ISTANBUL / LONDON (IT BOLTWISE) – Der iranische Außenministeriumssprecher Esmaeil Baqaei fordert Frankreich, Deutschland und Großbritannien (E3) sowie weitere arabische Staaten auf, die Ursachen des militärischen Konflikts in der Region zu prüfen. In Istanbul betonten die europäischen Außenminister zwar den dringenden Bedarf an Diplomatie, Baqaei kritisiert jedoch, Diplomatie dürfe nicht auf Öffentlichkeitsarbeit reduziert werden. Zudem wirft er der E3 doppelte Standards vor und stellt deutsche Aussagen von Kanzler Friedrich Merz und dem Außenminister zeitlich gegeneinander.

Der iranische Appell kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die europäischen Außenpolitiker ihren Fokus erneut stärker auf Deeskalation und Gespräche richten. In Istanbul trafen sich die Außenminister der E3-Staaten Frankreich, Deutschland und Großbritannien mit Vertretern aus dem Nahen Osten, um angesichts des Konflikts um den Iran über diplomatische Wege zu beraten. Esmaeil Baqaei, Sprecher des iranischen Außenministeriums, machte dabei klar, dass aus seiner Sicht nicht nur der akute Spannungsgrad diskutiert werden dürfe, sondern vor allem die „root causes“ des militärischen Konflikts in der Region.
Technisch lässt sich die politische Logik dahinter als Konfliktmanagement über Kommunikationskanäle verstehen: Wenn mehrere Akteure öffentlich betonen, Diplomatie stehe im Vordergrund, dann wird das in der Praxis auch daran gemessen, ob Verfahren zur Spannungsreduktion existieren und ob sie in belastbaren Abstimmungen münden. Baqaei stellt genau diese Messlatte infrage. Er kritisiert, Diplomatie dürfe nicht zu einem reinen „Public-Relations“-Instrument werden, sondern müsse Foren nutzen, um Ursachen anzusprechen und konkrete Handlungsoptionen zu prüfen. Damit greift er ein typisches Problem politischer Krisenkommunikation auf: Worte sind schnell, aber Ursachenanalyse und Interessenabgleich dauern.
Inhaltlich geht Baqaei über die grundsätzliche Forderung nach Ursachenforschung hinaus. Er verurteilt laut seinem Statement doppelte Maßstäbe der E3 angesichts dessen, was er als Untätigkeit gegenüber militärischer Aggression gegen den Iran durch die USA und Israel beschreibt. Gleichzeitig wirft er der E3 umfassende Unterstützung Israels vor und nennt zudem Ansätze im Zusammenhang mit dem iranischen Nuklearthema „destruktiv“. Für die Einordnung ist wichtig, dass es sich dabei um iranische Vorwürfe handelt; das Statement formuliert keine rechtskräftige Bewertung, sondern eine politische Anklage, die vor allem den bisherigen Kurs der E3 delegitimieren soll.
Daneben legte Baqaei einen zweiten Schwerpunkt auf die Wahrnehmung unterschiedlicher deutscher Linien innerhalb kurzer Zeit. In einem Beitrag auf X stellt er Aussagen gegenüber, die mehr als ein Jahr auseinanderliegen. Im Juni 2025 habe der deutsche Kanzler Friedrich Merz im Kontext der „Aggression“ Israels gegen den Iran gesagt: „This is the dirty work Israel is doing for all of us.“ Im Oktober 2026 betont demgegenüber der deutsche Außenminister (und weitere Akteure), man warne vor erneuten Angriffen auf den Iran und betone die Notwendigkeit, eine weitere Eskalation zu verhindern. Die Botschaft: Deutschland stehe – so die Lesart aus Teheran – nicht durchgehend auf einer konsistenten Linie, zumindest nicht in der öffentlichen Darstellung.
Für den europäischen Verhandlungsansatz bedeutet das zweierlei. Erstens verschiebt der iranische Blick die Debatte von Fragen der Rhetorik hin zu Fragen der Abstimmung zwischen Regierungen, insbesondere wenn unterschiedliche Ressorts unterschiedliche Tonlagen nutzen. Zweitens erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass künftige Gespräche stärker darauf abzielen, Erwartungsmanagement zwischen Politikern und Kommunikationsmustern zu synchronisieren. Denn wenn Akteure später konkrete Zitate gegeneinanderstellen, wird aus einem diplomatischen Prozess schnell ein politisches Narrativ, das sich schwerer „wegmoderieren“ lässt.
Auch für die technische Ebene der europäischen Zusammenarbeit ist der Hintergrund relevant, selbst wenn das Statement selbst nicht technikbezogen ist. In Konflikten dieser Größenordnung werden Kommunikations- und Handlungsfähigkeit von Infrastruktur belastet – etwa durch die Sorge vor Störungen in Satelliten- und Mobilfunkketten, durch Priorisierung von Sicherheitsmaßnahmen in der IT-Infrastruktur oder durch Beschleunigung von Risikoanalysen in Lieferketten. Unternehmen, die in Europa produzieren oder Dienstleistungen in Konfliktregionen indirekt unterstützen, beobachten solche Phasen häufig an veränderten Beschaffungswegen, geänderten Risiko-Policies und zusätzlichen Prüfpfaden. Politische Deeskalation hat also nicht nur außenpolitische Wirkung, sondern wirkt auch in die Planungslogik von Technik- und Betreiberteams hinein.
Offen bleibt, wie genau die von Baqaei geforderte Ursachenanalyse praktisch umgesetzt werden soll. In dem Statement wird beschrieben, dass geeignete Foren die „root causes“ untersuchen müssten; eine konkrete Roadmap, etwa mit Zeitplan, Arbeitsgruppen oder messbaren Kriterien, liefert der Text nicht. Genau in dieser Lücke entscheidet sich, ob Diplomatie tatsächlich zu einem Prozess wird, der Handlungsspielräume öffnet, oder ob sie vor allem als Rahmen für öffentliche Botschaften genutzt wird. Für die nächsten Schritte dürfte entscheidend sein, ob E3-Partner und regionale Akteure eine gemeinsame Sprache finden – nicht nur über Eskalationsprävention, sondern auch über die Faktoren, die den Konflikt immer wieder neu anheizen.
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