WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky fordert die Stilllegung nicht mehr benötigter Gasnetze, um Netzkostenanstiege für Haushalte abzufedern. Er argumentiert, dass zusätzliche Belastungen bei Energiepreisen besonders dann entstehen, wenn zugleich Gas- und Ölkosten steigen. Zugleich verbindet die Stadt die Maßnahme mit dem Übergang weg von fossiler Energie und verweist auf die EU-weite Grundlage durch das Gas- und Wasserstoffpaket. Der Schritt soll laut Czernohorszky Preisstabilität schaffen, bis die Umstellung vollständig greift.

Wien reagiert auf den jüngsten Anstieg der Netzkosten mit einer klaren energiepolitischen Forderung: Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky spricht sich dafür aus, alle nicht mehr benötigten Gasnetze stillzulegen. Der Hintergrund ist eine neue Welle höherer Kosten für die Haushaltsenergie, die laut Mitteilung zwar in Wien schwächer ausfällt als in anderen Bundesländern, aber dennoch spürbar bleibt. In der Logik der Argumentation geht es weniger um die kurzfristige Preisbildung als um die Frage, welche Infrastruktur künftig ausgelastet sein wird und welche Netze nur noch „mitlaufen“.
Technisch betrachtet entsteht ein Teil der Energiekosten dort, wo Netzinfrastruktur weiter vorgehalten, gewartet und betrieben werden muss, obwohl sich Nachfrage und Einspeisung verändern. Wenn etwa Gebäude zunehmend auf alternative Heizsysteme umstellen oder industrielle Verbraucher ihre Gasnutzung reduzieren, sinkt die physische Auslastung der Leitungen. Dann verteilen sich fixe Netzaufwände auf weniger verbrauchte Einheiten – und schon der nächste Kostenanstieg wird für Endkunden spürbar. Czernohorskys Kernpunkt ist deshalb die Verbindung von Netzauslastung und Preisstabilität: Nicht mehr wirtschaftliche Strukturen sollen aus dem System verschwinden, statt weiterhin Kosten zu verursachen.
Czernohorszky betont dabei ausdrücklich, dass Netzkostenanstiege nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern in Kombination mit steigenden Gas- und Ölpreisen wirken. Er fordert den zuständigen Bundesminister auf, rasch das EU-Gas- und Wasserstoffpaket umzusetzen, um die rechtliche Grundlage für die Gasnetzstilllegung zu schaffen. Dabei knüpft die Argumentation an eine in der Praxis zentrale Weichenstellung an: Solange die regulatorischen Bedingungen nicht passen, bleibt Stilllegung oft administrativ oder wirtschaftlich kompliziert. Der Mechanismus ist damit nicht nur politisch, sondern auch prozessual – etwa bei Genehmigungen, Übergängen und der Frage, wie betroffene Netze entkoppelt oder anderweitig genutzt werden können.
Für die Stadtpolitik liefert Wien gleichzeitig die passende Erfolgsfolie: Seit der Beschlussfassung des ersten Wiener Klimafahrplans wurden Emissionen reduziert, erneuerbare Energien ausgebaut und Gebäude sowie der öffentliche Raum klimafitter gemacht. Laut den in der Mitteilung genannten Zahlen gingen die Treibhausgasemissionen in den Wiener Stadtgrenzen von 8,5 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten (2005) auf 5,9 Mio. Tonnen zurück – das entspricht einer Reduktion um 30 Prozent. Besonders seit 2022 habe sich dieser Trend beschleunigt: Im Zeitraum 2019 bis 2024 sei die Treibhausgasreduktion fast dreimal so hoch wie in den 15 Jahren davor, wobei in Strom- und Fernwärmeerzeugung sowie im Gebäudesektor die größten Rückgänge genannt werden (46 Prozent und 41 Prozent).
Damit rückt auch die technologische Seite der Wärmewende in den Fokus. Wenn erneuerbarer Strom innerhalb von rund 20 Jahren um etwa 50 Prozent zugelegt habe, während die fossile Stromproduktion im selben Zeitraum um 45 Prozent zurückgegangen sei, verändert sich die gesamte Energie-Wertschöpfungskette. Für Unternehmen und Kommunen heißt das: Je schneller die Elektrifizierung voranschreitet und je stärker Fernwärme bzw. erneuerbare Stromquellen ausgebaut werden, desto eher sinkt der Bedarf an fossilem Gas – und desto dringlicher wird die Frage, welche Gasleitungen noch gebraucht werden. In der Mitteilung wird außerdem ein Rückgang des Endenergieverbrauchs pro Kopf um mehr als ein Drittel auf den Vergleich zu 2005 bezogen, was die Argumentation stützt, dass Nachfrageverschiebungen bereits Wirkung zeigen.
Wien setzt den Kurs zudem in seiner übergeordneten Zielarchitektur fort: Die Klimaneutralität bis 2040 ist im ersten Klimagesetz Österreichs festgelegt, und der richtungsgebende Wiener Klimafahrplan wird im Frühjahr erstmals fortgeschrieben. In der öffentlichen Auflage stehen laut Mitteilung weiterhin Schwerpunkte wie Hitzeschutz und Kreislaufwirtschaft. Parallel dazu wird aber auch klar benannt, dass ein Teil der Umsetzung nicht in der Stadt allein gelingt. Aus Sicht der Verantwortlichen besteht Bedarf an Regelungen auf Bundesebene, darunter Konkretisierungen des Erneuerbare-Wärme-Gesetzes, Anpassungen im Mietrecht sowie im Wohnungseigentums- und Wohnungsgemeinnützigkeitsrecht. Genannt werden außerdem ein „Right-to-Plug“ für Ladeinfrastruktur in Miet- und Wohnungsgemeinnützigkeitskontexten, die Prüfung sogenannter „Zero-Emission-Zonen“ sowie eine Reform des Abfallwirtschaftsgesetzes.
In diesem Zusammenspiel steckt eine strategische Botschaft für den Energiemarkt: Netzplanung wird zur Schnittstelle zwischen Klimazielen, Bau- und Sanierungsdynamik sowie Preisrisiken. Wenn Wien die Stilllegung unwirtschaftlicher Gasnetze fordert, geht es nicht nur um Kosten einzelner Netzbetreiber, sondern um die Frage, ob Energieinfrastruktur schneller an die Realität der Nachfrage angepasst wird. Für Betreiber und Quartiersentwickler bedeutet das, dass Ausschreibungen, Investitionspläne und Umstellungsfahrpläne künftig stärker auf Stilllegungs- und Übergangsszenarien ausgerichtet werden müssen – etwa durch technisches Monitoring von Lastprofilen, durch abgestimmte Sanierungsprogramme und durch Übergangskonzepte, die den Wechsel zu klimafreundlicher Wärme- und Stromnutzung organisatorisch begleiten. Czernohorszky bringt die politische Stoßrichtung in einem Satz auf den Punkt: „Zwar steigen die Kosten in Wien weniger stark als in anderen Bundesländern, trotzdem ist auch dieser Anstieg wieder eine Mehrbelastung für Wiens Haushalte.“
Offen bleibt damit vor allem die Geschwindigkeit, mit der die bundesrechtlichen Anpassungen und die Umsetzung des EU-Gas- und Wasserstoffpakets real werden. Genau diese Zeitachse entscheidet darüber, ob der Netzkostenhebel in der Praxis früh genug entlastet oder ob Endkunden erst später davon profitieren. Für Unternehmen in der Energie- und Gebäudebranche ist das ein Signal: Projekte rund um Wärmepumpen, Fernwärme-Ausbau oder Ladeinfrastruktur gewinnen an Planungsdruck, weil die Infrastrukturumstellung nicht mehr nur als „Zukunftsoption“, sondern als kurzfristiger Kostenfaktor diskutiert wird.
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