ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Pressebericht deutet darauf hin, dass Evonik ein BASF-Übernahmeangebot in Höhe von elf Milliarden Euro als zu niedrig ablehnen dürfte. Für Evonik werde in den kommenden Tagen demnach eine entsprechende Erklärung vorbereitet, während ein neuerliches Angebot grundsätzlich Gespräche wieder öffnen könnte. In der Debatte stand zuletzt zudem die Größenordnung von 24 Euro je Aktie. Unabhängig davon betont BASF-Chef Markus Kamieth die Forderung nach wirtschaftlicher Sinnhaftigkeit und finanzielle Disziplin bei einer möglichen Transaktion.

Der Spezialchemie-Konzern Evonik steht offenbar vor einer klaren Reaktion auf die Offerte seines größten Wettbewerbers BASF: Laut einem Pressebericht dürfte Evonik ein Übernahmegebot des weltgrößten Chemiekonzerns in Höhe von elf Milliarden Euro als zu niedrig ablehnen. Der Bericht verweist dabei auf mit der Sache vertraute Personen und sagt, dass Evonik in den kommenden Tagen eine entsprechende Erklärung veröffentlichen könnte. Gleichzeitig bleibt die Tür für weitere Gespräche theoretisch offen, falls BASF nachlegen sollte. Gerade diese Kombination aus Zurückweisung und möglicher Gesprächsbereitschaft ist für die nächsten Handelstage entscheidend, weil sie Erwartungen an ein Nachbesserungs-„Pfad“ setzt, ohne die Verhandlungen bereits formal abzubrechen.
Die Bewertung des Angebots soll sich offenbar auch an der Stückgröße festmachen: Zuletzt sei dem Vernehmen nach ein Preis von 24 Euro je Aktie im Raum gestanden. In solchen Konstellationen ist der finale Offer-Preis selten nur eine einzelne Zahl, sondern spiegelt die Einschätzung wider, welche Bewertungsprämie der Käufer für erwartete Synergien, geringere Kapitalkosten oder eine bessere Marktposition zu zahlen bereit ist. Evonik könnte argumentieren, dass die von BASF angenommene Prämie nicht ausreicht, um das spezifische Risiko in der Spezialchemie angemessen zu kompensieren. Dass BASF- und Evonik-Sprecher den Bericht auf Nachfrage nicht kommentierten, unterstreicht zudem: Der Markt muss mit einer Informationslücke arbeiten, bis das Management seine Position öffentlich präzisiert.
Die Impulse für das Thema kamen zuletzt deutlich aus dem BASF-Lager. Bei der Vorlage der Quartalszahlen hatte BASF-Chef Markus Kamieth dem möglichen Zusammenschluss mit Evonik eine „logische“ und „sinnvolle“ Bedeutung zugesprochen. Sein Argument: Die Portfolios und Stärken beider Unternehmen würden sich gut ergänzen, und zu einem „wettbewerbsfähigeren“ sowie „widerstandsfähigeren“ Global Player könne ein solches Paket führen. Dabei stellte Kamieth zugleich die Branchenperspektive in den Mittelpunkt: Die Konsolidierung in Europa habe bereits begonnen, und gerade die Chemieindustrie könne von größerer Skalierung, stabileren Beschaffungs- und Produktionsstrukturen sowie einer stärker diversifizierten Kunden- und Produktbasis profitieren.
Für den Transaktionshebel ist jedoch nicht nur die strategische Logik relevant, sondern auch die Eigentümerstruktur. Ende September hatten die beteiligten Unternehmen sowie die RAG-Stiftung als größter Evonik-Anteilseigner bereits bekanntgegeben, dass es ein Übernahmeangebot gibt. Besonders wichtig ist dabei die von der RAG-Stiftung gehaltene Beteiligungsquote: Sie liegt bei rund 43 Prozent der Evonik-Aktien. Aus Unternehmenssicht erhöht das den Druck auf den Angebotspreis, weil ein wesentlicher Teil der Stimmrechte nicht erst „im Laufe des Prozesses“ aufgebaut wird, sondern bereits im Vorfeld gebunden sein kann. Für die Verhandlungslage heißt das: Ein Angebot, das aus Sicht des Mehrheitsaktionärs zu niedrig wirkt, kann zwar formal auf den Tisch gelegt werden, aber faktisch an der Frage scheitern, ob eine Zustimmungskonstellation zustande kommt.
Finanziell bleibt die Positionierung von BASF damit zweigeteilt. Kamieth verwies explizit auf finanzielle Disziplin und koppelte eine mögliche Transaktion an die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit für die Aktionärinnen und Aktionäre. In der Berichterstattung wird das als klares Signal verstanden: BASF will offenbar keinen „überhöhten Preis“ zahlen und setzt damit eine harte Grenze für die Preisbildung. Auch der Umgang mit dem Zeitplan wurde bewusst defensiv gehalten; dem Vorstandsvorsitzenden zufolge sollen sich die Gespräche über Jahre nicht ziehen. Das ist ein relevantes Detail, weil es dem Markt eine Obergrenze für die Verhandlungsdauer gibt und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es entweder zügig zu einer Nachbesserung oder zu einer klaren Beendigung der Option kommt.
Technisch-strukturell betrachtet liegt die Chance einer Fusion in der Chemie häufig nicht in einzelnen Produktlinien, sondern in der gesamten Prozess- und Beschaffungslogik: Größere Verbünde können Rohstoffrisiken über mehrere Standorte verteilen, Investitionen in Anlagen mit höherer Auslastung planen und Kosten in Einkauf, Logistik und Produktion glätten. Genau solche Argumente hat BASF in der Vergangenheit immer wieder für Konsolidierungsstorys herangezogen, und bei einer Ergänzung von Spezialchemie- und Portfolio-Stärken ist der Nutzen oft über mehrere Wertschöpfungsstufen spürbar. Gleichzeitig erhöht sich aber mit jedem Schritt auch die Komplexität: Integration von IT- und Einkaufsstrukturen, Abstimmung von Produktionsnetzwerken sowie die Frage, wie Standorte mittelfristig ausgelastet werden. Dass Evonik ein Angebot möglicherweise ablehnt, kann deshalb auch als Versuch gelesen werden, den Verhandlungsrahmen zu „kalibrieren“, bevor Synergieversprechen in konkrete Zahlungen übersetzt werden.
Für den Markt ergibt sich daraus ein eng getaktetes Szenario. Wenn Evonik das Gebot tatsächlich als zu niedrig bewertet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass BASF entweder nachbessert, um Zustimmung und Geschwindigkeit zu erreichen, oder die Option fallen lässt, um nicht eine Preissteigerung auszulösen, die die eigene Renditeerwartung verwässert. Umgekehrt kann ein erneuter Schritt nach oben die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Beteiligten ihre Kommunikation stärker öffnen und damit weitere Details sichtbar werden. Bis dahin bleibt für Investoren vor allem die angekündigte Reaktion von Evonik in den kommenden Tagen der wichtigste Informationsanker, während die Gesprächsbereitschaft bei einem höheren Preis die künftige Verhandlungsdynamik offenhält. Klar ist bereits jetzt: Der Ausgang hängt weniger an der strategischen Idee als an der Zahl, die beide Seiten als wirtschaftlich tragfähig definieren.
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