LONDON (IT BOLTWISE) – Die American Diabetes Association und die European Association for the Study of Diabetes haben ihre gemeinsamen Konsensberichte aktualisiert und dabei Begleiterkrankungen deutlich stärker gewichtet. Für Typ-2-Diabetes rücken sie neben der Blutzuckerkontrolle ein multimodales Therapiemanagement in den Vordergrund, inklusive eines 24-Stunden-Bewegungsrahmens. Neue Empfehlungen betreffen auch ein gezieltes Screening auf Hyperkortisolismus bei schwer einstellbaren Verläufen. Bei Typ-1-Diabetes steigt der Stellenwert von automatisierten Insulinabgabesystemen sowie von Therapien, die den Krankheitsverlauf im frühen Stadium beeinflussen sollen.

Die Leitlinienlandschaft in der Diabetologie bekommt spürbar mehr Gewicht auf das „ drumherum “: Künftig sollen Therapieentscheidungen bei Erwachsenen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes noch konsequenter an Multimorbidität ausgerichtet werden. Die American Diabetes Association (ADA) und die European Association for the Study of Diabetes (EASD) veröffentlichten am 2. Oktober 2026 zeitgleich neue Konsensberichte, die inhaltlich über klassische HbA1c- und Blutzuckerziele hinausgehen. Technisch betrachtet bedeutet das weniger „ eine Stellschraube “ im Behandlungsplan, sondern eine koordinierte Strategie, die Lebensstil, moderne Diabetestechnologien und medikamentöse Kombinationen als zusammenhängendes System behandelt.
Im Typ-2-Bericht knüpft das neue Dokument an die vorherige Fassung aus dem Jahr 2022 an und verschiebt den Schwerpunkt vom reinen Hyperglykämie-Management hin zu einem strukturierten Management von Begleiterkrankungen. Besonders auffällig ist der 24-Stunden-Bewegungsrahmen, der als „ 5 S “ beschrieben wird: Stehen (standing), Schritte beziehungsweise Gehen (stepping), schweißtreibende Aktivität (sweating), Muskelkräftigung (strengthening) und ausreichender Schlaf (sleep). Damit wird Bewegung nicht nur als isolierte Trainingseinheit gedacht, sondern als Tagesrhythmus, der in der Praxis leichter in den Alltag übersetzbar ist. Wer zusätzlich gezielt Einfluss auf die Werte nehmen will, soll laut Bericht außerdem mit kurzen, auf sofortige Wirkung ausgelegten Übungsimpulsen starten können; im Text wird dafür ein Set aus sieben 3-Minuten-Übungen als Einstieg genannt.
Die medikamentöse Strategie wird im Bericht ebenfalls früher und breiter gedacht. ADA und EASD empfehlen, moderne Wirkstoffklassen wie SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten – einschließlich dualer GIP/GLP-1-Rezeptoragonisten – ab dem Zeitpunkt der Diagnose einzusetzen. Entscheidend wird das, wenn bereits kardiovaskuläre Vorerkrankungen, eine Herzinsuffizienz oder eine chronische Nierenerkrankung (CKD) vorliegen: Dann raten die Fachgesellschaften zu einer frühen Kombinationstherapie statt den Effekt später „ nachzusteuern “, sobald Laborwerte unzureichend bleiben. Für die Versorgungsrealität heißt das: Behandler müssen Therapiepfade und Risikoabschätzungen eng aneinander koppeln und bereits am Anfang Ressourcen für Monitoring, Verträglichkeit und Zielanpassung einplanen.
Auch diagnostisch setzen die neuen Empfehlungen an – und zwar dort, wo „ schwer einstellbare “ Verläufe oft zu therapeutischer Hektik führen. Der Bericht beschreibt ein gezieltes Screening auf Hyperkortisolismus bei Erwachsenen, deren Glukosewerte trotz mehrerer blutzuckersenkender Medikamente unzureichend kontrolliert bleiben. Laut Dokument wird dabei bei etwa 25 % der Betroffenen eine behandelbare Ursache identifiziert. Als Datengrundlage verweist der Bericht auf die CATALYST-Studie von Corcept Therapeutics: In dieser Untersuchung mit 1.057 Teilnehmenden, die an schwer einstellbarem Diabetes litten, wurde Hyperkortisolismus bei 24 % festgestellt. Zusammengenommen entsteht damit ein klares Versorgungssignal: Wenn der therapeutische Aufwand hoch ist, kann die Diagnostik als Hebel für zusätzliche Wirksamkeit dienen – bevor weitere Wirkstoffe nur noch inkrementell Effekte liefern.
Parallel dazu wird der Blick auf Ernährung und Alltagshabits geschärft, weil sie im Bericht als zentrale Säule zur nachhaltigen Stabilisierung des HbA1c-Werts gelten. In diesem Kontext werden „ goldene Regeln “ für die Diabetes-Küche angesprochen, die sich in den Alltag übertragen lassen sollen. Technisch relevant ist dabei weniger die konkrete Anzahl der Regeln als die Richtung: Ernährung wird als kontinuierlicher Einflussfaktor verstanden, nicht als kurzfristige Diätmaßnahme. Ergänzend wird im Text ein pharmazeutischer Ansatz für bestimmte Patientengruppen beschrieben: Im Anschluss an den beschriebenen diagnostischen Rahmen wurden 136 Teilnehmende im Verhältnis 2:1 randomisiert und über 24 Wochen mit Mifepriston oder Placebo behandelt. Die Ergebnisse, die im April und Dezember 2025 in Diabetes Care publiziert wurden, zeigen unter Mifepriston einen HbA1c-Rückgang von -1,47 % gegenüber -0,15 % in der Placebogruppe; die Differenz liegt damit bei -1,32 %. Für Kliniken und Versorger ist das vor allem deshalb bedeutsam, weil damit ein zielgerichteter Behandlungsweg für die identifizierte Ursache statt rein symptomorientierter Therapie gestützt wird.
Beim Typ-1-Diabetes aktualisieren ADA und EASD ihren Konsensbericht aus dem Jahr 2021. Hier rückt die Technologieintegration besonders stark in den Vordergrund: Automatisierte Insulinabgabesysteme (AID-Systeme) werden bei kontinuierlicher Anwendung als optimale Methode für die Insulinverabreichung bewertet. Aus technischer Sicht adressiert das die typische Lücke zwischen theoretischem Dosismanagement und täglicher Umsetzung: Systeme, die Messwerte aus einem kontinuierlichen Monitoring in die Insulingabe einfließen lassen, können Schwankungen schneller abfedern als starre, manuell getaktete Anpassungen. Daneben greift der Bericht Fortschritte bei krankheitsmodifizierenden Therapien auf und nennt Teplizumab als erste Therapie, die durch die US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen ist und den Ausbruch des klinischen Stadiums 3 bei Typ-1-Diabetes verzögern kann. Ergänzend enthält die Leitlinie Empfehlungen zum Adipositas-Management, die neben Verhaltenstherapien und GLP-1-basierten Medikamenten der zweiten Generation bei Bedarf auch bariatrisch-chirurgische Eingriffe umfassen.
Für die Praxis bedeutet die Leitlinienaktualisierung vor allem eines: Die Behandlungsentscheidung wird stärker zu einem integrierten Projekt aus medizinischem Risiko, technologischer Einsatzfähigkeit und behandelbarer Ursache. Multimorbidität, frühe passende Wirkstoffklassen und ein früherer Blick auf seltenere Ursachen wie Hyperkortisolismus können die Pfade verkürzen, auf denen sich Patienten sonst über lange Zeit durch Therapielinien „ durcharbeiten “. Gleichzeitig fordert der Ansatz die Umsetzungskapazitäten der Versorgungssysteme heraus: Wer AID-Systeme kontinuierlich nutzen lässt, muss Schulung, Datenfluss und Nachbetreuung als festen Bestandteil organisieren; wer früh Kombinationstherapien plant, braucht ein enges Monitoring von Nierenfunktion, kardiovaskulärem Status und Verträglichkeit. Damit verschiebt sich die Zielarchitektur in der Diabetologie: weniger Einzellösungen, mehr durchdachte Sequenzen über alle Ebenen hinweg.
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