LONDON (IT BOLTWISE) – Ende September lebten in Deutschland 200.601 Menschen mit einer Duldung. Damit steigt die Zahl nach einem Rückgang in den Jahren 2023 bis 2025 wieder deutlich. Die Duldung setzt Abschiebungen zwar vorerst aus, bleibt aber an eine befristete Ausnahmesituation gekoppelt. Zugleich fällt der Anstieg zeitlich mit dem Auslaufen des Chancenaufenthaltsrechts zum Jahresende 2025 zusammen.

Ende September lagen in Deutschland wieder mehr als 200.000 Menschen in dem rechtlichen Status der Duldung. Laut Angaben der Bundesregierung waren es 200.601 Geduldete; im selben Zeitraum standen 256.873 Personen ausreisepflichtig im System. Diese Gegenüberstellung zeigt die Grundspannung der Situation: Duldung bedeutet nicht, dass die Ausreisepflicht verschwindet, sondern dass die Vollziehung aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen vorerst ausgesetzt wird. Für viele Betroffene entscheidet sich damit sehr praktisch im Alltag, ob eine behördliche Verlängerung gelingt oder ob die nächste Entscheidung Richtung Rückkehr oder erneute Aussetzung kippt.
Technisch betrachtet ist die Duldung weniger ein „Aufenthaltstitel“ als ein Verwaltungsmodus mit klarer Logik: Die Ausländerbehörde erteilt die Duldung, wenn eine Abschiebung nicht durchgesetzt werden kann – etwa weil Reisedokumente fehlen, gesundheitliche Hindernisse entgegenstehen oder familiäre Bindungen eine Rückkehr erschweren. Weil diese Gründe befristet sein können, ist die Duldung im Kern ein periodisch zu prüfender Zwischenzustand. Wer in diese Kategorie fällt, bleibt grundsätzlich ausreisepflichtig, bis eine andere rechtliche Grundlage entsteht. Genau hier liegt auch der Grund, warum die Zahlenentwicklung politisch und organisatorisch so relevant ist: Steigt die Zahl der Geduldeten, wächst der Aufwand für Identitätsklärung, Dokumentenbeschaffung und Statusentscheidungen, selbst wenn sich an der Gesamtlage der Ausreisepflicht kurzfristig nicht sofort etwas „grundlegend“ verändert.
In den vergangenen Jahren lässt sich die Dynamik nicht ohne den Blick auf das Chancenaufenthaltsrecht erklären. Am 31. Dezember 2025 hatten 190.974 von 232.067 Ausreisepflichtigen eine Duldung; Ende 2022 waren es noch rund 248.000 gewesen. Der Rückgang in den Folgejahren wird in der Meldung unter anderem mit der damaligen Koalitionsregelung aus SPD, Grünen und FDP in Verbindung gebracht, die Ende 2022 eingeführt wurde und drei Jahre lang galt. Sie bot langjährig Geduldeten innerhalb einer 18-monatigen Prüfphase die Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis auf Probe. Für einen dauerhaften Übergang verlangte das Modell unter anderem eine überwiegbare eigenständige Lebensunterhaltssicherung, ausreichende Deutschkenntnisse, Straffreiheit und eine geklärte Identität. Wer diese Anforderungen nicht erfüllte, blieb ausreisepflichtig und konnte bei Rückfall in den Voraussetzungen wieder in die Duldung zurückfallen.
Der neue Anstieg wird zeitlich mit dem Auslaufen dieser Regelung in Verbindung gebracht. Für 2026 nennt die Bundesregierung rund 45.000 neue Duldungen; zum Stichtag Ende September waren darunter etwa 13.460 Minderjährige. Im Ausländerzentralregister waren zudem 402 Ausbildungsduldungen und 17 Beschäftigungsduldungen vermerkt. Diese Zahlen sind wichtig, weil sie die Reichweite spezifischer Instrumente zur Integration in Ausbildung und Arbeit begrenzen. Wenn Ausbildungs- und Beschäftigungsduldungen zwar Perspektiven eröffnen sollen, aber in der Praxis nur einen kleinen Teil abdecken, bleibt die Mehrheit der Fälle im breiteren Status der befristeten Duldung gefangen. Zusätzlich wird als mögliche Ursache für den Anstieg in der Meldung genannt, dass geringere Anerkennungsquoten im Asylverfahren zu mehr Fällen führen können, in denen keine schnelle Umstellung auf einen anderen Aufenthaltstitel erfolgt.
Dass dieser Zustand auch Unternehmen unter Druck setzen kann, ist in der Praxis kein Randthema. Eine Duldung schafft für Arbeitgeber eine besondere Form der Unsicherheit, weil ihr Fortbestand regelmäßig von einer erneuten Verlängerung abhängt. Personalplanung, Recruiting-Prozesse und Qualifizierungsketten geraten dadurch in eine längerfristige „Warteschleife“: Betriebe investieren in Ausbildung oder Beschäftigung, stehen aber gleichzeitig unter der Frage, ob der rechtliche Status stabil bleibt oder ob sich nach einer behördlichen Entscheidung wieder Unsicherheit einstellt. Genau dieses Spannungsfeld adressierte die Grüne-Abgeordnete Filiz Polat in der Debatte: Sie kritisierte, die Regeln für Ausbildungs- und Beschäftigungsduldungen seien zu kompliziert und stellten teilweise Anforderungen, die kaum erreichbar seien. Aus ihrer Perspektive brauchen Unternehmen Planungssicherheit und verlässliche Arbeitskräfte; die Migrationsexpertin verwies daher auf die praktische Umsetzung jenseits der Theorie.
Auch die Verwaltungsebene spürt den Effekt unmittelbar. Kommunen und Ausländerbehörden müssen bei einer wachsenden Zahl geduldeter Personen deutlich mehr befristete Statusentscheidungen treffen: Identitätsklärungen, Nachweise, Dokumentenprüfungen und die fortlaufende Abwägung rechtlicher Voraussetzungen erzeugen eine hohe operative Last. Für Betroffene hängt daran unmittelbar, ob es zu einer Rückkehr kommt, ob eine weitere Duldung folgt oder ob perspektivisch ein regulärer Aufenthaltstitel möglich wird. Damit prallen zwei Ziele aufeinander: Durchsetzung der Ausreisepflicht auf der einen Seite, Erhalt von Integration, Ausbildung und Beschäftigung auf der anderen, ohne diese durch jahrelange Unsicherheit auszuhöhlen. Ob der jüngste Anstieg anhält, hängt deshalb auch davon ab, wie viele Personen nach dem Ende des Chancenaufenthaltsrechts eine andere Aufenthaltsperspektive erhalten und wie sich Anerkennungs- sowie Abschiebepraxis entwickeln.
Für die nächsten Monate ergibt sich daraus eine klare Handlungslogik für unterschiedliche Akteure. Unternehmen brauchen mehr Verlässlichkeit bei der Frage, ob Beschäftigungen und Ausbildungswege rechtlich anschlussfähig bleiben. Behörden wiederum stehen vor der Herausforderung, Verfahren zügig und konsistent zu bearbeiten, während parallel die Zahl der Fälle steigt. Politisch verschiebt sich der Fokus damit von einer einzelnen Übergangsregel hin zu einem stabileren, einfacher verständlichen Gesamtsystem, das sowohl Abschiebefähigkeit als auch Integrationsfähigkeit miteinander in Einklang bringt. In diesem Kontext ist auch relevant, dass die Duldung ausdrücklich kein Dauerrecht ist: Sie setzt die bestehende Ausreisepflicht vorübergehend aus und ist eng daran gekoppelt, warum eine Abschiebung derzeit tatsächlich oder rechtlich nicht möglich ist.
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