätze als auch die eigenständige Entwicklung des Unternehmens nicht infrage gestellt werden dürften.

Konsequenterweise stellt sich die Landesregierung gegen eine Übernahme. Neubaur formulierte: Die Regierung wolle industrielle Wertschöpfung, qualifizierte Beschäftigung und wesentliche Unternehmensfunktionen in Nordrhein-Westfalen halten. Das gelte für Anlagen und Produktionsstandorte ebenso wie für Forschung, Entwicklung, Verwaltung und die Zentrale. Ihre Kernbotschaft verdichtet sich in der Aussage, dass die Beschäftigten bleiben müssten und die Landesregierung daher „gegen diese Übernahme“ sei. Für den weiteren Verlauf bleibt damit vor allem offen, wie sich das Zusammenspiel aus politischem Druck, Unternehmenszusagen und möglicher Konditionierung eines Angebots praktisch auswirkt – denn im Kern prallt in der Debatte nicht nur wirtschaftliche Strategie aufeinander, sondern auch ein unterschiedliches Verständnis davon, wie Standortpolitik im Chemiesektor durchgesetzt werden kann.

Auch aus Sicht der Unternehmenssteuerung ist die Diskussion bemerkenswert, weil sie zwei Ebenen vermischt, die in solchen Fällen häufig getrennt betrachtet werden: die Kapitalmarktlogik einer möglichen Bewertungs- und Strukturentscheidung und die operative Logik der Wertschöpfungskette. Genau dort liegen die Knackpunkte: Wo werden Entscheidungen getroffen, wie werden Investitionen geplant, welche Funktionen bleiben lokal und welche werden integriert? Die Debatte im Landtag macht damit sichtbar, dass die Chemiebranche in NRW nicht nur von Produktionskapazitäten abhängt, sondern auch von Kompetenzen in Forschung, Entwicklung und Verwaltung. Der politische Diskurs über Evonik wird damit zugleich zu einem Testfall dafür, wie viel Gestaltungsspielraum Bundesländer bei Konzernentscheidungen tatsächlich haben, wenn es um langfristige industrielle Perspektiven geht.


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