LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Schwachstelle in der Broadcom-Implementierung von Wi‑Fi Protected Setup (WPS) ermöglicht es Angreifern in Funkreichweite, Code mit Root-Rechten auf betroffenen Routern auszuführen. Das funktioniert ohne Netzwerkpasswort und ohne Pairing-Schritt, weil speziell präparierte WPS-Nachrichten die Speicherverarbeitung des Routers aus dem Tritt bringen. In Tests gelang es, einmal das Wi‑Fi-Passwort (PSK) auszulesen und einmal per Reverse Shell eine Fernkommandokonsole zu öffnen. Ein Patch und eine CVE-Nummer fehlen bislang, wodurch die Beseitigung vor allem über Identifikation und Geräteersatz läuft.

Wer Router und Access Points betreibt, unterschätzt WPS oft, weil die Funktion „ohne Passwort“ naheliegend wirkt. Genau an dieser Lücke setzt die jetzt bekannt gewordene Schwachstelle in der Broadcom-Wi‑Fi-Setup-Software an: Ein Angreifer in Funkreichweite kann den Router über den WPS-Mechanismus dazu bringen, präparierte Setup-Nachrichten fehlerhaft zu verarbeiten. Laut dem als Auslöser genannten Security-Researcher lässt sich daraus nicht nur Codeausführung ableiten, sondern der Zugriff gelingt offenbar auch ohne Netzwerkpasswort und ohne den sonst üblichen Pairing-Schritt. Das erhöht den operativen Schaden, weil der Angreifer nicht „erst“ Zugang zum Netz organisieren muss, sondern die Initialzugriffslogik der WPS-Verbindung ausnutzt.
Technisch liegt der Kern im Umgang mit fragmentierten WPS-Setup-Nachrichten. Broadcoms Code soll die Reassemblierung solcher Fragmente fehlerhaft handhaben, sodass das Gerät durch gezielt konstruierte Nachrichten Speicher in einen korrupten Zustand bringt. Von dort aus hat der Researcher zwei Demonstrationen aufgebaut: In einem Szenario liest er die im Gerät gespeicherten WLAN-Zugangsdaten aus; in einem anderen öffnet er eine Reverse Shell, also eine Art Fernzugriff, bei dem Kommandozeilenbefehle über die existierende Wi‑Fi-Verbindung übertragen werden. Bemerkenswert ist dabei, dass die Angriffe nicht nur „am Tresen“ funktionieren sollen, sondern aus einer Distanz, wie er berichtet. Das passt in ein Muster, das bei kompromittierten Heim- und SoHo-Umgebungen bereits beobachtet wurde: Wenn Funkprotokolle schlecht abgesichert sind, kann die Entfernung zur Zielinstallation die Hürde für einen Erstzugriff deutlich senken.
Für die Praxis ist entscheidend, dass der Befund nicht nur eine theoretische Angriffsoberfläche beschreibt. Der Researcher führte Tests an Heim-Gateways durch, die von drei belgischen Internetprovidern ausgeliefert wurden: Ein Gerät (Askey TCG3000 am Orange-Belgium-Gateway) erlaubte das Auslesen des Wi‑Fi-Passworts (PSK) aus den gespeicherten Einstellungen; anschließend konnte er mit diesem Wert das WLAN beitreten. Bei einem anderen Modell (Sagemcom-basierter BBOX3V+) soll der Exploit dagegen eine Reverse Shell eröffnet haben, also eine Fernkommandoeingabe, ohne dass ein externer Server im Hintergrund zwingend erforderlich war. In beiden Fällen lief die Ausnutzung „ohne Login“. Gleichzeitig betont der Bericht, dass keine realen Angriffe mit dieser konkreten Lücke in der Wildnis belegt wurden und die funktionierenden Exploits aus eigener Arbeit stammen.
Warum das Ganze für Betreiber zusätzlich brenzlig ist, liegt im Patch-Status und in der Benennung. Es gibt derzeit keine CVE-Nummer, die Defendersysteme, Vendor-Triaging und Asset-Analysen zuverlässig mit einer eindeutigen Kennung versorgen würde. Der Researcher führt als Hintergrund aus, dass die betroffene Code-Base bereits seit mindestens 2010 existieren soll und dass Broadcom 2018 zwar eine teilweise Korrektur ausgeliefert haben will, aber gleichzeitig empfohlen habe, stattdessen auf eine andere Wi‑Fi-Software umzuschalten (genannt wird hostapd). Auf den älteren eCos-basierten Broadcom-Modellen fand er demnach keinen funktionierenden Fix; dort wird die Schwachstelle als „forever day“ eingeordnet, also als Fehler, der praktisch nicht mehr nachträglich geschlossen werden kann. Für neuere, Linux-basierte Modelle (mit Chips aus den Familien BCM3390, BCM65xx und BCM68xx) wäre hingegen prinzipiell eine Korrektur über einen Wechsel der Wi‑Fi-Software möglich, sofern Hersteller diese Änderung in ihren Firmware-Zyklen tatsächlich umsetzen.
In der Geräteabdeckung wird der Engpass deutlich: Broadcoms WPS-Code sitzt in Routern und Access Points vieler Vendoren, weil die Wi‑Fi-Softwarekomponenten typischerweise in Referenzplattformen und SoCs integriert werden. Der Researcher schätzt, dass weltweit Millionen Geräte betroffen sein könnten, und unterscheidet dabei die beiden genannten Chipfamilien. In Belgien habe er die Lücke auf Gateways von Proximus, Orange Belgium und VOO gefunden und ausnutzen können; Telenet könne zwar ebenfalls betroffen sein, wurde aber nicht abschließend getestet. Zusätzlich nennt er eine breitere Liste weiterer Modelle, die teils bestätigt, teils nur wahrscheinlich seien, und erklärt, dass eine automatisierte Prüfung Geräte lediglich als „likely vulnerable“ markieren kann. Für Unternehmen und Betreiber heißt das: Schon „nur wahrscheinlich“ ist nicht harmlos, aber es ersetzt keine gründliche Verifikation.
Da ein Patch fehlt und auch keine konkrete Einstellung genannt wird, die den Funkangriff zuverlässig blockieren würde, verschiebt sich die Verteidigung vom klassischen Update auf drei Schritte: Identifikation, Risikoabstufung und Ersatz. Als triage-fähige Werkzeuge nennt der Researcher YARA-Regeln, die den verwundbaren Code in aus Firmware extrahierten Images erkennen, sowie ein Skript, das in der Nähe eines Live-Access-Points nach Hinweisen sucht, ob die Gerätekomponente verwundbar aussieht. Wichtig ist seine Einschränkung: Ein Treffer ist ein Anlass zur weiteren Prüfung, aber noch keine Bestätigung, weil auch gepatchte Geräte die Signaturen treffen könnten. Für Geräte ohne realistische Nachbesserung bleibt als pragmatische Maßnahme der Austausch – oder zumindest die Segmentierung und Reduktion von Funkexponierung, etwa wenn WPS-Funktionalitäten in bestehenden Betriebsprozessen nicht zwingend gebraucht werden.
Für die Relevanz über einzelne Routermodelle hinaus liefert die Lücke einen klaren Fingerabdruck für die zukünftige Sicherheitsstrategie: Protokollfunktionen, die „komfortabel ohne Passwort“ arbeiten, sind besonders schwer sauber abzusichern, sobald sie in Firmware tief mit dem Netzwerkstack verzahnt sind. Der Umstand, dass die Zuweisung einer CVE laut Bericht daran scheiterte, dass Broadcom als CVE-Authority nicht öffentlich mitspielte, zeigt außerdem, wie stark der Sicherheitsprozess von standardisierten Kennungen abhängt. Ohne eindeutige Nummern dauert Asset-Korrelation oft länger, und Firmware-Teams priorisieren dann nicht selten nach eigenen internen Regeln statt nach allgemein verfügbaren Indikatoren. Für Betreiber bedeutet das konkret: Kurze Prüfzyklen, Firmware-Transparenz und die Bereitschaft, betroffene Plattformen zügig abzulösen, sind hier mindestens so wichtig wie das Warten auf „den einen“ Fix.
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