NORDOST KANADAS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Studie zur Barnes-Eiskappe auf der Baffininsel liefert Hinweise auf ein früheres Wachstumsfenster vor rund 2000 Jahren. Danach schrumpft das Eis seit 1960 deutlich; die Ränderückzugsrate liegt im Mittel bei etwa vier Metern pro Jahr. Die Forschenden interpretieren diese Muster als Indiz dafür, dass menschengemachte Treibhausgase das Einsetzen einer neuen Vergletscherung womöglich verzögert haben. Gleichzeitig bleibt offen, ob daraus tatsächlich eine „neue Kaltzeit“ im gleichen Sinne folgt wie in früheren Eisphasen.

Die Barnes-Eiskappe im Nordosten Kanadas wirkt auf den ersten Blick wie ein Randthema der Klimadiskussion: ein Eiskörper von rund 5700 Quadratkilometern, fest verankert am Felsuntergrund und damit ein ungewöhnlich sauberes Klimaarchiv. Genau diese Besonderheit macht die aktuelle Untersuchung so interessant. Weil das Eis an der Unterlage „festgefroren“ ist, bleiben organische Reste wie Moose und Flechten erhalten, die sonst bei wiederholtem Auf- und Abdecken durch Eis verloren gingen. Damit lässt sich rekonstruieren, wann das Eis wieder wuchs und wann es in eine Schrumpfphase geriet.
Im Kern kombinieren die Forschenden zwei Datierungs- und Rekonstruktionsansätze. Sie nutzten die Radiokarbondatierung, um den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem die Pflanzen abgestorben waren. Ergänzend kommen Messungen von Beryllium-10 in Gesteinen hinzu, mit denen frühere Eisgrenzen rekonstruiert werden können. Das Ergebnis zeichnet eine zeitlich klare Dynamik: Vor ungefähr 2000 Jahren begann die Barnes-Eiskappe erneut zu wachsen. Im Datensatz setzt sich dieser Trend jedoch nicht in dem Sinne fort, wie man es bei einer „reibungslosen“ Rückkehr zu einer starken Vergletscherung erwarten würde, denn später – und besonders seit 1960 – dominiert die Abnahme der Eisausdehnung.
Das zeitliche Muster ist das, worauf die Studie ihre zentrale These stützt. Die Forschenden um Nicolas Young von der Columbia University sehen in dem erneuten Eiswachstum vor rund 2000 Jahren ein Indiz dafür, dass die Erde sich in Richtung einer neuen Kaltphase bewegte, diese Entwicklung aber durch die menschengemachte Erwärmung abgebremst wurde. Seit 1960 erreichte die Barnes-Eiskappe demnach ihre größte Ausdehnung seit Beginn der rekonstruierten Wachstumsphase, danach schrumpfte sie. Für die jüngere Gegenwart nennen die Autoren eine mittlere Rückzugsrate des Eisinhalts bzw. seines Randes von etwa vier Metern pro Jahr ab den 1980er-Jahren.
Technisch plausibel wird die Interpretation durch das Zusammenspiel von Sommertemperaturen und dem saisonalen Gleichgewicht zwischen Schmelzen und Neubildung. Wenn im Sommer mehr Eis schmilzt, als im Winter wieder entsteht, verliert die Eiskappe systematisch Masse. Besonders drastisch wirkt in diesem Zusammenhang die im Satellitenmonitoring beobachtete Schneebedeckung: Für den Sommer 2026 meldete die NASA, dass die saisonale Schneedecke bereits Mitte Juli verschwand – so früh wie nie zuvor in der ausgewerteten Satellitenaufzeichnung. In einer solchen Phase kippt die Bilanz nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt: erst wird die Erholung schwächer, dann wird das Wachsen zur Ausnahme und das Schrumpfen zur Regel.
Die Studie geht allerdings noch einen Schritt weiter und definiert, was „Beginn“ einer Kaltzeit bedeuten könnte. Meredith Kelly, Geowissenschaftsprofessorin am Dartmouth College, nennt die Daten als eindrücklich und beschreibt ein klares Muster – weist zugleich aber darauf hin, dass der Abgleich mit Daten aus anderen Regionen nötig bleibt. Hintergrund ist nicht akademische Pedanterie, sondern die Frage, ob das Signal der Barnes-Eiskappe allein genug ist, um eine globale oder zumindest regional vergleichbare Kaltphase zu belegen. Fachlich müsse zudem sauber zwischen Eiszeitalter, Kaltzeit und Warmzeit unterschieden werden; im Kӧnozoikum leben wir zwar weiterhin in einer Eiszeit, aber die letzte Kaltzeit (Glazial) endete vor rund 11.700 Jahren, seitdem befindet sich die Erde im Interglazial.
Am Ende der Studie steht auch eine praktische Konsequenz für die Zukunft: Modellrechnungen deuten darauf hin, dass die Barnes-Eiskappe innerhalb der nächsten Jahrhunderte vollständig verschwinden könnte. Damit ginge nicht nur ein isolierter Eiskörper verloren, sondern der letzte bedeutende Rest des Laurentidischen Eisschilds. Genau hier liegt der zweite technische Gedanke der Autoren: Ein kleiner verbliebener Eiskörper kann bei späteren Abkühlungen als Ausgangspunkt für weiteres Wachstum dienen. Ob und wann eine nächste Kaltzeit unter heutigen Treibhausgasbedingungen einsetzt, lässt sich dennoch nicht verlässlich vorhersagen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung kam in einer Studie aus dem Jahr 2016 zu dem Schluss, dass die nächste Kaltzeit erst in etwa 100.000 Jahren zu erwarten sei; ohne menschlichen Einfluss hätten die Zeitskalen laut den Studienleitern möglicherweise bei rund 50.000 Jahren gelegen. In dieser Größenordnung wäre der menschliche Treibhausgas-Effekt also nicht nur „eine kurzfristige Störung“, sondern könnte den nächsten großen natürlichen Zyklus spürbar verzögern.
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