LUDWIGSHAFEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Gewerkschaft IGBCE verlangt vom Management von BASF und Evonik sowie von der RAG-Stiftung konkrete Antworten auf die geplante Initiative. In einem Brief an die Betriebsräte mahnen die Unterzeichner, keine Schnellschüsse zu machen, obwohl der Druck auf Standorte und Arbeitsplätze seit Jahren hoch sei. Im Schreiben werden unter anderem Fragen zum Zukunftsangebot für Beschäftigte, zu den zeitlichen Abläufen strategischer Initiativen und zur Mitverantwortung der Stiftung gestellt. Außerdem geht es um die Begründung, warum sich die Stiftung möglicherweise von Evonik-Aktien trennen könnte, ohne das Erbe damit aus dem Blick zu verlieren.

Die angekündigte Initiative zwischen BASF und Evonik sorgt nicht nur intern für Diskussionen, sondern zieht auch schnell die Interessenvertretungen in den Vordergrund. Die Gewerkschaft IGBCE fordert von den Beteiligten konkrete Antworten, statt zunächst nur auf Sondierungen und unverbindliche Angebote zu verweisen. In dem Schreiben, das den Betriebsräten der beiden Unternehmen vorgelegt wurde, heißt es sinngemäß, dass es in einer sensiblen Phase weder „Schnellschüsse“ geben dürfe noch ein bloßes Weiter-so die richtige Antwort auf den fortgesetzten Standort- und Beschäftigungsdruck sei. Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage, ob und wie ein Angebot formal auf den Tisch kommt, hin zu der Frage, welche konkreten Zukunftspläne daraus folgen.
Technisch betrachtet ist die Debatte damit vor allem eine Frage der Planbarkeit: Wenn in Sondierungen über Unternehmenswege gesprochen wird, erwarten Betriebsräte üblicherweise nachvollziehbare Inhalte für Personal, Investitionen und Produktionsstandorte. Der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis und das Hauptvorstandsmitglied Alexander Bercht richten daher mehrere Fragen an BASF, Evonik und die RAG-Stiftung. Besonders deutlich wird die Erwartung an ein „Zukunftsangebot“, das Beschäftigten und Standorten beider Unternehmen Orientierung gibt. Für Evonik stellen die Gewerkschafter die Frage, wie eine Zukunft „aus eigener Kraft verbindlich“ aussehen soll – und wann strategische Initiativen anrollen sollen, die laut der angesprochenen Logik den harten Personalabbau als Grundlage vorbereiten.
Der Marktkontext macht die Dringlichkeit verständlich. Vor knapp zwei Wochen hatten die beteiligten Unternehmen sowie die RAG-Stiftung als größter Evonik-Anteilseigner öffentlich mitgeteilt, dass es ein Angebot gebe. Evonik beschrieb es dabei als unverbindliche Ansprache durch BASF; demnach richtet sich diese an alle Aktien der Gesellschaft und Gespräche würden derzeit nicht stattfinden. Zugleich blieb BASF bei der üblichen Formulierung, dass Fortgang und Ausgang der Sondierungen gegenwärtig offen seien. Genau diese Offenheit nimmt die IGBCE nun zum Anlass, nach belastbaren Eckpunkten zu fragen: Nicht der formale Status der Initiative, sondern die Auswirkungen auf Personal, Standortperspektiven und die zeitliche Reihenfolge der Schritte stehen im Zentrum.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, welche Rolle die RAG-Stiftung im Zusammenspiel übernimmt. Die Gewerkschafter verweisen ausdrücklich auf die besondere Bedeutung der Evonik-Beteiligung für die Stiftung: Ohne die Evonik-Dividende müsse die Stiftung ihr übriges Vermögen künftig deutlich erfolgreicher anlegen als bisher. Wie dies gelingen soll, sei bislang nicht dargelegt. Daraus leiten sich weitere Fragen ab, etwa ob jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt sei, sich durch einen möglichen Gesamtverkauf der Evonik-Aktien von der Verantwortung für das „Erbe“ zu lösen. Ebenso wird adressiert, welche Mitverantwortung die Stiftung für die verschiedenen Wege übernehmen will und muss, die Evonik gehen könnte.
Für den weiteren Prozess ist auch wichtig, dass die Unterzeichner selbst in Gremien der Beteiligten verankert sind. Vassiliadis gehört sowohl dem BASF-Aufsichtsrat als auch dem Stiftungskuratorium an, Bercht ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Evonik. Solche Konstellationen erhöhen den Erwartungsdruck, weil Interessenvertretung und Aufsichtsgremien in der Praxis häufig eng miteinander verzahnt sind. Zugleich unterstreicht die IGBCE mit ihrem Tonfall, dass Beteiligung nicht mit Zustimmung zu jeder Verfahrensstufe verwechselt werden soll: „Größer“ sei nicht automatisch besser, und ein bloßes Weiter-so reiche ebenfalls nicht aus, um Arbeitsplätze und Standorte nachhaltig abzusichern.
Aus Sicht der Unternehmens- und Standortstrategie wird damit ein Kernproblem sichtbar, das viele Chemieunternehmen derzeit verbindet: Ergebnisdruck, Investitionsbedarf und Personalplanung treffen in einem Umfeld zusammen, in dem Entscheidungen häufig unter Unsicherheit getroffen werden. Wenn Sondierungen laufen, aber konkrete Antworten noch fehlen, entsteht eine Erwartungslücke zwischen Kapitalmarktkommunikation und operativer Planungsnotwendigkeit. Für BASF und Evonik bedeutet das praktisch, dass jede weitere Verfahrensstufe stärker daran gemessen wird, ob sie belastbare Leitplanken für Beschäftigte liefert – und ob die RAG-Stiftung ihre eigene Verantwortung transparent beschreibt, insbesondere dort, wo es um den möglichen Umgang mit der Evonik-Beteiligung geht. Im Kern geht es darum, die Initiative so zu konkretisieren, dass daraus mehr folgt als ein Angebot: nämlich eine nachvollziehbare Strategie, die Standorte und Menschen gleichermaßen in den Blick nimmt.
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