LUDWIGSHAFEN / ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – BASF signalisiert Bereitschaft, über ein höheres Angebot für Evonik zu sprechen. Voraussetzung ist nach Angaben einer mit der Transaktion vertrauten Person zunächst ein Blick in die Bücher des Spezialchemiekonzerns. Ein erster Vorstoß bei 22,15 Euro je Aktie wurde als zu niedrig abgelehnt. Parallel betont Evonik, dass Beschäftigung und Standorte sowie betriebsbedingte Kündigungen bis 2032 in Deutschland abgesichert bleiben sollen.

Der potenzielle Chemie-Deal zwischen BASF und Evonik bekommt eine neue Dynamik: Nach einem abgelehnten Einstiegspreis öffnet BASF offenbar die Tür für eine Aufstockung, stellt dabei aber eine klassische Bieterlogik in den Vordergrund. Konkret soll BASF erst nach einem vollen Blick in die Bücher von Evonik ernsthaft über ein verbessertes Angebot sprechen wollen. Damit wird aus einer reinen Preisfrage schnell eine Frage nach Transparenz, Bewertungsannahmen und belastbaren Synergiepotenzialen, die bei Übernahmen in der Grund- und Spezialchemie häufig über den zweiten oder dritten Anlauf entschieden werden.
Der erste Vorstoß lag laut Quelle bei 22,15 Euro je Evonik-Aktie. Damit wäre Evonik inklusive Schulden auf einen Wert von mehr als 14 Milliarden Euro gekommen, wie es in der Berichterstattung heißt. Das Angebot wurde allerdings als zu niedrig zurückgewiesen, was in diesem Stadium meist zweierlei bedeuten kann: Entweder liegt der Fair-Value-Bereich, den Evonik intern ansetzt, höher, oder die Konditionen rund um Finanzierung, Deal-Struktur und Risikoverteilung treffen nicht den gewünschten Rahmen. Für Beobachter ist zudem relevant, dass offenbar nicht nur der Preis, sondern auch die inhaltliche Seite der Integration vorbereitet wird, etwa indem BASF sich Pläne anschauen möchte, die über den reinen Holding-Effekt hinausgehen.
Interessant ist in diesem Kontext, wie stark die Parteien die Unternehmens- und Personalpolitik als nicht verhandelbar darstellen. In der Darstellung heißt es, bestehende Verträge zur Sicherung von Beschäftigung und Standorten bei Evonik sollen nicht angetastet werden; BASF würde diese im Falle einer Übernahme vollumfänglich einhalten. Gleichzeitig wird betont, dass betriebsbedingte Kündigungen bis 2032 in Deutschland ausgeschlossen sind und der Abbau der Arbeitsplätze auf freiwilliger Basis über Abfindungen erfolgen soll. Solche Zusagen wirken bei Chemiekonzernen besonders relevant, weil Standortkosten, Talentsicherung und Betriebsfrieden in vielen Regionen direkten Einfluss auf die langfristige Produktionsstabilität haben.
Auch strategisch deutet die aktuelle Debatte auf mögliche Portfolio-Schwerpunkte hin. Laut Angaben würde BASF bei Evonik nicht nur die Unterlagen zur Gesamtgesellschaft prüfen, sondern auch konkret Pläne betrachten, bei Evonik das Basischemiegeschäft Oxeno sowie den Chemieparkbetreiber Syneqt zu verkaufen. Genau diese Mischung aus Prüfen und selektivem Asset-Abbau ist typisch für Konsolidierungen: Der Erwerber will den Unternehmenswert möglichst klar machen, gleichzeitig aber nicht zwingend alles „am Stück“ integrieren, wenn sich einzelne Einheiten wirtschaftlich besser außerhalb des Konzernverbunds betreiben lassen. Würde dieser Weg funktionieren, könnte BASF sein Kerngeschäft stärken, ohne das eigene Risiko- und Kapitalkonto dauerhaft mit nicht passgenauen Aktivitäten zu belasten.
Der Markt schaut dabei nicht im luftleeren Raum: In der europäischen Chemiebranche macht neben zunehmender Konkurrenz aus China vor allem der Kostendruck durch hohe Energiepreise zu schaffen. In solchen Phasen steigt häufig die Wahrscheinlichkeit für Konsolidierung, weil Skaleneffekte, Einkaufsmacht und ein optimiertes Kostenprofil den Ausschlag geben können. Vor knapp drei Wochen hatten die beteiligten Unternehmen und auch die RAG-Stiftung bekanntgegeben, dass es ein Angebot gibt; Evonik sprach dabei von einer unverbindlichen „Ansprache“ durch BASF. „Diese ist auf ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien der Gesellschaft gerichtet.“ Zugleich hieß es, Gespräche fänden derzeit nicht statt, und BASF beschrieb den Stand der Sondierungen als „Fortgang und Ausgang… gegenwärtig offen.“ Solche Formulierungen signalisieren in der Praxis: Der nächste Schritt ist noch nicht entschieden, aber der Bewertungs- und Due-Diligence-Teil läuft an.
Für die Kursentwicklung bleibt vorerst viel Bewegung, aber auch eine gewisse Spannung zwischen Angebot und Erwartung. Vor den Berichten über die Pläne von BASF kosteten Evonik-Aktien noch gut 18 Euro; aktuell wird die Aktie zu 21,68 Euro gehandelt. Im Mittwochshandel notierte die BASF-Aktie zeitweise bei 52,53 Euro und damit im Plus um 2,16 Prozent, während Evonik um 1,59 Prozent auf 21,76 Euro zulegte. Analyst Sebastian Bray von der Privatbank Berenberg hält sogar eine Offerte von 24 bis 25 Euro für denkbar. Ob es bei dieser Spanne bleibt, hängt weniger an „Wunschpreisen“ als an der Antwort auf die Kernfrage: Welche Annahmen zu Margen, Investitionsbedarf und künftiger Energie- und Wettbewerbslage lassen sich nach einer Prüfung der Bücher tatsächlich belegen?
Für Unternehmen und IT-Verantwortliche, die Deals dieser Größenordnung begleiten, liegt die eigentliche operative Lehre oft in der Vorbereitung der Integrationstiefe. Wenn ein Erwerber wie BASF eine höhere Offerte in Aussicht stellt, müssen Datengrammatiken, Ergebnislogiken aus Controlling-Systemen und Prozesslandkarten für Produktion und Supply Chain schnell konsistent gemacht werden, sonst bleibt selbst ein attraktives Angebot an Reibungsverlusten hängen. Die aktuelle Situation zeigt zudem, wie wichtig belastbare Bewertungen in der Spezialchemie sind: Schon kleine Abweichungen in Annahmen über Portfolioeffekte oder Verkaufserlöse können darüber entscheiden, ob ein Angebot „zu niedrig“ wirkt oder ob es im zweiten Anlauf realistische Zustimmung findet. In den kommenden Wochen wird daher weniger die Schlagzeile zählen, sondern die Frage, ob aus der Due-Diligence-Perspektive ein Angebot entsteht, das für beide Seiten wirtschaftlich und operativ passt.
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