LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte genetische Studie verknüpft Persönlichkeitsmerkmale mit Hunderten DNA-Varianten. Die Kombination aus 1.260 Assoziationen erklärt laut Auswertung nur einen kleinen Teil der Unterschiede, zeigt aber Überschneidungen mit Gesundheit, Tages- und Nachtverhalten sowie psychischer Anfälligkeit. Besonders auffällig: Genetische Profile stehen auch mit Bewegungsmustern in Richtung urbaner Milieus und bestimmter Wohnlagen in Verbindung.

Warum Menschen Routinen durchhalten oder lieber spontan handeln, wie ausgeprägt ihr Schlafrhythmus ist und weshalb manche sich dauerhaft in Großstadtmilieus zuhause fühlen: Diese Fragen wirken zunächst psychologisch. Die neue groß dimensionierte Untersuchung verschiebt den Blick jedoch auf die Biologie dahinter. Genetische Muster werden nicht als Schicksal gelesen, sondern als statistische Wahrscheinlichkeitsanker – und damit als ein weiterer Baustein im Puzzle aus Erleben, Umwelt und Vererbung.
Zentral ist die Größenordnung: Die Forschenden analysierten genetische Informationen von mehr als einer Million Menschen und kombinierten sie mit Fragebögen zu fünf breit gefassten Persönlichkeitsdimensionen, dem sogenannten Big Five. Zu den Dimensionen zählen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus sowie Offenheit für Erfahrungen. Auf dieser Basis identifizierten die Autorinnen und Autoren insgesamt 1.260 genetische Varianten, die mit den Persönlichkeitswerten zusammenhängen. Davon lagen 824 in DNA-Regionen, die zuvor noch nicht mit den jeweiligen Merkmalen verknüpft worden waren.
Wichtig für die Interpretation ist die Art der genetischen Effekte. In der Studie zeigte sich kein einzelnes „Personality-Gen“ mit dominierender Wirkung. Vielmehr scheint Persönlichkeit aus dem Zusammenspiel tausender Unterschiede zu entstehen, wobei jede einzelne Variante nur einen winzigen Beitrag liefert. Die Gesamterklärungskraft dieser bislang identifizierten, häufigen Varianten liegt bei etwa 5 bis 9 Prozent der Streuung der Persönlichkeitswerte in der untersuchten Population. Das ist deutlich niedriger als frühere Schätzungen aus Zwillingsstudien (dort wurden grob 20 bis 40 Prozent bzw. in einzelnen Darstellungen 40 bis 60 Prozent genannt), was vor allem daran liegt, dass Zwillingsdesigns den Einfluss vererbter Unterschiede insgesamt abbilden – inklusive solcher, die noch nicht konkret lokalisiert oder gemessen werden können.
Die Studie versucht außerdem, die Assoziationen von familiären Lebensumständen zu entkoppeln. Dafür verglichen die Forschenden Verwandte, darunter auch Zwillinge, die im selben Haushalt aufwuchsen, aber unterschiedliche Genkombinationen mitbrachten. Die genetischen Zusammenhänge blieben dabei weitgehend stabil. Das spricht dafür, dass es sich nicht nur um einen Effekt gemeinsamer Erziehung handelt, sondern um reale genetische Einflüsse. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass Umweltfaktoren nebensächlich wären – sie prägen Persönlichkeit weiterhin stark, nur eben nicht vollständig über genetische Marker erklärbar.
Besonders interessant sind die übergreifenden Verbindungen jenseits der reinen Persönlichkeitsmessung. Laut den Ergebnissen zeigen genetische Profile, die mit größerer Gewissenhaftigkeit zusammenhängen, Tendenzen zu mehr Bewegung, häufigerer sportlicher Aktivität sowie weniger Gebrauch von Substanzen mit Abhängigkeitspotenzial; zudem berichten die Auswertungen weniger Krankenhausaufenthalte. Bei der Offenheit für Erfahrungen wiederum wird eine Verbindung zu stärkerer Aktivität in der Nacht beschrieben. Auch der Gesundheitsaspekt geht weiter: Profile, die mit Neurotizismus korrelieren – also einer Neigung zu Sorgen und negativen Emotionen – überlappen mit einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber mehreren psychiatrischen Erkrankungen.
Selbst Infektionsrisiken tauchen in der Analyse auf: Genetische Konstellationen, die mit höherer Extraversion verbunden sind, waren in den Daten eher mit einer frühen COVID-19-Infektion in der Anfangsphase der Pandemie assoziiert. Als plausible Erklärung wird diskutiert, dass stärker ausgeprägte soziale Ausrichtung mehr Kontakte bedeutet und dadurch mehr Expositionsmöglichkeiten entstehen können. Zusätzlich untersuchten die Forschenden Bewegungs- und Wohnpräferenzen in einem Datensatz aus dem Vereinigten Königreich mit mehr als 419.000 Teilnehmenden: Wer genetische Profile mit größerer Offenheit trägt, zieht demnach im späteren Lebensverlauf eher in cosmopolitischere, städtisch geprägte Viertel. Profile mit höherer Gewissenhaftigkeit gehen hingegen eher mit dem Wechsel in wohlhabendere Vororte einher.
Damit stellt sich eine für die Praxis entscheidende Frage: Lässt sich aus einem DNA-Test künftig zuverlässig ableiten, „was für ein Mensch“ jemand ist? Die Studie liefert dafür nach eigenem Anspruch noch keine robuste individuelle Vorhersage. Die kombinierten Effekte bleiben zu klein, um aus genetischen Varianten verlässlich das persönliche Ausmaß einzelner Merkmale zu prognostizieren – ein Träger extravertierter Varianten kann ruhig und zurückhaltend sein, und ein genetisches Profil mit Bezug zu Neurotizismus „prädestiniert“ nicht automatisch für Angststörungen oder Depressionen. Aus der Psychiatrie wird das Ergebnis sinngemäß so eingeordnet, dass die DNA Persönlichkeit beeinflusst, aber nicht diktiert; entscheidend bleibt das Zusammenspiel aus Entwicklung, Erfahrungen und Umfeld. Für Unternehmen und Forschung ist das spannend, weil es zeigt, wie stark gesellschaftliche Kategorien wie Persönlichkeit mit messbaren biologischen Faktoren zusammenhängen können – ohne dass daraus bereits ein steuerbares „Schicksalsmodell“ für Einzelpersonen wird.
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