BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der Geduldeten in Deutschland steigt wieder deutlich an. Ende September 2025 lebten 200.601 Menschen mit einer Duldung in Deutschland. Gleichzeitig waren zum 30. September 256.873 Menschen ausreisepflichtig. Die Bundesregierung verweist dabei unter anderem auf das Auslaufen des Chancenaufenthaltsrechts und auf komplizierte Regeln für Ausbildungs- und Beschäftigungsduldung.

Die politischen und administrativen Folgen von Status-Übergängen in der deutschen Einwanderungspolitik werden gerade wieder sichtbar: Nach einem Rückgang der Jahre 2023 bis 2025 steigt die Zahl der „Geduldeten“ laut einer Mitteilung der Bundesregierung erneut deutlich an. Ende September 2025 hielten sich demnach 200.601 Menschen mit einer Duldung in Deutschland auf. Entscheidend ist dabei der Doppelblick auf zwei Statistiken: Zum Stichtag 30. September galten 256.873 Menschen als ausreisepflichtig. Die Differenz zeigt, wie viele Betroffene aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen zunächst nicht abgeschoben werden können, obwohl die Ausreisepflicht formell fortbesteht.
Für das Verständnis des Zahlenwerks lohnt sich ein Blick auf die Definition: Geduldete sind grundsätzlich ausreisepflichtig, die Abschiebung kann jedoch aus bestimmten Gründen vorerst nicht erfolgen. Solche Gründe reichen von fehlenden Ausweisdokumenten über familiäre Konstellationen bis hin zu medizinischen Sachlagen. Die Duldung ist dabei stets befristet, wodurch die Lebensplanung der Betroffenen in kurzen Zyklen erneut unsicher wird. Dass diese Unsicherheit nicht nur auf Einzelfälle beschränkt ist, wird auch an der Struktur der Ausreisepflicht sichtbar: Am 31. Dezember 2025 verfügten 190.974 von 232.067 Ausreisepflichtigen über eine Duldung. Damit bleibt die Duldung in der Praxis für einen großen Teil der Betroffenen der zentrale „Zwischenstatus“.
Den unmittelbaren politischen Kontext liefert das Auslaufen des Chancenaufenthaltsrechts: Ende 2022 lebten noch rund 248.000 Menschen mit einer Duldung in Deutschland. In den Folgejahren sank die Zahl unter anderem, weil die Koalition aus SPD, Grünen und FDP ein Chancenaufenthaltsrecht eingeführt hatte. Das Gesetz trat am 31. Dezember 2022 in Kraft und galt drei Jahre lang. Anspruchsberechtigt waren Menschen, die sich zum Stichtag 31. Oktober 2022 mindestens fünf Jahre in Deutschland geduldet, gestattet oder mit einer Aufenthaltserlaubnis aufgehalten hatten. Für sie und ihre Angehörigen konnte für 18 Monate eine Art Aufenthaltserlaubnis auf Probe entstehen, bevor bei Erfüllung weiterer Kriterien ein dauerhaftes Bleiberecht möglich war – etwa bei überproportionaler eigener Sicherung des Lebensunterhalts, ausreichenden Deutschkenntnissen, fehlender Straffälligkeit und einer geklärten Identität.
Dass nicht alle den Sprung in den dauerhaft gesicherten Aufenthalt schaffen, kann verschiedene Ursachen haben. Im politischen Diskurs wird dabei besonders betont, wie stark Identitätsklärung, Nachweise und Verwaltungsprozesse zusammenspielen. Genau an dieser Schnittstelle kommt auch die Rolle von Registern ins Spiel: In der Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Filiz Polat werden mehrere Kategorien genannt, die im Ausländerzentralregister erfasst sind, darunter Ausbildungs- und Beschäftigungsduldungen. Für das Jahr 2026 nennt die Bundesregierung rund 45.000 Erstanträge auf Duldung; darunter verzeichnet sie zum Stichtag 30. September 13.460 Minderjährige. Zusätzlich nennt sie Einträge von 402 Ausbildungsduldungen und 17 Beschäftigungsduldung-Einträge. Diese Aufschlüsselung macht deutlich, wie selektiv die Übergänge in ausländerrechtliche „Förderpfade“ wirken können, selbst wenn Integration über Arbeit und Ausbildung bereits im Alltag stattfindet.
Neben dem Auslaufen des Chancenaufenthaltsrechts nennt die Bundesregierung auch geringere Anerkennungsquoten im Asylverfahren als möglichen Grund für den neuerlichen Anstieg. Für das Asylgeschehen gilt zudem eine europäische Erweiterung der sicheren Herkunftsländer: Seit Mitte Juni gelten auf EU-Ebene über die bisher in Deutschland bestimmten sicheren Herkunftsstaaten hinaus unter anderem Ägypten, Bangladesch, Indien, Kolumbien, Marokko, Tunesien und die Türkei als sichere Herkunftsländer. Das ist in der Praxis für Antragsteller mit einem Beschäftigungsverbot verbunden. Damit verschärfen sich nicht nur rechtliche Rahmenbedingungen, sondern auch die Dynamik am Arbeitsmarkt: Denn wenn Beschäftigung in einer Phase eingeschränkt bleibt, sinken die Chancen, Integration über Erwerbsarbeit früh sichtbar zu machen. Für Betriebe bedeutet das: Sie können zwar dringend Arbeitskräfte suchen, stehen aber zugleich vor einem rechtlich und organisatorisch schwer planbaren Statuskorsett.
Genau hier setzt die Kritik der Politik an. Polat, Migrationsexpertin der Grünen, bezeichnet die bestehenden Regelungen zur Ausbildungs- und Beschäftigungsduldung als zu kompliziert und bemängelt Anforderungen, die teils kaum erfüllbar seien. In derselben Logik argumentiert sie mit Blick auf Planungssicherheit: Unternehmen bräuchten verlässliche Arbeitskräfte, und wer arbeite, eine Ausbildung mache und sich integriere, brauche einen gesicherten Aufenthalt statt jahrelanger Unsicherheit. Ähnliche Forderungen nach mehr Möglichkeiten des Bleiberechts für gut integrierte Arbeitskräfte ohne gesicherten Aufenthaltsstatus wurden zuletzt auch aus Reihen der SPD laut. Für die Umsetzung bedeutet das: Selbst wenn Integrationsleistungen real erbracht werden, müssen Verwaltungswege so gestaltet sein, dass sie nachweisbar, fristgerecht und nachvollziehbar zu einem stabileren Status führen.
Aus technologischer und administrativer Perspektive lässt sich die Lage außerdem als Hinweis auf ein systemisches Muster lesen: In der Praxis hängt der Übergang vom vorläufigen Status zu einem langfristigen Aufenthalt stark von Dokumentenlage, Identitätsklärung und konsistenter Datenerfassung ab. Hier spielen Register wie das Ausländerzentralregister eine zentrale Rolle, weil Entscheidungen und Statusänderungen auf überprüfbaren Daten basieren müssen. Genau solche Prozesse werden in Behördenalltag und IT-Landschaft ohnehin durch Modernisierungsschübe geprägt, etwa durch digitalisierte Aktenführung, standardisierte Schnittstellen oder bessere Workflows im Dokumentenmanagement. Künstliche Intelligenz kann dabei nicht „Entscheidungen ersetzen“, aber sie könnte helfen, Dokumente strukturierter zuzuordnen, unvollständige Unterlagen früher zu erkennen oder Medienbrüche zwischen Formularen, Nachweisen und Registerdaten zu reduzieren. Wichtig bleibt dabei: Automatisierung darf nicht dazu führen, dass integrationsbezogene Nachweise bei formalen Hürden schneller scheitern.
Für Entscheider in Politik und Verwaltung entsteht daraus ein messbarer Handlungsdruck. Wenn die Zahl der Geduldeten wieder steigt und gleichzeitig ein großer Teil der ausreisepflichtigen Menschen über eine Duldung verfügt, wird jeder zusätzliche Übergang in eine dauerhafte Perspektive besonders relevant. Die veröffentlichten Werte – 200.601 Geduldete Ende September 2025 bei 256.873 ausreisepflichtigen Personen zum Monatsstichtag – machen klar, dass es sich nicht um eine Randbewegung handelt. Gleichzeitig zeigt der Blick auf Minderjährige und die geringe Zahl bestimmter Duldungskategorien, wie stark der „Pipeline-Effekt“ von Kriterien und Verfahren auf das Ergebnis durchschlagen kann. Ob die nächsten gesetzlichen oder administrativen Anpassungen tatsächlich wirken, wird sich daran messen lassen, ob sie Unsicherheit verkürzen, Betrieben verlässlichere Planungen erlauben und Betroffenen realistische Chancen geben, aus dem befristeten Zwischenstatus herauszukommen.
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