HALLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Uniklinik Halle stellt ein neues Versorgungskonzept für Menschen mit Herzschwäche vor, das Herz- und Nierenerkrankungen früher zusammen denkt. Der Ansatz setzt auf ein strukturiertes Screening nach eGFR und Albumin-Kreatinin-Ratio und führt danach eine Risikotriage durch. Damit sollen Fehlbehandlungen im Alltag sinken und gleichzeitig das Gesundheitssystem entlastet werden. Grundlage sind internationale Leitlinien, die genau dieses Zusammenspiel priorisieren.

Herzschwäche zählt in Deutschland zu den häufigsten Ursachen für vorzeitige Sterblichkeit. Gleichzeitig zeigt der klinische Alltag, dass Patientinnen und Patienten mit Herzproblemen oft auch eine chronische Nierenerkrankung (CKD) mitbringen oder im Verlauf entwickeln. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Uniklinik Halle an: Das neue Versorgungskonzept zielt darauf, Begleiterkrankungen nicht erst dann mitzudenken, wenn Laborwerte bereits deutlich entgleist sind, sondern als festen Bestandteil der ersten Einschätzung zu etablieren. Damit geht es nicht nur um bessere individuelle Entscheidungen, sondern auch um weniger Reibungsverluste in Prozessen zwischen Kardiologie und Nephrologie.
Im Kern orientiert sich das Modell an internationalen Empfehlungen, die das Zusammenspiel zwischen Herz- und Nierenfunktion in den Vordergrund rücken. Laut einem Bericht vom 18.10.2026 begleitet ein zweiminütiger Beitrag die Einführung des Konzepts und ist bis zum 25.10.2026 über eine öffentlich zugängliche Mediathek abrufbar. Auch inhaltlich wird das Vorgehen greifbar: Fachgesellschaften empfehlen ein strukturiertes Vorgehen nach der Strategie „STAMP on CKD“. Diese Strategie sieht vor, dass kardiovaskuläre Patientinnen und Patienten auf die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) sowie auf die Albumin-Kreatinin-Ratio gescreent werden. Anschließend erfolgt eine Triage über einen Risikoscore, sodass im nächsten Schritt klar wird, wer besonders engmaschig betreut oder früher in eine spezialisierte Behandlung überführt werden sollte.
Damit wird die Diagnostik stärker an die tatsächlichen biochemischen Zusammenhänge gekoppelt: eGFR und Albumin-Kreatinin-Ratio sind Laborgrößen, die nicht nur „Nierenwerte“ abbilden, sondern eng mit dem kardiovaskulären Risiko verwoben sind. Wer Laborergebnisse korrekt interpretiert, kann Therapieentscheidungen präziser timen und Zielkonflikte verringern, etwa wenn sich Dosisanpassungen durch eingeschränkte Nierenfunktion ergeben. Für die Umsetzung im Krankenhausalltag bedeutet das vor allem, dass der erste Pfad nach der Aufnahme nicht ausschließlich vom Herzstatus ausgeht, sondern eine konsistente Auswertung der Nierenparameter sicherstellt. Die Uniklinik Halle setzt dabei offenbar auf ein Konzept, das Screening und Risikoklassifikation organisatorisch in den Versorgungsprozess integriert, statt sie als „nachgelagerte Information“ zu behandeln.
Therapeutisch sollen die Empfehlungen sowohl medikamentöse Bausteine als auch eine koordinierte Betreuung zusammenführen. In dem beschriebenen Vorgehen werden RAS-Inhibitoren, SGLT2-Inhibitoren und Statine genannt. Ergänzend wird betont, dass Fachärztinnen und Fachärzte aus Kardiologie und Nephrologie eng zusammenarbeiten. Technisch betrachtet ist das nicht nur eine Frage der richtigen Wirkstoffliste, sondern auch der Abstimmung über Laborverläufe, Nebenwirkungen und Therapieziele, die sich bei CKD häufig verändern. Gerade in einer kombinierten Behandlung, in der mehrere Präparate gleichzeitig zum Einsatz kommen, steigt der Bedarf, Parameter wie Nierenfunktion und Proteinurie nachvollziehbar zu monitoren. Ohne eine klare gemeinsame Grundlage werden Therapieanpassungen sonst leicht verzögert oder uneinheitlich umgesetzt.
Ein weiterer Punkt ist die Umsetzbarkeit in fragmentierten Versorgungsstrukturen. Die im Bericht zitierte Einschätzung lautet, dass die Zusammenarbeit beider Disziplinen in vielen Gesundheitssystemen bislang nicht ausreichend reibungslos funktioniert. Internationale Leitlinien sehen deshalb nicht nur medizinische Algorithmen vor, sondern auch Maßnahmen zur besseren Einbindung der Betroffenen. Eine gesonderte Patientenversion der Leitlinie wird genannt, um das Verständnis für Laborwerte und Behandlungsentscheidungen zu verbessern. Zusätzlich unterstreichen Daten aus dem spanischen SEC-Excelente-IC-Register den Handlungsdruck: Von 2.245 erfassten Herzinsuffizienz-Patienten befanden sich 9,9 % in den fortgeschrittenen CKD-Stadien 4 oder 5. Bei Menschen mit reduzierter Ejektionsfraktion wurde eine höhere Ein-Jahres-Mortalität sowie eine höhere Hospitalisierungsrate beobachtet.
Für die Praxis ist besonders relevant, dass diese Hochrisikogruppe offenbar seltener leitliniengerechte Medikamente erhielt, darunter ARNI, SGLT2-Inhibitoren und Betablocker. Diese Kombination aus höherem Risiko und gleichzeitig weniger konsequenter Medikation zeigt, wo strukturierte Konzepte ansetzen müssen: Sie sollen sicherstellen, dass die richtigen Wirkstoffe auch dann in Betracht gezogen werden, wenn Nierenparameter die Entscheidung beeinflussen. Für Krankenhäuser und Betreuungseinrichtungen bedeutet das, dass Prozessdesign und klinische Datenflüsse genauso wichtig werden wie die Auswahl der Medikamente selbst. Vor diesem Hintergrund dürfte das Konzept der Uniklinik Halle auch für andere Häuser interessant sein, weil es ein konkretes, leitliniennahes Muster liefert, wie aus Labor- und Risikodaten ein verlässlicher Behandlungspfad entstehen kann.
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