HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Die IG Metall fordert Volkswagen auf, die Kündigung mehrerer Tarifverträge bis Ende Oktober zurückzunehmen. Der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger sieht darin einen Vertrauensbruch und spricht die Vorbereitung weiterer Arbeitskampfmaßnahmen an. Im Raum stehen Tarifverhandlungen, die spätestens Anfang Dezember starten sollen, als konkretes Datum nennt die Gewerkschaft den 24. November. Während der Konflikt eskaliert, zeigt sich die VW-Aktie im XETRA-Handel am Wochenende dennoch stabil.

Die Volkswagen-Aktie bleibt trotz der neuen Eskalationssignale aus dem Tarifkonflikt merklich stabil. Vor dem Wochenende notierte das Papier im XETRA-Handel zeitweise 0,43 % im Plus bei 69,68 Euro. Für Anleger ist das vor allem deshalb bemerkenswert, weil der Konflikt nicht nur verbal aufgeladen wirkt, sondern durch konkrete Kündigungen von Tarifverträgen und die Aussicht auf weitere Streiks in eine sehr handfeste Phase rückt. An der Börse wird dabei offenbar zwischen kurzfristigem Risiko und dem bisher noch fehlenden „Planfall“ für den operativen Betrieb abgewogen.
Ausgangspunkt der aktuellen Lage ist eine Kündigungsrunde, die Volkswagen Ende September angestoßen hatte: Zehn Tarifverträge wurden gekündigt, und damit nahezu alle Vereinbarungen des Haustarifs. Dort sind zentrale Themen wie Arbeitszeit, Urlaub und Zulagen geregelt. Die Unternehmensseite begründet den Schritt mit dem aktuellen Kostendruck und will verschiedene Regelungen anpassen, konkreter als Forderungspaket ist bislang jedoch offenbar nichts vorgelegt worden. Betroffen sind rund 130.000 Beschäftigte der Volkswagen AG in Deutschland; dazu zählen Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, die Komponentensparte sowie zentrale Konzernbereiche.
Thorsten Gröger bewertet die Kündigungen als Vertrauensbruch und setzt der Gegenseite eine Frist. Die IG Metall verlangt, die Kündigung „einer Reihe von Tarifverträgen“ bis Ende Oktober rückgängig zu machen. Gröger sagte in Hannover: „Eine Kündigung, die man übermittelt hat, kann man auch zurücknehmen.“ Für den Fall einer Nicht-Einigung kündigt er zudem deutlich an, dass der Arbeitskampf vorbereitet werde: „Wir suchen den Konflikt nicht, aber wir sind vorbereitet.“ In dieser Tonalität liegt der strategische Kern: Der Verhandlungsdruck soll nicht erst in der eigentlichen Tarifrunde entstehen, sondern bereits davor Wirkung entfalten.
Die zeitliche Taktung sorgt zusätzlich für Bewegung. Laut Vereinbarung sollen die anstehenden Tarifverhandlungen zwischen Volkswagen und der IG Metall spätestens Anfang Dezember beginnen. Als erster Verhandlungstermin wird aus Sicht der Gewerkschaft der 24. November vorgeschlagen. Verhandlungsort im Sinn der bedrohten Standorte sind Emden, Hannover und Zwickau; die Argumentation zielt damit auf regionale Arbeitsplatzsicherheit und die konkrete Standortperspektive, nicht auf abstrakte Konzernlogik. Gröger formulierte entsprechend: „Tarifverhandlungen gehören nicht in die Wohlfühlzone der 13. Vorstandsetage.“ Damit verknüpft die Gewerkschaft die Aushandlungsthemen direkt mit der Frage, welche Lasten in der nächsten Phase auf die Belegschaft entfallen.
Inhaltlich steht zunächst die Forderung nach fünf Prozent mehr Geld im Vordergrund. Gleichzeitig macht die IG Metall aber klar, dass es bei dieser Größenordnung nicht zwingend bleiben muss. Gröger begründet das damit, dass die Kündigungen „den Raum für Forderungen eröffnen“ und die Gewerkschaft bereits genaue Vorstellungen hat, was an den Tarifverträgen verändert oder verbessert werden kann. Genannt werden unter anderem eine Verlängerung der Altersteilzeit-Regelungen sowie die Frage, wie weit Beschäftigungssicherung in die 2030er Jahre hinein fortgeschrieben werden soll. Parallel soll „zu gegebener Zeit“ ein umfassendes Konzept für die Zukunft von Volkswagen auf den Tisch kommen – das deutet auf eine Verknüpfung von Lohn- und Sozialthemen mit strategischen Industrie- und Transformationspfaden hin.
Bevor es in die eigentlichen Tarifrunden geht, kommt es am Freitag in Hannover zu einem weiteren Überprüfungsgespräch mit Vertretern von VW, IG Metall und Betriebsrat. Im Kern verlangen die Arbeitnehmer Klarheit darüber, ob und wie das Management Zusagen aus dem Zukunftstarifvertrag von 2024 einhält. Diese Zusagen geraten aus Sicht der Beschäftigten angesichts der verschärften Sparpläne in Gefahr; im Gegenzug soll das Management erklären, warum die damals vereinbarten Einsparungen aus seiner Sicht heute nicht mehr ausreichen. Solche „Erfüllungs“-Gespräche haben in Tarifkonflikten häufig eine doppelte Funktion: Sie können deeskalieren, wenn die Gegenseite nachweist, dass Zusagen tatsächlich eingehalten werden können – oder sie erhöhen die Eskalationswahrscheinlichkeit, wenn die Abweichungen als Strukturproblem wahrgenommen werden.
Für den Markt ist damit weniger die Überschrift „mögliche weitere Streiks“ entscheidend als die Frage, ob und wann sich daraus ein belastbarer operativer Pfad ableitet. Zwar steht das Kündigungsdatum für die betroffenen Haustarifverträge zum 31. Dezember 2026 im Raum; die konkrete Wirkung auf Produktion, Zulieferketten und Kostenseite hängt jedoch davon ab, wie schnell die Verhandlungen im November zu belastbaren Ergebnissen führen. Auch die Forderungslogik der IG Metall – fünf Prozent plus und zusätzliche Sozial- sowie Sicherungsbausteine – deutet auf ein Paketverhandeln hin, das typischerweise Zeit braucht. Umso wichtiger wird, welche Linie VW in der anstehenden Tarifrunde vertritt und ob die Unternehmensstrategie für Kostensenkung und Beschäftigungssicherung als konsistente Roadmap diskutierbar ist.
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