LONDON (IT BOLTWISE) – Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) lässt ab 15.10.2026 das Hautkrebs-Screening und den allgemeinen Gesundheits-Check-up parallel wissenschaftlich prüfen. Ziel ist, ob starre Untersuchungsintervalle durch risikoadaptierte Strategien ersetzt oder angepasst werden sollten. Bis Ende 2027 muss eine abschließende Entscheidung getroffen werden. Mit der Evaluierung betraut: das IQWiG, das Nutzen, Schaden und passende Risikoinstrumente anhand mehrerer Endpunkte bewerten soll.

Wer Vorsorge in Deutschland nutzt, trifft Entscheidungen oft im Rhythmus fester Termine: einmal alle zwei Jahre oder alle drei Jahre, je nach Programm und Lebensphase. Genau an dieser Routine setzt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) an: Am 15.10.2026 hat er zwei zentrale Früherkennungsprogramme gleichzeitig auf den Prüfstand gestellt – das Hautkrebs-Screening und den allgemeinen Gesundheits-Check-up. Rechtlich ist vorgesehen, dass bis Ende 2027 eine abschließende Entscheidung vorliegt. Im Kern geht es dabei nicht um das „Ob“ von Vorsorge, sondern um das „Wie oft“ und „für wen“: Der G-BA will untersuchen, ob die bestehenden starren Untersuchungsintervalle durch risikoadaptierte Strategien ersetzt oder zumindest gezielt angepasst werden sollten.
Beim Hautkrebs-Screening ist der Status quo besonders klar dokumentiert. Der Rechtsanspruch für gesetzlich Versicherte gilt seit 2008 in unveränderter Form: Ab einem Alter von 35 Jahren können Versicherte alle zwei Jahre eine entsprechende Untersuchung in Anspruch nehmen. Diese Struktur wird nun im laufenden Beratungsverfahren bis zum 31.12.2027 überprüft. Zentral ist dabei die Frage, ob ein gleichmäßiges Intervall für alle Versicherten medizinisch sinnvoll ist – oder ob der Nutzen bei bestimmten Risiko-Profilen höher ausfällt, während andere Gruppen möglicherweise seltener untersucht werden sollten, ohne relevante Krebsfälle zu verpassen.
Für die wissenschaftliche Neubewertung beauftragt der G-BA das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Das Institut soll dabei laut Auftragsszenario mehrere Vergleichsschienen gegeneinanderstellen: einmal die bisherige Form des allgemeinen Screenings, dann ein Szenario ohne Screening sowie risikoadaptierte Konzepte. Das Vorgehen folgt damit einem typischen Qualitätsprinzip evidenzbasierter Versorgung: Nicht nur die Anzahl detektierter Fälle interessiert, sondern ob sich die Endpunkte insgesamt verbessern – etwa bezogen auf Mortalität, Morbidität und Lebensqualität. Auch potenzielle Schäden sollen in die Gesamtbewertung einfließen. Zusätzlich soll das IQWiG Risikoinstrumente validieren, die eine Vorhersage für ein mindestens 5-Jahres-Hautkrebsrisiko erlauben, damit risikoadaptierte Intervalle nicht nur theoretisch wirken, sondern operativ messbar sind.
Bei der praktischen Umsetzung spielen die Rahmenbedingungen eine ebenso große Rolle wie die Methodik der Studie. Die Vergütung ist im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM 2026) geregelt: Für die GOP 01745 sind 253 Punkte vorgesehen, was 32,23 Euro entspricht. Die GOP 01746 umfasst 209 Punkte und entspricht 26,63 Euro, berechnet auf Basis eines Orientierungswerts von 12,7404 Cent pro Punkt. Solche Details sind wichtig, weil sie zeigen, dass eine mögliche Umstellung der Intervalle nicht im luftleeren Raum diskutiert wird, sondern an abrechenbaren Leistungen und damit an die Versorgungspraxis gekoppelt ist. Zur Inanspruchnahme liefert der G-BA zudem Orientierungswerte: Im Jahr 2023 wurden laut G-BA- und bifg-Daten rund 57 Prozent der gescreenten Versicherten in hautärztlichen Praxen untersucht.
Dass sich die Diskussion gerade jetzt zuspitzt, hat auch epidemiologische Gründe. Die Debatte um neue Screening-Konzepte trifft auf kontinuierlich steigende Behandlungszahlen. Laut Zentrums fr Krebsregisterdaten (ZfKD) gab es 2023 rund 27.430 Neuerkrankungen am malignen Melanom sowie 3.169 Todesfälle; davon entfallen 1.318 Fälle auf Frauen und 1.851 auf Männer. Für hellen Hautkrebs lag die geschätzte Zahl der Neuerkrankungen 2023 bei knapp 243.000. Diese Verteilung findet sich auch im stationären Sektor wieder: Die Krankenhausstatistik weist für 2024 rund 120.100 stationäre Hautkrebsfälle aus, ein Anstieg um 94,5 Prozent gegenüber 2004. Parallel dazu entfallen 94.000 Fälle auf den hellen Hautkrebs (plus 117 Prozent), während das Melanom rund 26.100 Fälle ausmacht (plus 41,7 Prozent). Insgesamt entsprachen die stationären Krebsbehandlungen 2024 etwa 8,3 Prozent aller stationären Krebsbehandlungen, begleitet von rund 4.600 Todesfällen in den Kliniken.
Auch der zweite Prüfstrang – der allgemeine Gesundheits-Check-up – folgt dem Motiv „vom Einheitsintervall zur differenzierten Strategie“. Bislang erhalten Versicherte die Untersuchung einmalig zwischen 18 und 34 Jahren sowie ab 35 Jahren alle drei Jahre. Die jetzt eingeleitete Überprüfung zielt dagegen auf eine mögliche risikoadaptierte Fokussierung. Dabei sollen insbesondere kardiovaskuläre und renale Risiken sowie leberbezogene und metabolische Gefährdungen gezielter adressiert werden. Das ist medizinisch plausibel, weil sich Risiko und Krankheitsentstehung über Lebenszeit und Vorerkrankungen hinweg stark unterscheiden, während ein starres Turnusmodell zwangsläufig „durchmischt“. Für die Versorgung bedeutet das: Entscheidend wird sein, ob sich mit Risikoprofilen tatsächlich eine bessere Trefferquote und ein günstigeres Nutzen-Schaden-Verhältnis erreichen lassen.
Für Unternehmen, die im Gesundheitsumfeld entwickeln – von IT für Arztpraxen bis zu Entscheidungsunterstützung in Versorgungsketten – ist die Entscheidung bis Ende 2027 zwar noch offen, die Richtung ist jedoch erkennbar: G-BA und IQWiG suchen nach Verfahren, die risikoadaptive Entscheidungen unterstützen können, statt nur Termine zu verwalten. Genau hier lohnt sich ein Blick auf das Zusammenspiel aus Evidenz, Risikoinstrumenten und Abrechnungslogik. Wenn Risikokriterien künftig stärker operationalisiert werden, wird die Datengrundlage in der Praxis wichtiger: Konsistente Erfassung, nachvollziehbare Risikoberechnung und dokumentationsfähige Ergebnisse werden zu den Voraussetzungen dafür, dass neue Intervalle nicht nur „beschlossen“, sondern auch im Alltag zuverlässig umgesetzt werden. Die zentrale Frage bleibt bis zur Beschlussfassung: Kann die Umstellung die Qualität der Vorsorge messbar verbessern, ohne die Versorgung unnötig zu verkomplizieren – und wie genau sehen die finalen risikoadaptiven Intervalle dann im EBM- und Praxisalltag aus?
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