LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik prüft nach Berichten selbst einen großen Zukauf in den USA und nennt dabei Ashland als konkretes Ziel. Laut den Angaben läuft die Sondierung bereits deutlich vor dem BASF-Vorstoß Ende September. Im Hintergrund treffen damit zwei strategische Aufgaben zusammen: die Abhängigkeit von Europa zu reduzieren und gleichzeitig bei einer möglichen Übernahme den Preis richtig einzuordnen. Entscheidend bleibt, ob der veränderte Bewertungsrahmen noch tragfähig ist.

Die Übernahmedebatte um Evonik bekommt eine zweite, deutlich ambitioniertere Dimension: Während BASF öffentlich die Prüfung einer Akquisition kommuniziert, sondiert Evonik offenbar selbst einen großen Zukauf – und richtet den Blick dabei besonders auf Ashland. Wichtig ist der zeitliche Versatz: Die Prüfung soll bereits begonnen haben, bevor BASF seinen Schritt Ende September publik machte. Damit wirkt das Geschehen weniger wie ein reaktiver Reflex, sondern eher wie eine parallele Strategie- und Bewertungsrunde, in der Evonik den Markt testet, ohne den Ausgang der Gespräche mit BASF abzuwarten.
Aus Unternehmenssicht ist die Architektur der potenziellen Deal-Logik relativ klar: Evonik will „altes Problem“ lösen, nämlich die starke Prägung durch Europa. 2025 entfielen laut Quelle 48 Prozent des Umsatzes auf Europa, den Nahen Osten und Afrika, während Amerika auf 29 Prozent kam. Langfristig soll sich das Bild auf etwa je ein Drittel in Europa, Amerika und Asien verschieben. Genau hier würde ein größerer Kauf in den USA als Beschleuniger funktionieren, weil die regionale Präsenz direkt in die Bilanz hineinwirkt – nicht über Jahre hinweg, sondern oft in einem operativen Übergang, sobald Integration, Verträge und Produktionsnetzwerke greifen. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie schnell solche Verschiebungen in Kennzahlen sichtbar werden, denn sie hängen von Nachfragezyklen, Kapazitätsauslastung und Margenentwicklung ab.
Auch technisch-strategisch sollen die Portfolios zueinander passen. Beide Unternehmen arbeiten im Umfeld von Inhaltsstoffen für Kosmetik und Körperpflege sowie bei Spezialadditiven. Ashland ergänzt das Spektrum außerdem durch Pharmaprodukte und hochwertige Beschichtungen, Felder, in denen Evonik gezielt wachsen möchte. Dass beide Akteure bereits in den USA aktiv sind, reduziert zudem Integrationsrisiken: Ashland sitzt in Wilmington in Delaware, während Evonik ebenfalls dort vertreten ist. In der operativen Praxis kann das die Komplexität bei Standortharmonisierung, Lieferketten-Übergängen und Kundenbeziehungs-Management senken. Zur Einordnung nennt die Quelle für Ashland Kennziffern für das laufende Geschäftsjahr mit einem erwarteten Umsatz von 1,84 bis 1,87 Milliarden Dollar sowie einem bereinigten EBITDA von 385 bis 400 Millionen Dollar.
Der Engpass liegt jedoch nicht in der Theorie der Synergien, sondern in der Bewertung – und genau deshalb reagieren die Märkte zunächst gegensätzlich. Nachdem über die Prüfung berichtet wurde, soll die Evonik-Aktie ihre Verluste ausgebaut haben und zeitweise bis zu 3,5 Prozent im Minus gewesen sein. Die Ashland-Aktie startete dagegen vorbörslich knapp vier Prozent fester, und sie habe seit Jahresbeginn bereits mehr als 20 Prozent zugelegt. Für Evonik bedeutet das: Selbst wenn der strategische Fit überzeugt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kauf mit Aufschlägen erfolgen muss, die die Renditeerwartung verwässern. Die Quelle nennt beispielhaft den Kursverlauf: Vor einem Jahr sei die Aktie bei 50,65 Dollar gewesen, am Mittwoch zeitweise bei knapp 72 Dollar – rund 42 Prozent mehr. Entsprechend liegt die Marktkapitalisierung bei etwa 3,3 Milliarden Dollar, der Unternehmenswert inklusive Schulden bei rund 4,3 Milliarden Dollar; daraus leitet sich laut Quelle ein angenommener Aufschlag von etwa 30 Prozent ab.
Bei solchen Zahlen wird die Risiko-Kalkulation unmittelbar konkret. Die Quelle argumentiert, dass ein Käufer beim genannten Aufschlag für das Eigenkapital auf mehr als vier Milliarden Dollar käme, während Schulden oberhalb davon lägen. Für Evonik folgt daraus die zentrale Frage: Rechnet sich der Deal noch, wenn die Bewertung höher ist als in einem Szenario ohne Kursanstieg? Gerade bei Spezialchemie-Transaktionen entscheidet nicht nur die strategische Begründung, sondern die Spanne zwischen Kaufpreis und erwarteter Ergebnisverbesserung nach Integration. Ein Zukauf dieser Größenordnung gilt zwar als grundsätzlich machbar, so die Quelle, doch der Konzern wolle offenbar keinen Preis zahlen, der die Vorteile aufzehrt. Genau deshalb steht Evonik nach den Angaben nicht unmittelbar vor einer Entscheidung, sondern beobachtet den Verkaufsprozess weiter – ein Verhalten, das in der M&A-Praxis häufig dann vorkommt, wenn die Due-Diligence-Schritte zwar laufen, die finale Preisannahme aber noch nicht „durchkalkuliert“ ist.
Der Nebenaspekt: Was ein Ashland-Kauf für BASF bedeuten könnte. BASF hatte Ende September bestätigt, Evonik übernehmen zu wollen. Der Quelle zufolge lag das erste Angebot bei 22,15 Euro je Aktie und bewertete Evonik demnach mit rund 10,3 Milliarden Euro; Evonik hält das für zu niedrig. Daraus ergibt sich eine Verhandlungslogik, die für die Aktionäre spürbar wird: Ein teurer Ashland-Deal könnte die Bilanz belasten und damit die Spielräume reduzieren, während gleichzeitig ein eigener Wachstumskurs ein Argument liefern könnte, BASFs Angebot weiter zurückzuweisen. Im Konzernumfeld wird dieser Zusammenhang indes bestritten: Die Suche nach einem Zukauf habe demnach lange vor dem BASF-Vorstoß begonnen. Zusätzlich verweist die Quelle auf die Wachstumsstrategie bis 2030 mit Investitionen vor allem in Amerika und Asien sowie auf Personalmaßnahmen, darunter 3.200 Stellenstreichungen zwischen 2027 und 2029, davon rund 2.150 in Deutschland. Diese Kombination signalisiert: Evonik versucht, strategische Zukäufe mit operativer Kosten- und Portfolioarbeit zu koppeln, statt nur auf externe Gelegenheiten zu setzen.
Für Anleger bleibt vor allem die nächste Preis- und Prozessetappe relevant. Die Quelle betont, dass Ashland ohnehin zum Verkauf steht, nachdem ein aktivistischer Investor im Frühjahr Druck gemacht und einen Verkauf gefordert haben soll. Im Sommer habe Ashland mit ihm Änderungen im Verwaltungsrat vereinbart; später sei bekannt geworden, dass der Konzern nach eingegangenem Interesse einen Verkauf prüfe. Nach den genannten Angaben beraten Citi und Lazard, und auch Finanzinvestoren wie Advent, Apollo und Carlyle sollen Kontakt aufgenommen haben. Wer investiert ist, sollte deshalb nicht nur auf Schlagzeilen, sondern auf konkrete Handlungen achten: Gibt Evonik ein Gebot ab, wie positioniert sich BASF bei der nächsten Preisrunde, und ob es zu einer formalen Eskalation kommt, sobald die Bewertungsfrage „entscheidbar“ wird. Eine Anlageberatung sind diese Überlegungen nicht, sie beschreiben aber, warum der Markt gerade auf zwei Fronten reagiert – und warum die Bewertung bei beiden Deals zum Taktgeber wird.
Finanziell versucht Evonik, diese Taktung mit Substanz zu untermauern. Für 2025 nennt die Quelle 14,1 Milliarden Euro Umsatz und 1,9 Milliarden Euro bereinigtes EBITDA. Für das laufende Jahr erwartet der Konzern nach einer Anhebung zwei bis 2,2 Milliarden Euro; zudem traue sich Evonik einen Zukauf im einstelligen Milliardenbereich zu. Gerade dieser Rahmen erklärt, weshalb Ashland als Kandidat überhaupt auf dem Radar auftaucht: Die Größenordnung liegt grundsätzlich in Reichweite, obwohl der Wettbewerb um das Ziel und die gestiegene Erwartungshaltung den Preis schnell nach oben treiben können. Dass Evonik bereits 2017 das Spezialchemiegeschäft von Air Products für 3,8 Milliarden Dollar gekauft hat und ein geplanter Zusammenschluss mit DSM zuvor gescheitert war, zeigt auch: Das Unternehmen kann große Integrationen schultern – entscheidet aber in der Regel über Bewertungsdisziplin und strategische Passgenauigkeit. Genau darauf wird es jetzt ankommen, wenn sich entscheidet, ob Ashland für Evonik „fit“ bleibt oder der Preis den Nutzen übersteuert.
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