BELGRADE / LONDON (IT BOLTWISE) – Das iPhone des Uni-Rektors Vladan Đokić in Serbien war laut Citizen Lab im Jahr 2026 mit Pegasus infiziert. Die Analyse verweist auf einen Zero-Click-Exploit, der ohne das Öffnen eines Links oder einer Datei auskam, und fand kurz vor der Wahl am 25. Oktober statt. Für den Angriff bleibt dem Bericht zufolge offen, wer ihn gesteuert hat. Parallel prüft das Team auch einen zweiten Fall mit Apple Threat Notifications bei einem Juristen aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität.

Laut dem Citizen Lab ist ein iPhone von Vladan Đokić, Rektor der Universität Belgrad, bereits im Jahr 2026 mit der Spionagesoftware Pegasus von NSO Group infiziert worden. Die Einordnung fällt in eine politisch sensible Phase: Die Veröffentlichung der Ergebnisse datiert auf den 19. Oktober, sechs Tage vor der serbischen Parlamentswahl am 25. Oktober. Entscheidend ist dabei nicht nur die Tatsache der Kompromittierung, sondern die Art des Zugriffs: Der Befund beschreibt einen Zero-Click-Exploit, bei dem keine Interaktion des Geräteinhabers nötig war. Für Sicherheitsverantwortliche ist das ein Warnsignal, weil klassische Schutzmaßnahmen wie „vorsichtig sein beim Klick“ in solchen Szenarien nicht ausreichen.
Das Citizen Lab findet in seinen forensischen Artefakten Hinweise „mit hoher Sicherheit“, nennt jedoch keinen konkreten Zeitpunkt innerhalb von 2026 und identifiziert nicht den mutmaßlichen Angreifer. Auch der Bearbeitungsstatus bleibt offen: Die Untersuchung werde fortgeführt. Damit unterscheidet sich der Fall von vielen öffentlich diskutierten Pegasus-Berichten, bei denen häufig zwar ein Exploit-Typ beschrieben wird, aber ohne belastbare Belege für die Betreiber bleibt. Technisch zeigt der Bericht vor allem, wie eng die Spähsoftware an das Betriebssystem gekoppelt ist: Sobald Pegasus erfolgreich auf dem Gerät läuft, erhält der Operator Zugriff wie der Besitzer – inklusive privater und verschlüsselter Kommunikation. Zudem kann die Software laut Analyse Mikrofon und Kamera aktivieren, ohne dass der Nutzer dies unmittelbar bemerkt.
Ein zweites Ereignisfeld betrifft Rade Bajić, einen leitenden Staatsanwaltschaftsmitarbeiter, der mit Ermittlungen im Umfeld des „Generalštab“-Korruptionskomplexes in Belgrad verbunden gewesen sein soll. Hier spielt eine andere Signalkette eine Rolle: Bajić erhielt am 13. August eine Apple Threat Notification und am 27. August eine Erinnerung. Apple verschickt solche Hinweise, wenn es Aktivitäten erkennt, die mit Angriffen durch „mercenary spyware“ übereinstimmen – kommerzielle Überwachungswerkzeuge, die an staatliche Stellen verkauft werden. Das Citizen Lab bewertet eine Notification in diesem Kontext als starkes Indiz dafür, dass das Zielgerät wahrscheinlich angegriffen wurde; gleichzeitig stellt es klar, dass die forensische Analyse des Geräts noch läuft und der Hinweis allein nicht abschließend beweist, ob eine vollständige Infektion erfolgt ist.
Der politische Kontext reicht weit über Cybersecurity hinaus. Der „Generalštab“-Fall dreht sich laut Darstellung um die Aufhebung des Schutzes für ein ehemaliges Militärgelände in Belgrad, um Platz für eine luxuriöse Entwicklung zu schaffen, die mit einer mit Jared Kushner verbundenen Firma in Verbindung gebracht wird. Zu den strafrechtlichen Verläufen heißt es, dass Staatsanwälte Kulturminister Nikola Selaković und weitere Personen den Angaben zufolge wegen Missbrauchs von Amtsbefugnissen und Urkundenfälschung angeklagt hätten; der formale Stand ist damit weiterhin ein Prozessgeschehen, kein abgeschlossenes Endurteil. Bajić wiederum sagt, er sei im November 2025 aus der Bearbeitung genommen worden, ohne dass die Gründe transparent gemacht worden seien. Im Februar sprach er nach seinen Angaben öffentlich über den Fall bei einer Protestaktion von Studenten vor dem serbischen Verfassungsgericht.
Damit verdichtet sich ein Muster, das auch in früheren Berichten zum Thema „mercenary spyware“ sichtbar wird: Nicht nur iOS-Geräte, sondern auch Android-Installationen stehen im Fokus. SHARE, eine serbische Digitalrechtsorganisation, hatte bereits im September über eine Welle berichtet, in der mindestens 14 Personen aus serbischer Zivilgesellschaft, darunter Studierende, ein oppositionelles Parlamentsmitglied und ein Lokalpolitiker, seit Jahresbeginn Ziel von Spionagesoftware gewesen sein sollen. Zwölf der Betroffenen hätten im August Apple Threat Notifications erhalten – also in dem Monat, in dem Apple Nutzern in 110 Ländern vor möglichen Aktivitäten im Zusammenhang mit solchen Angriffen gewarnt hatte. In zwei weiteren Fällen soll eine neue Version von NoviSpy auf Android-Geräten installiert worden sein; Amnesty International ordnete das im Dezember 2024 so ein, dass NoviSpy offenbar darauf ausgelegt war, gestohlene Daten an eine Serveradresse weiterzuleiten, die zu der BIA gehört haben soll, und dass die Installation während polizeilicher Vernehmungen erfolgt sei.
Für die unmittelbare Praxis liefert der Citizen-Lab-Hinweis zugleich konkrete Handlungsanweisungen. Apple empfiehlt mit Lockdown Mode und regelmäßigen iOS-Updates zwar keine Einheitslösung gegen Zero-Click-Angriffe, aber im Dokument wird Lockdown Mode als erster Schutzschritt für potenziell gefährdete Personen genannt. Außerdem gilt: Wenn Nutzer eine Apple Threat Notification erhalten, sollte das Telefon dem Bericht zufolge vorerst als kompromittiert behandelt werden, bis eine spezialisierte Prüfung erfolgt ist. Als Anlaufstellen nennt der Bericht in Serbien SHARE; andernorts verweist er auf eine digitale Sicherheits-Hotline. Das adressiert besonders die Lücke zwischen „präventiver Nutzerhygiene“ und „forensischer Verifikation“ – denn im Pegasus-Umfeld entscheidet häufig nicht die Klickentscheidung, sondern die Qualität der Erkennung und die Geschwindigkeit der Reaktion im Incident-Response-Prozess.
Gleichzeitig bleibt eine zentrale Unsicherheit: Der Bericht nennt keine konkrete Sicherheitslücke, die gegen Đokićs iPhone genutzt wurde, und führt auch nicht aus, ob aktuelle iOS-Versionen diesen spezifischen Angriff bereits blockieren. Das erschwert eine „Fall-spezifische“ Nacharbeit für Administratoren und erhöht den Stellenwert generalisierter Härtung und Monitoring-Strategien. Unternehmen und öffentliche Institutionen müssen solche Meldungen daher weniger als Einzelvorfall betrachten, sondern als Hinweis auf eine anhaltende Bedrohung durch kommerzielle Überwachungssoftware, die gezielt gegen Personenprofile eingesetzt wird. Schon die Kombination aus Zero-Click-Befund, Notification-Mechanismen und fortlaufenden forensischen Untersuchungen zeigt, wie wichtig eine saubere Abstimmung zwischen Mobilgeräte-Management, Incident-Forensik und juristisch abgesicherten Ermittlungswegen ist, wenn es um den Schutz von Kommunikation und Metadaten geht.
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