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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Sicherheitsanalyse aus Israel argumentiert, dass langfristiger Frieden nicht vorgesehen sei und stattdessen Dauerkrieg als notwendige Strategie gilt. Während die israelische Öffentlichkeit über Wahlen und Kriegsführung debattiert, verknüpft das Papier militärische Planung mit Fragen nach Identität, Demokratie und Siedlungen. Entscheidend wird dabei weniger, wer regiert, sondern welche Linie das IDF-Topmanagement politisch durchsetzt. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie lange eine Gesellschaft eine eskalierende Logik aushält.

Israels Militär-Denkmuster: Warum ein neuer Sicherheitsbegriff Dauerkrieg nahelegt
Israels Militär-Denkmuster: Warum ein neuer Sicherheitsbegriff Dauerkrieg nahelegt (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit Blick auf die bevorstehende israelische Generalwahl verschiebt sich die politische Debatte zunehmend von Wahlversprechen hin zu einer Grundsatzfrage: Welches Kriegsbild soll das Land dauerhaft prägen? Der Kern der aktuellen Debatte ist, dass schon vor dem 7. Oktober 2023 eine klare Tendenz nach rechts erkennbar war und sich diese nach dem Angriff von Hamas weiter verstärkt hat. Laut den im Text zitierten Umfragewerten wollen fast drei Viertel der Israelis, dass die Truppen in Gaza bleiben; dabei bevorzugen 55% sogar eine langfristige militärische Präsenz in der Enklave. Gleichzeitig wünschen sich knapp 80% eine Fortsetzung des Kriegs in Libanon, während die beschriebenen politischen und gesellschaftlichen Effekte – etwa die Abwanderung junger, säkularer Linker – den inneren Druck auf das politische System erhöhen.

Auch personell deutet die Lage auf eine Fortsetzung der Sicherheitslogik hin. Der Text beschreibt, dass ein Block um den pensionierten General Gadi Eisenkot in Umfragen als Favorit gilt, jedoch voraussichtlich nicht die nötige Mehrheit erreichen wird. Eisenkots Rolle innerhalb von Netanyahus engerem Sicherheitskabinett wird ebenfalls eingeordnet: Er stieg nach acht Monaten aus, weil er das Vorgehen für zentral gescheitert ansah, darunter das Ziel, Geiseln zurückzuholen, Hamas’ Fähigkeit zur Regierungsführung zu zerschalten und evakuierte Bewohner in den Norden zurückzubringen. Technisch und ideologisch ist die Brücke zum späteren Konzeptpapier über die militärische Grundhaltung besonders wichtig, weil Eisenkot in seiner aktiven Laufbahn als Unterstützer der Dahiya-Doktrin beschrieben wird – einer Vorgehenslogik, die bei Aufständen mit breit angelegten Angriffen auf die zivile Unterstützung rechnen soll.

Genau hier setzt die zentrale These der neuen Analyse an: In dem als „New“ bezeichneten National Security Concept des Israel Institute for National Security Studies (INSS) wird laut dem Text ein Konzept entworfen, das auf eine permanente kriegerische Ausrichtung hinausläuft. Autor der Analyse ist der exekutive Direktor des Instituts, reservistischer Major General Tamir Hayman; der Text betont zugleich, dass es sich nicht zwingend um seine persönliche Position handeln müsse, sondern um eine verdichtete Lesart des Denkens in den oberen Rängen der israelischen Militärführung. Unter dieser Perspektive werden fünf Prinzipien zu Leitplanken: jüdische Identität vor demokratischer Öffnung, „Frieden“ als taktisches Mittel statt als Ziel, die Einschätzung arabischer Staaten als politisch instabil und deshalb nicht als gleichwertige Gegenüber, eine Kriegsführung, die Selbstständigkeit als Bedingung setzt, sowie die Charakterisierung des israelisch-palästinensischen Konflikts als dauerhaftes israelisch-arabisches Konfliktmuster. Besonders prägnant ist die Logik, dass Sicherheit aus Kontrolle über das gesamte Territorium abgeleitet wird – inklusive Siedlungen als tragendem Element.

Diese Denkmuster wirken nicht nur theoretisch, sondern werden im Text mit einer Kontinuität militärischer Praxis konfrontiert. Die Gegenargumentation lautet: Selbst wenn das Papier frühere Friedensbemühungen als Fehler markiert und präventive Kriegsführung als sicherheitswirksamer verkauft, habe der IDF in Gaza bereits eine Serie so genannter „preventive wars“ zwischen 2008 und 2021 stattgefunden, mit über 5.000 getöteten Palästinensern – und trotzdem sei Israel nicht sicherer geworden. Auch nach mehr als drei Jahren weiterer Kriegsführung könne die IDF demnach Gaza nicht vollständig besetzen, weil Hamas weiterhin kontrolliere. In dieser Darstellung geht es damit weniger um den Streit über einzelne Taktiken, sondern um die strukturelle Spannung zwischen Zieldefinition und operativem Ergebnis: Wenn die politische Kultur militärisches Fehlverhalten normalisiert oder ausblendet, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Korrekturen in der Logik selbst stattfinden.

Der Text beschreibt zudem Mechanismen, mit denen abweichende Sichtweisen innerhalb des Militärs politisch unter Druck geraten. Als Beispiel wird Netanyahus Reaktion auf eine Dokumentation namens „NAZA“ genannt: Er habe demnach veranlasst, dass Generalstaatsanwalt und Leiter des Sicherheitsdienstes prüfen und anonyme IDF-Angehörige identifizieren und strafrechtlich verfolgen, die Interviews gegeben hätten – mit dem Vorwurf, „Israels diplomatische und Sicherheitsinteressen“ zu schädigen. Für die Frage, wie ein Ausstieg aus der beschriebenen „Insecurity trap“ gelingen könnte, werden im Text zwei Hebel angedeutet: Zum einen könnten einfache Soldaten mehr Unbehagen entwickeln und Regeln weniger bereitwillig mittragen; zum anderen könnten Offiziere realisieren, dass ein endloser Krieg eine „ent-zivilisierte“ Gesellschaft hervorbringt. Als weiterer Faktor wird die Rolle externer Verbündeter genannt – etwa die Möglichkeit, dass der Verlust wichtiger Partner die militärische Denkweise verändert, ebenso wie ein möglicher Stimmungsumschwung innerhalb der eigenen Bevölkerung.

Auch international droht eine Eskalationsspirale, die das Papier indirekt verstärkt. Der Text verweist darauf, dass sich über die letzten drei Jahre weltweit Unterstützung für Palästinenser spürbar ausgedehnt habe, und dass Boykotte diese Dynamik weitertragen könnten. Damit gerät Israels Diaspora dem Text zufolge in eine zunehmend schwierige Position, weil das Land in Teilen des globalen Umfelds als „rogue state“ wahrgenommen werde – eine Wahrnehmung, die sich verschärfen kann, wenn die militärische Linie faktisch auf Dauerkrieg ausgerichtet bleibt. Dass die Innenlogik dabei nicht beliebig flexibel ist, wird an einer Metapher deutlich, die Avraham Burg zugeschrieben wird: Israel sei „a pressure cooker, with every candidate turning up the flame.“ Wenn Gesellschaften dauerhaft unter Spannung stehen, verschiebt sich die politische Aushandlung vom Machbaren hin zu immer härteren Einstellungen – und damit wird die Frage nach „wer gewinnt die Wahl“ letztlich zur nachrangigen Variable gegenüber dem, was die militärische Führung als nächsten Schritt definiert.

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