WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Volkswagen steuert auf das erste Verlustjahr seit dem Diesel-Skandal zu. Im dritten Quartal summierte sich der Verlust auf rund 5,82 Milliarden Euro, und auch nach neun Monaten steht ein Ergebnis nach Steuern von minus 2,72 Milliarden Euro. Als Haupttreiber nennt der Konzern unter anderem den margenarmen Hochlauf der E-Mobilität, den starken Einbruch in China sowie Abschreibungen rund um Porsche. Gleichzeitig belasten Umbaumaßnahmen wie der geplante Verkauf des Werks Osnabrück das Quartal zusätzlich.

Volkswagen macht die nächste Phase seiner Transformation gerade an einer harten Kennzahl fest: dem Ergebnis. Nach Angaben des Konzerns aus Wolfsburg steht das Unternehmen im dritten Quartal mit einem Verlust von rund 5,82 Milliarden Euro unter dem Strich da. Damit kippt auch die Richtung für das laufende Jahr: Für die ersten neun Monate weist VW ein Ergebnis nach Steuern von minus 2,72 Milliarden Euro aus. Der Kernpunkt ist dabei nicht nur die übliche Mischung aus operativer Schwäche und Kosten, sondern die konkrete Verzahnung mehrerer Belastungsstränge, die sich gegenseitig verstärken.
Ein großer Hebel kommt aus dem sogenannten E-Auto-Paradox: Mehr Stromer führen nicht automatisch zu besseren Margen. VW rechnet im laufenden Jahr weltweit auf etwa acht Millionen Auslieferungen zu, doch gleichzeitig verliert das Unternehmen bei den Verkaufszahlen spürbar an Boden. In Europa zeichnet sich zwar ein Lichtblick ab: Jedes fünfte bis Ende September ausgelieferte Auto auf dem Kontinent war ein reiner Stromer, und rund 40 Prozent des Auftragbestands entfielen auf E-Modelle. Für den Gewinn gilt das aber nur eingeschränkt. VW-Finanzchef Arno Antlitz ordnet das Problem als Ergebnisdruck durch den Markterfolg der Elektrofahrzeuge ein: Ein E-Auto bringe dem Konzern derzeit weniger Gewinn als ein vergleichbarer Verbrenner, weil der schnelle Hochlauf die Gewinnmarge verwässere. Konkret nennt Antlitz für den ID. Cross eine Marge von 70 bis 80 Prozent eines vergleichbaren Verbrenners, während andere Modelle noch darunter liegen dürften.
Der zweite Belastungsposten sitzt in China, einem Markt, der für VW historisch ein zentraler Ergebnisgenerator war. Während der Konzern in Europa bei den Anteilen der E-Modelle zumindest strukturell Fortschritte sieht, laufen die Geschäfte in der Volksrepublik laut VW seit einiger Zeit schlecht. Als Signal gilt die Aussage von VW-China-Chef Ralf Brandstätter, der von einem Markt „im freien Fall“ spricht. Für 2025 werden mehr als 24 Millionen verkaufte Autos genannt, für 2026 dagegen weniger als 19 Millionen. Besonders deutlich fällt die Entwicklung in den ersten neun Monaten aus: Die Verkäufe sanken um gut 30 Prozent auf 1,38 Millionen Fahrzeuge. Entsprechend niedrig sind die Erwartungen; für 2026 rechnet VW in China vor Abschreibungen mit einem Abschneiden um die Gewinnschwelle. Antlitz verweist zudem auf ein erhebliches Risiko, dass das vierte Quartal das Ergebnis vor Abschreibungen in den Negativbereich drückt.
Zusätzlich zu der operativen Schwäche wirken sich Bewertungsanpassungen direkt auf die Gewinnrechnung aus. Im aktuellen Jahr nennt VW Sonderkosten von rund 10 Milliarden Euro, von denen 8,7 Milliarden bereits verbucht wurden. Größter Einzelposten ist dabei eine Abschreibung auf den Firmenwert des Sportwagen- und Geländewagenbauers Porsche in Höhe von rund 6,4 Milliarden Euro. Auch wenn diese Wertberichtigung nicht zahlungswirksam ist, senkt sie den Gewinn und ist damit ein unmittelbarer Faktor für den tiefroten Quartalsausweis. Als Hintergrund nennt der Konzern niedrigere Erwartungen an die Entwicklung der Tochter; zudem sei bereits im Vorjahr die Lage bei Porsche einer der Hauptgründe für den Quartalsverlust gewesen. Dort habe die Luxusmarke zwar zuletzt Stabilisierungstendenzen gezeigt, jedoch drückten weiterhin der Einbruch im China-Geschäft, US-Zölle und Kurskorrekturen rund um die Elektro-Strategie.
Parallel zu den Ergebnis- und Bewertungsblöcken treibt der Konzern auch strukturell Umbauarbeit voran, die kurzfristig ebenfalls auf die Rechnung schlägt. So belastet laut Bericht im dritten Quartal unter anderem der angestrebte Verkauf des Werks Osnabrück an den Finanzinvestor Aurelius sowie an das Land Niedersachsen. Beide sollen den Standort auf Rüstung trimmen; eine genaue Summe nannte Volkswagen in dem Zusammenhang nicht. Ohne diese Sondereffekte hätte VW im Tagesgeschäft in den ersten neun Monaten einen Gewinn von 8,8 Milliarden Euro erzielen können. Der Konzernumsatz lag in diesem Zeitraum bei 233,4 Milliarden Euro, allerdings mit einem Rückgang um 2,2 Prozent. Das Bild ist damit klar: Die operative Basis wirkt nicht völlig verloren, doch Sondereffekte und Strukturkosten überlagern sie in der Berichtsperiode.
Für die weitere Entwicklung setzt VW vor allem auf eine Kombination aus Kostendisziplin und Abfederung regulatorischer Themen. Antlitz zeigt sich zuversichtlich, dass der Konzern trotz der Belastungen die CO2-Flottengrenzwerte der EU zunächst einhalten und Strafzahlungen vermeiden kann. Gleichzeitig bleibt die mittelfristige Herausforderung, den E-Auto-Hochlauf so zu beschleunigen, dass nicht nur Volumen, sondern auch Ergebniskennzahlen nachziehen. Im vierten Quartal dürften zudem weitere Sonderkosten anfallen, etwa für zusätzliche Vorruhestandsregelungen. Auch eine Einigung mit den Arbeitnehmern über weitere Sparpläne des Vorstands könnte zusätzliche Kosten auslösen, etwa in Form von Abfindungen – auch wenn das vor Jahresende als unwahrscheinlich gilt. Das Management selbst rechnet im Tagesgeschäft im besten Fall nur mit einem Mini-Gewinn.
An der Börse spiegelte sich diese Gemengelage zunächst in der Kursreaktion wider. Die im DAX notierte Aktie fiel zunächst, drehte dann aber ins Plus: Am Nachmittag stieg das Papier zuletzt um 2,8 Prozent auf 70,96 Euro. Bezogen auf das laufende Jahr bleibt die Aktie gleichwohl schwach und liegt noch knapp ein Drittel im Minus. Analyst Philippe Houchois von Jefferies ordnet ein: Die detaillierten Zahlen seien im Wesentlichen wie erwartet ausgefallen, und beim Zahlungsmittelzufluss aus dem Automobilbereich tendiere VW zum oberen Ende der Jahresprognosespanne. Für Anleger und Zulieferer bleibt dennoch entscheidend, ob sich die Marge der E-Modelle mittelfristig stabilisieren kann und ob China sich nicht nur stabilisiert, sondern wieder planbare Ergebnisbeiträge liefert.
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