FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Zweifel an den KI-Bewertungen haben im ETF-Handel für spürbare Gegenbewegungen bei Tech- und Halbleiter-Themen gesorgt. Gleichzeitig bleiben breit gestreute Aktien-ETFs gefragt und dominieren weiterhin die Handelsumsätze. In Parallelität dazu spielen Rohstoff-ETCs eine große Rolle, während beim Thema Bitcoin-ETN wieder mehr Umsätze auftauchen. Ergänzend wächst der Druck auf den Depotaufbau in Richtung Altersvorsorgedepot, inklusive Preiswettbewerb bei ETF-Varianten.

Bei Aktien-ETFs zeigt der Handel erneut, dass sich das Sentiment in schnellen Zyklen bewegt: Wo US-Tech-Index-nahe Titel nach rund zwei Wochen Korrektur wieder deutlicher unter Druck geraten, verschiebt sich das Kapital in viele Breite-Strategien. Für den Nasdaq 100 nennt der Beitrag als Ausgangspunkt eine Bewegung „fast 6 Prozent“ unter das jüngste Hoch. Das wird nicht primär mit Technikproblemen in einzelnen Unternehmen erklärt, sondern mit Sorgen über „zu hohe Bewertungen“ von KI-Unternehmen – ein Thema, das in der Praxis häufig nicht die Fundamentaldiskussion beendet, aber Bewertungs- und Multiplikatorrisiken in den Vordergrund rückt.
Im Segment der Tech-ETFs kommt der Effekt im Fluss klar an: Laut Frank Mohr von der Société Générale überwiegen bei Aktien-ETFs insgesamt die Käufe, „bei Tech-ETFs sehen wir aber einen kleinen Verkaufsüberhang“. Konkrete Beispiele auf Verkaufslisten sind unter anderem das iShares S&P 500 Information Technology (IE00B3WJKG14) sowie der First Trust Nasdaq Cybersecurity (IE00BF16M727); zugleich wird in einzelne KI-bezogene Produkte hinein gehandelt, etwa in den Xtrackers Artificial Intelligence & Big Data (IE00BGV5VN51). Parallel dazu meldet Ivo Orlemann von der ICF Bank Abflüsse aus Halbleiter-ETFs – teils sogar „starke“ – was darauf hindeutet, dass die Korrektur nicht nur spezifisch für „Cybersecurity“-Wetten, sondern auch für Halbleiter-Exposure wirkt.
Bemerkenswert ist dabei weniger der kurzfristige Richtungswechsel als die Auswahllogik dahinter: Breit streuende Aktien-ETFs erhalten laut Mohr weiterhin starken Zulauf. Er beziffert den Anteil globaler Aktien an den Umsätzen mit rund 40 Prozent, jeweils mit „klaren Kaufüberhängen“. Als Beispiele nennt der Beitrag den Vanguard FTSE All-World (IE00BK5BQT80) und den iShares Core MSCI World (IE00B4L5Y983). Dass diese Indizes in Richtung Allzeithoch „etwas unter“ dem Maximum liegen, aber nicht so stark verloren haben wie der Nasdaq 100, passt zur typischen Verteidigungshaltung: Anleger reduzieren das Risiko durch Konzentrationsabbau, nicht zwingend durch vollständige Abkehr von Wachstumsthemen.
Auch innerhalb der regionalen Allokation zeigt sich eine pragmatische Staffelung. Bei der ICF-Kundschaft wird laut Orlemann eher mit US-Aktien gearbeitet, beispielsweise über den Vanguard S&P 500 (IE00BFMXXD54); das Pendant von iShares (IE00B5BMR087) werde dagegen eher abgestoßen. Europäische Aktien spielten im Vergleich keine so große Rolle. Daneben taucht bei der Suche nach Ertragsbausteinen auch eine Dividendenvariante auf: der VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders (NL0011683594). Für Portfolios bedeutet das: Selbst wenn das Thema KI Multiplikatoren unter Druck setzt, werden Ertragsprofile und breitere Faktorexposures offenbar als „Stabilisator“ genutzt, statt strikt thematisch zu investieren.
Während Rüstungs-ETFs in der Wahrnehmung vieler Anleger lange als eigene Kategorie galten, heißt es hier schlicht „kein Thema mehr“. Orlemann ergänzt, dass bei ihm im Markt kaum noch Schwung in Rüstungsprodukten zu sehen sei, etwa im VanEck Defense (IE000YYE6WK5). Stattdessen werden bei Themen- und Branchen-ETFs andere Wasserzeichen sichtbar: Bei der Société Générale dominieren kurzfristig Finanz-ETFs mit höheren Umsätzen, meist mit Abgaben; bei der ICF-Kundschaft kommt hingegen der L&G Clean Water (IE00BK5BC891) „gut an“. Diese Beobachtung lässt sich technisch auch als Umschichtung von „Story-getriebenen“ Kapitalschwerpunkten interpretieren: Sobald Bewertungen unter Druck kommen, rücken häufig Themen in den Vordergrund, die als weniger zyklisch wahrgenommen werden oder sich einfacher mit strukturellen Trends begründen lassen.
Ergänzend verschiebt sich der Fokus der Finanzindustrie auf die nächste große Vertriebsschiene: Anfang 2027 soll das Altersvorsorgedepot (AVD) an den Start gehen, gefördert über den Vermögensaufbau mit ETFs und Fonds. Laut dem „AVD-Barometer 2027“ der dwpbank und lemon.markets planen neun von zehn befragten Banken und Sparkassen bereits den Einstieg. Besonders konkret wirken die Zeitfenster: 82 Prozent wollen zum 1. Januar 2027 starten, 93 Prozent bis Ende des ersten Halbjahres. Der Preisdruck beginnt offenbar schon jetzt, denn Trade Republic will das AVD zumindest mit bestimmten ETF „ganz ohne Kosten“ anbieten; auch Scalable und Traders Place haben solche Varianten angekündigt. Für den Markt ist das ein typischer Verstärker: Sobald ein Produkt mit klarer Kostengestaltung skaliert, steigen die Anforderungen an Systemintegration, Reporting und Produkt-Auswahlmodelle in den Instituten.
Im Fixed-Income-Teil des Beitrags stehen Geldmarkt-ETFs im Zentrum. Gesucht seien vor allem Overnight-Produkte wie die Xtrackers-Variante (LU0290358497) oder der Vanguard EUR Cash (IE000AFVKJZ0). Zusätzlich bleibt der Rohstoffbereich dynamisch: Bei der ICF Bank drehten sich Umsätze weiter um Gold- und Silber- sowie Öl-ETCs. Umsatzspitzenreiter ist laut Orlemann der dreifach gehebelte WisdomTree Brent Crude Oil 3x Daily Short (XS3306517098) mit Kufen und Verkäufen; beliebt sei zudem der Invesco Physical Gold EUR Hedged (XS2183935274). Auffällig ist dabei die Gegenrichtung bei Silber: Der WisdomTree Physical Silver (JE00B1VS3333) werde jetzt meist abgegeben. Der Beitrag nennt als Marktanker für die Preislage: Brent liegt zuletzt wieder stark gestiegen bei 110 US-Dollar je Barrel, Gold wird mit 4.125 US-Dollar die Feinunze gehandelt und zeigt seit Ende September eine Seitwärtsbewegung.
Auch bei Krypto-ETN taucht wieder mehr Aktivität im Umsatzranking auf. Orlemann zufolge hat ein Bitcoin-ETN in die Top-Ten-Umsatzliste geschafft, konkret das Invesco Physical Bitcoin-ETN (XS2376095068) – allerdings „mit fast nur Verkufen“. Der Bitcoin kostet aktuell 81.300 US-Dollar; in den Sommermonaten seien es lange etwa 63.000 US-Dollar gewesen. Damit schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage nach dem KI-Boom: Während Tech-ETFs in Teilen unter Bewertungsstress geraten, werden gleichzeitig unterschiedliche alternative Liquiditäts- und Risikoregime getestet – von Geldmarkt-Offensiven über Gold-Hecken bis zu selektivem Krypto-Exposure. Für Anleger heißt das vor allem: Nicht das „Thema“ allein entscheidet, sondern Timing, Produktstruktur und wie stark ein Marktsegment gerade Multiplikator-empfindlich ist.
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