LONDON (IT BOLTWISE) – Microsoft berichtet, dass ein China-nah ausgerichteter Akteur namens Storm-0940 eine ConnectWise-Cloud-Backup-Kompromittierung über ARTEX-AI-Agenten beschleunigte. Die Angreifer führten laut Angaben ein „machine speed“-Scraping und OAuth-basierte Zugriffe über ein zuvor missbrauchtes App-Identitätsmodell aus. In einem Fall starteten die missbräuchlichen Logins und das Erlangen von privilegiertem Zugriff laut Microsoft innerhalb von weniger als drei Stunden. ConnectWise stellte Dienste nach dem Vorfall vorübergehend ab und fährt die Wiederherstellung schrittweise fort.

Die ConnectWise-Cloud-Backup-Kompromittierung zeigt, wie sich Angriffe in der Lieferkette derzeit von „klassischem“ Intrusion-Tempo hin zu automatisierter Kettenreaktion verschieben. Microsoft macht dafür einen China-staatlich ausgerichteten Akteur namens Storm-0940 verantwortlich und beschreibt, dass der Einsatz von ARTEX dabei nicht nur einzelne Schritte beschleunigte, sondern ganze Angriffsabläufe in kürzerer Zeit zusammenzog. Besonders heikel ist die Logik hinter dem Vorgehen: Wenn eine Anwendung oder deren Identität bereits Zugriffsrechte innerhalb eines Zieltenants besitzt, kann ein Angreifer diese „vorhandene Vertrauensbeziehung“ ausnutzen, ohne dass ein operierender Mensch interaktiv nachlegen muss.
Technisch wird ARTEX als Go-basiertes, agentenartiges Framework für Penetration Testing eingeordnet, das nach Missbrauch gegen südkoreanische Finanzinstitutionen geschlossen und damit nicht öffentlich zugänglich gemacht wurde. Im aktuellen Fall beschreibt Microsoft, dass Storm-0940 damit Scanning und Reconnaissance ebenso automatisierte wie Password-Spraying und das Missbrauchen von OAuth-Anwendungen bei nachgelagerten Opfern. Entscheidend ist dabei nicht allein, dass KI „schneller“ ist, sondern dass die Agenten wiederkehrende Prüfschritte auf hoher Frequenz abarbeiten können: Microsoft nennt Angriffsphasen, in denen pro Minute tausende Anmeldeversuche abgesetzt wurden, wodurch Defender zwar noch fehlerhafte Logins sehen, aber weniger Zeit zur Reaktion haben.
Der Ablauf wird in den Details besonders greifbar. Laut Microsoft begann eine Storm-0940-Infrastruktur im Zeitraum vom 10. bis 14. Oktober 2026 mit einer automatisierten Password-Spray-Kampagne über mehrere Tenants hinweg. Dabei wurden 327 Konten in acht Organisationen anvisiert, um Zugriff auf Microsoft 365 sowie Exchange Online zu erlangen. Microsoft sagt, man habe in dieser Phase mehr als 151.000 fehlgeschlagene Logon-Events beobachtet, mit einem Peak von 2.900 Fehlern pro Minute am 11. Oktober und insgesamt über 111.000 Fehlern innerhalb eines Tages. Auffällig: In diesem Zeitfenster meldete Microsoft keine erfolgreiche Authentifizierung, keine Token-Ausgabe, keine Microsoft-Graph-Abfragen und keine Änderungen im Verzeichnis.
Am 15. Oktober 2026 kippte die Lage dann laut Microsoft: Die KI-gestützten Agenten hätten die Identitäten mehrerer ConnectWise-Cloud-Anwendungen übernommen und damit den nächsten Schritt der Angriffssequenz ermöglicht – nämlich die Authentifizierung in Kundenumgebungen über gestohlene App-Credentials. Danach habe die Aktivität mit demselben IP-Bereich fortgesetzt, also nicht erst „neu“ gestartet, sondern das bereits etablierte Vertrauen der kompromittierten Anwendungen weiter genutzt. Microsoft ordnet außerdem ein, dass die Agenten in einigen Fällen über die reine Anmeldung hinaus auch Microsoft Graph- und Verzeichnisoperationen durchführten, darunter Reconnaissance, Modifikationen von Anwendungs-Credentials zur Persistenz sowie Veränderungen an Identitäten, Gruppen und privilegierten Rollen. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn die ursprünglich kompromittierte Anwendung später mediations- oder sperrtechnisch wieder isoliert wird, können die vorgenommenen Credential-Änderungen als versteckte Hintertür weiter aktiv bleiben.
Für die Markt- und Abwehrseite ist das Signal klar: Agentische KI wird nicht nur als „Assistenz“ genutzt, sondern als Bestandteil eines operativen Offense-Workflows. Microsoft stellt zudem heraus, dass Storm-0940 nicht der einzige Fall ist; das Framework sei geografisch verteilt in der Angriffslandschaft aufgefallen. Verknüpft mit dem bereits zuvor beschriebenen Botnet Quad7 (alias CovertNetwork-1658) ergibt sich ein Bild, in dem Automatisierung vor allem die Zeitspanne von Zielauswahl bis zum Erreichen von Zielen massiv reduziert. Genau diese Beschleunigung erklärt, warum Supply-Chain-Angriffe besonders wirksam sein können: Ein einziger kompromittierter Vertrauensanker – etwa ein MSP- oder Vendor-Channel – öffnet Türen zu vielen nachgelagerten Organisationen, weil weniger Zwischenprüfungen notwendig sind als bei einem direkten Angriff auf jedes einzelne Ziel.
ConnectWise selbst reagierte, indem der Anbieter seine Dienste nach den Angriffen temporär abschaltete und die Wiederaufnahme in Phasen plante. Für Unternehmen, die MSP- und Vendor-vermittelte Cloud-Services nutzen, verschiebt sich damit die Sicherheitslogik weg von „nur“ Endpoint- und Konto-Härtung hin zu einer härteren Kontrolle von Anwendungsidentitäten, OAuth-Konfigurationen und privilege escalation Pfaden. In der Praxis heißt das, dass Security-Teams nicht ausschließlich auf fehlgeschlagene Login-Zahlen schauen sollten, sondern besonders auf Muster bei Anwendungs-Authentifizierungen, unerwartete Graph- oder Directory-Aktivitäten nach erfolgreicher Token-Erzeugung und schnelle Änderungen von Rollen sowie Gruppenmitgliedschaften. Auch das Zusammenspiel aus Erkennung und Reaktionsprozessen wird zum Engpass: Wenn, wie Microsoft beschreibt, signifikante Aktivität bei hoher Frequenz in einem sehr kurzen Zeitfenster zum privilegierten Zugriff führen kann, müssen Playbooks für das schnelle Stoppen von App-Identitäten und das Zurückdrehen von Credential-Änderungen eng mit den Monitoring-Mechanismen gekoppelt sein.
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