NEWPORT / LONDON (IT BOLTWISE) – Siebzehn Stunden Lernen auf dem Meer: 11 Jugendliche an Bord der R/V Pacific Storm erleben, wie Sedimentkerne per A-Frame-Winde aus sechs Metern Tiefe gewonnen werden. Sie sichten Proben von Ghost Shrimp bis zu Sanddollars und dokumentieren die Fundstücke direkt für die wissenschaftliche Auswertung. Das Programm STEM at Sea feiert zehn Jahre und verbindet dabei Unterricht, Community-College-Teilnahme und Near-Peer-Mentoring. Im Fokus stehen außerdem Nachwuchswege für zukünftige Meeresbiologen, Ingenieurinnen und Ozeanografen.

Wenn ein Forschungscruise sieben Meilen vor der Küste beginnt, merkt man schnell, dass „Wissen“ auf See nicht im Klassenzimmer bleibt. Genau das hat das Projekt STEM at Sea der Oregon State University vor allem mit einer praktischen Kette aus Aufgaben auf hoher See verankert: Während die R/V Pacific Storm in einem Umfeld mit rund zwei Meter hohen Wellen Kurs hält, üben 11 Teenager zuerst das Gleichgewicht und den sicheren Umgang auf dem Deck. Anschließend wird die Technik sichtbar, die später in der Laborarbeit wieder auftaucht: Eine A-Frame-Winde zieht Sedimentproben aus dem Meeresboden nach oben, während die Gruppe die entnommenen Box-Cores in Ruhe sichtet und die „kleinen“ Organismen zwischen Sand und Ablagerungen identifiziert.
Dabei geht es nicht nur um den Überraschungsmoment „Unter dem Sand passiert etwas“, sondern um eine Arbeitsweise, die Forschende sonst oft nur in der Endphase des Projekts erleben lassen. Das Programm, finanziert über den Oceangoing Research Vessel Program-Anteil der Oregon Legislature, setzt auf mehrere Stunden reale Probenarbeit am PacWave-Testfeld. In diesem Testareal sollen später Wellenenergie-Geräte vor der Oregon-Küste verankert werden; die Schüler bekommen damit einen unmittelbaren Bezug zwischen Meeresbiologie, Geologie und dem technischen Umfeld, in dem Energiegewinnung später stattfinden könnte. Sechs Stunden Reisezeit reichen, um gleich mehrere Prozesse zu durchlaufen: Probennahme, Sichtung, Dokumentation und das Erkennen, dass sich im Material Rückschlüsse ziehen lassen.
Dass STEM at Sea inzwischen auf zehn Jahre Erfahrung zurückblickt, zeigt sich vor allem an der Reichweite und an der Anpassung des Zugangs. Seit dem Start im Jahr 2016 haben nach Angaben des Programms mehr als 400 Teilnehmende aus ganz Oregon an rund 50 Forschungscruises teilgenommen. Für die Umsetzung reserviert die Bildungsleitung jährlich 20 Reisetage mit der R/V Pacific Storm in der späten Frühlings- und frühen Herbstphase, jeweils mit Blick auf „fair weather“ als Voraussetzung für sichere Einsätze. Gleichzeitig hat das Team das ursprüngliche Modell verändert: Früher mussten sich Jugendliche individuell für mehrtägige Fahrten bewerben, was laut Programmleitung potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten stark einschränkte, weil nicht jede Person sich wohl genug fühlte, mit Fremden auf See zu gehen. Daraufhin wurden Gruppenformate mit vertrauten Lehrkräften eingeführt, um auch ländliche, indigene und spanischsprachige Gruppen gezielter zu erreichen.
Der pädagogische Hebel wirkt dabei über mehrere Ebenen gleichzeitig: Kurzformatige Tagesfahrten dienen als „Vorschau“, damit Lernende das Schiff und die Arbeitsabläufe kennenlernen und anschließend entscheiden können, ob sie für längere Einsätze erneut teilnehmen möchten. Die Programmverantwortlichen betonen außerdem den Nutzen für frühe Forschungsrollen: Nachwuchswissenschaftlerinnen, Promovierende und andere Early-Career-Profile benötigen Pilotdaten, um später Förderanträge zu untermauern, haben aber nicht immer Mittel, um umfangreiche Messkampagnen zu finanzieren. STEM at Sea bietet hier nicht nur Zeit auf dem Meer, sondern auch Übung in Wissenschaftskommunikation und Near-Peer-Mentoring, also das Rollenlernen in einer Umgebung, in der „die Jüngeren“ von „den Nächst-Älteren“ angeleitet werden. Für die Forschenden entsteht dadurch zugleich ein Fenster, in dem sie neue oder ungewohnte Beobachtungen machen können, weil die Crew und die Aufgabenstellung auf echte Entdeckungen ausgerichtet sind.
Besonders greifbar wird das an Lebensläufen, die im Umfeld des Programms entstanden sind. Genevieve Coblentz-Strong, heute Development Engineer im Innovation Lab am Hatfield Marine Science Center, beschreibt, wie ein eigener Cruise-Einsatz auf dem früheren Forschungsschiff Oceanus ihre Perspektive drehte: Vor der Fahrt war sie auf Marinebiologie ausgerichtet, doch das unmittelbare Zusammenspiel von Technologie und wissenschaftlichen Fragen führte sie in Richtung KI? Nein – in Richtung Technik und Engineering innerhalb des Ozean-Kontexts. An der OSU führte sie das zu einem Doppelstudium in Ozeanografie und Maschinenbau und später zu konkreter Arbeit an Geräten wie einem Umwelt-DNA-Sammler, den sie bereits als Studentin mitentwickelte. Auch OSU-Forscherin Dawn Barlow verortet den Mehrwert in Pilotdaten und in der Möglichkeit, neue Technologien auszuprobieren, wenn der Startpunkt fehlt, um komplexe Forschungsfragen anzugehen.
Damit wird STEM at Sea zu mehr als einem „MINT-Erlebnis“. Die Kombination aus praxisnaher Datenerhebung, technischer Infrastruktur auf einem realen Forschungsschiff und einer bewusst gestalteten Teilnahmestrategie erzeugt eine Bildungsschleife, die vom Schulniveau bis in frühe Forschungsrollen reicht. Alissa Rickborn, Lehrkraft in Newport, stellt dabei den Transfer auf das Lernen heraus: Für Teilnehmende wird sichtbar, dass Wissenschaft nicht „nur Fakten“ bedeutet, sondern konkrete Anwendungen hat. Auf der Seite der Programmleitung wird zudem deutlich, warum die zeitliche Zuspitzung gerade jetzt zählt: In Phasen, in denen Mittel für Forschung insgesamt unter Druck stehen, kann das Programm einen zusätzlichen Ansatzpunkt liefern, um Nachwuchs nicht nur zu motivieren, sondern auch methodisch an echten Forschungsvorgängen teilhaben zu lassen.
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