BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Analyse von Facebook-Diskussionen zeigt: Bestimmte Formulierungen zu Parteien sind mit mehr feindseligen Reaktionen verknüpft. Posts, die Wähler- oder Parteigruppen als Nomen etikettieren, ziehen im Mittel einen höheren Anteil parteiischer Abwertung an. Gleiches gilt für generische Aussagen über Parteien, die eine dauerhafte Eigenschaft als „für alle“ gelesenes Muster rahmen. Wichtig ist die Einordnung: Die Effekte sind klein, aber sie könnten sich über viele Reichweiten-Posts aufsummieren.

Klingt zunächst nach Feinschliff in der Grammatik, entpuppt sich aber im Alltag politischer Social-Media-Diskussionen als messbarer Hebel: Wie eine Partei oder eine Gruppe sprachlich gerahmt wird, beeinflusst mit, wie feindselig die Kommentare darunter ausfallen. In der Studie geht es nicht um einzelne „Skandal-Posts“, sondern um routinierte Wortwahlmuster, etwa ob Autorinnen und Autoren eine Gruppe als Nomen etikettieren („Voting Democrats“) oder als adjektivische Eigenschaft beschreiben („Democratic voters“). Zudem spielt eine zweite Dimension hinein: generische Aussagen, die Gruppen als abstrakte Einheiten mit einem dauerhaften Charakterbild versehen (zum Beispiel „Democrats want climate action“), statt eine Formulierung mit Einschränkungen zu nutzen („some Democrats want climate action“). Solche Unterschiede wirken wie Sprachbanalitäten, werden aber in der Forschung mit psychologischen Mechanismen wie Entitativity und der daraus folgenden stärkeren Verallgemeinerung über Gruppenmitglieder in Verbindung gebracht.
Im Zentrum steht die Idee, dass Menschen Gruppen unterschiedlich „zusammengefügt“ wahrnehmen. Entitativity beschreibt, in welchem Maß Beobachter eine Ansammlung von Personen als einheitliches, eng verbundenes Ganzes ansehen, statt als lose Menge einzelner Individuen. Je stärker diese Wahrnehmung ausgeprägt ist, desto eher rücken einzelne Verhaltensweisen in den Fokus und werden auf die gesamte Gruppe übertragen; auch Vergeltungslogiken für „Vergehen eines Teils“ können dadurch wahrscheinlicher werden. Bereits eine 2018er Meta-Analyse mit 33 Stichproben verknüpft genau diesen Zusammenhang: Je kohärenter die Außengruppe als Entität erscheint, desto mehr Vorurteile zeigen Personen gegenüber deren Mitgliedern. Für die politische Ebene verbindet die Arbeit das mit dem Konzept „affektive Polarisierung“, also der Tendenz, die gegnerische Partei mit Abneigung und Misstrauen zu betrachten und die eigene Gruppe zu bevorzugen. Aus dieser Kombination erklärt sich, warum sprachliche Signale, die Einheitlichkeit suggerieren, in der Kommentarspalte stärker an der Emotion drehen könnten.
Technisch ist die Analyse bemerkenswert, weil die Forschenden nicht nur Sprachmuster beschreiben, sondern sie mit großen Datenmengen aus echten Plattformkommunikationen statistisch verknüpfen. Sie nutzten dafür die Meta Content Library, um öffentliche Facebook-Posts und die darunterliegenden direkten Antworten zu sammeln. Nach Ausschluss von Fällen, in denen Parteibezeichnungen eher Institutionen oder Ereignisse als Personen meint (etwa „the Democratic Party“ oder „the Republican primary“), umfasst das finale Korpus 45.780 Posts und 769.684 direkte Replies von 391.386 einzelnen Nutzerinnen und Nutzern über 3.878 Seiten und Profile. Der Datensatz enthält damit sehr heterogene Akteurstypen: Neben Nachrichtenmedien sind auch öffentliche Personen, Politiker und Regierungsvertreter vertreten. Um die enorme Menge zuverlässig zu klassifizieren, fine-tunten die Autorinnen und Autoren fünf KI-Modelle auf Basis von Transformer-Architekturen: Sie verarbeiteten Sprache kontextsensitiv und lernten, ob ein Post Parteibezeichnungen als Nomen oder als adjektivische Labels nutzt sowie ob generische Aussagen ohne Einschränkung formuliert sind.
Für die eigentliche Hypothesenprüfung kommt die statistische Kopplung hinzu: Die Forschenden modellierten multilevel-basiert, ob die spezifische Wortwahl eines Posts den Anteil parteiischer, feindseliger Kommentare darunter vorhersagt. „Parteiische Vorurteile“ wurde dabei als Abwertung oder Negativität gegenüber einer politischen Gruppe definiert, während Bemerkungen, die nur eine konkrete Person betreffen, ausgeschlossen wurden (etwa „I hate Biden“). Methodisch wichtig ist, dass sie Posts auf derselben Facebook-Seite miteinander verglichen, um unbeobachtete Unterschiede zwischen Seiten und ihren jeweiligen Community-Eigenschaften abzufedern. Insgesamt zeigte sich: Über alle 45.780 Posts hinweg erhielten Posts mit Nomen-Labels im Mittel einen höheren Anteil feindseliger Replies als Posts mit adjektivischen Labels. Vor Kontrollen lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kommentar parteiische Abwertung ausdrückt, bei 1,39-facher Höhe unter Nomen-Labels; nach Adjustierung für Post-Feindseligkeit und das Ziel (Einzelperson, Subgruppe oder ganze Partei) sank der Wert auf 1,15. Auf praktischer Ebene heißt das: Auf einer typischen Seite, auf der 59 Prozent der Posts Nomen-Labels nutzen, sagte das Modell für Kommentare unter einem Nomen-Post 16,7 Prozent feindselige Antworten voraus, gegenüber 14,8 Prozent unter adjektivischen Posts – absolut 1,9 Prozentpunkte, relativ etwa 13 Prozent. Interessant ist dabei auch die Beobachtung, dass die reine Gesamt-Häufigkeit von Nomen-Labels auf einer Seite nach Kontrollen kein statistisch signifikanter Treiber bleibt: Es scheint stärker um das konkrete Wording des einzelnen Posts zu gehen als um den „Sprachstil“ der gesamten Seite.
In der zweiten Hauptanalyse drehten die Forschenden den Fokus gezielt auf generisches Sprechen. Sie betrachteten dafür 26.026 Posts und 437.744 Kommentare, die sich auf politische Gruppen oder Subgruppen statt auf einzelne Personen beziehen. Posts mit generischen Aussagen erzielten auch hier einen höheren Anteil feindseliger Antworten: Das Odds Ratio lag vor Adjustierungen bei 1,22 und sank nach Einbeziehung von Nomen-Nutzung, Post-Feindseligkeit sowie Zielgranularität auf 1,20. Auf einer typischen Seite, in der 29 Prozent der Posts generisch formuliert sind, wurde ein Anteil parteiischer Kommentare von 22,2 Prozent unter generischen Posts prognostiziert, gegenüber 19,2 Prozent unter nicht-generischen Formulierungen – 3,0 Prozentpunkte absolut, rund 16 Prozent relativ. Gleichzeitig zeigte sich bei Betrachtung auf Seitenebene ein gegenläufiges Muster: Seiten, die insgesamt häufiger generische Aussagen posten, hatten nach weiteren Faktoren sogar etwas weniger feindselige Kommentare. Die Autorinnen und Autoren führen das darauf zurück, dass andere Unterschiede zwischen Seiten dominieren können. In derselben Analyse blieb aber die zentrale Botschaft stabil: Nomen-Labels und generische Formulierungen sagten feindselige Antworten unabhängig voneinander vorher, und die Muster traten auch konsistent auf, wenn es um „Democrats“ oder „Republicans“ ging. Selbst innerhalb desselben Schreibers über mehrere Posts hinweg blieben die Wortwahl-Effekte sichtbar, was eher dafür spricht, dass die Sprache die Kommentierung beeinflusst, statt nur bereits feindselige Personen „anzuziehen“.
Damit ist die Richtung klar, die Kausalität aber bleibt in dieser Form begrenzt. Die Studie beobachtet existierende Social-Media-Aktivität und weist deshalb selbst darauf hin, dass nicht kontrollierte Faktoren sowohl die Art der Formulierung als auch die feindselige Reaktion mitbestimmen könnten. Dazu kommen Messgrenzen: Die automatischen Klassifikatoren sind nicht perfekt, die Modellgüte liegt in den Tests grob bei etwa 73 Prozent „Recall“ für feindselige Kommentare und bei rund 68 Prozent „Präzision“ bei den erkannten feindseligen Treffern. Außerdem sind die Effekte eines einzelnen Posts klein und könnten durch explizite Nachrichtenereignisse über innerparteiliche Konflikte oder „einhellige“ Abstimmungen in den Hintergrund treten. Dennoch geben die Autorinnen und Autoren zwei praktikable Interpretationen: Erstens könnten Wortwahlgewohnheiten sich über Netzwerke ausbreiten, wenn Menschen Sprechweisen übernehmen. Zweitens bleiben selbst wenige zusätzliche feindselige Antworten im sichtbaren Diskursraum und können den Eindruck verstärken, die Gegenseite sei besonders ablehnend. Um das in echte Handlungsempfehlungen zu übersetzen, nennen die Forschenden als nächsten Schritt experimentelle Replikationen im Feld: etwa kontrollierte Tests, in denen ein Anbieter die Parteirhetorik in Social-Media-Posts zufällig variiert und über längere Zeiträume beobachtet, ob sich die Kommentarqualität tatsächlich verbessert.
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