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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie mit 6.561 Studierenden aus 41 kulturellen Gruppen kommt zu einem überraschend stabilen Muster: Familie und Freunde landen fast überall ganz oben. Unterschiede zeigen sich vor allem bei der Frage, ob ferne Menschen mehr zählen als Tiere und Natur. Die Forscher nutzen dazu die Moral-Expansiveness-Scale und vergleichen systematisch Rangfolgen statt bloßer Mittelwerte. Gleichzeitig bleibt unklar, ob sich diese Ergebnisse in der Gesamtbevölkerung in gleicher Weise wiederfinden.

Studie zu moralischen Prioritäten: Familie vor Umwelt – doch bei Fremden schwanken Kulturen
Studie zu moralischen Prioritäten: Familie vor Umwelt – doch bei Fremden schwanken Kulturen (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass Menschen nicht beliebig entscheiden, wen sie moralisch priorisieren, zeigt sich in den Daten besonders klar: In nahezu allen untersuchten Kulturen rangieren Familie und Freunde ganz oben in der „moralischen Kreis“-Vorstellung. Die Studie, die im European Journal of Social Psychology veröffentlicht wurde, ordnet diese Hierarchie jedoch nicht als reine lokale Besonderheit ein. Stattdessen belegen die Auswertungen, dass ein großer Teil der Rangfolgen zwischen sehr unterschiedlichen Gesellschaften überraschend konsistent bleibt – während andere Abwägungen, etwa zwischen fernen Menschen und der natürlichen Umwelt, deutlich stärker variieren.

Technisch betrachtet beschreibt das Forschungskonzept „moralische Sorge“ die persönliche Verpflichtung, das Wohlergehen und die Interessen eines Gegenübers – als Person, Tier oder sogar Ökosystem – zu berücksichtigen. Psychologisch wird das häufig über konzentrische Ringe modelliert: Wer im inneren Bereich liegt, erhält hohen Schutz und persönliche Verantwortung; wer außerhalb liegt, bekommt entsprechend wenig oder gar keine moralische Relevanz. Um diese Einordnung messbar zu machen, nutzten die Autoren die Moral Expansiveness Scale. Dabei sollen Teilnehmende 30 Entitäten in vier Ringe moralischer Bedeutung (Werte 0 bis 3) einordnen, wobei „innerer Ring“ eine starke Verpflichtung signalisiert und der äußere Rand kaum bzw. keine moralische Sorge.

Der Kern der Untersuchung ist die Frage nach der Übertragbarkeit des bisherigen „westlichen“ Musters. Frühere Tests der Skala waren laut Beschreibung stark durch Teilnehmende aus den USA, dem Vereinigten Königreich und Australien geprägt. In der nun vorliegenden Arbeit wurden Umfrageantworten von 6.561 Universitätsstudierenden aus 41 kulturellen Gruppen ausgewertet, die Länder über Asien, Afrika, Europa sowie Nord- und Südamerika und Ozeanien abdecken. Die Studienteams erklären, dass die Datengrundlage aus den Jahren 2018 und 2019 stammt und in nahezu allen Gruppen das Ziel von mindestens 100 Personen erreicht wurde. Gemessen wird dabei nicht, wie „ähnlich“ Gruppen absolut sind, sondern wie oft Rangpaare, die in westlichen Stichproben konsistent unterschiedlich ausfielen, auch in anderen Kulturen die gleiche Richtung behalten.

Auf Gruppenebene fällt die Konsistenz besonders auf: In 26 der 41 kulturellen Gruppen replizierten die Ergebnisse im Median 11 von 13 erwarteten Rangvergleichen, mit einem durchschnittlichen Match von 11,32 Rangordnungen gegenüber dem typischen westlichen Muster. Zwölf Gruppen entsprachen sogar in allen 13 Vergleichen, darunter etwa die nördlichen Regionen der USA, Australien, mehrere westeuropäische Länder sowie Japan, die Niederlande, Portugal, Singapur und Ukraine. Ganz oben stand in allen 41 Gruppen Familie und Freunde, im Mittel mit 2,89 von 3,00 Punkten. Unten fanden sich in 38 Gruppen die „Villains“ (z. B. Mörder, Terroristen oder Kindesmissbrauch), im Gesamtdurchschnitt bei 0,58 von 3,00. Zwei robuste Ausnahmen sind genannt: In Hongkong, Thailand und Uganda werden kriminelle Gruppen ähnlich oder sogar leicht höher eingestuft als Pflanzen und Tiere mit geringerer Empfindungsfähigkeit.

Die größte inhaltliche Streuung verläuft entlang einer ganz konkreten Trennlinie: Wie bewerten Menschen „ferne“ Menschen im Vergleich zur nicht-menschlichen Natur? Priorisiert eine Kultur Outgroup-Mitglieder (z. B. ausländische Bürger oder politische Gegner) gegenüber der Umwelt, wird dieses Muster global seltener gefunden: Es tritt nur in 21 von 41 Gruppen auf. Häufiger ist dagegen, dass Outgroup-Mitglieder gegenüber Tieren mit hoher Empfindungsfähigkeit priorisiert werden (26 von 41 Gruppen). Dabei erklären die Autoren statistisch, dass beim Gruppenvergleich vor allem die konkrete Kategorie-Paarung einen großen Teil der Variation bestimmt, während die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kulturgruppe deutlich weniger erklärt. Zusätzlich zeigt sich auch eine Beziehung zur kulturellen Distanz zu den USA: Je näher Gesellschaften den US-Werten und -Normen ähnelten, desto häufiger blieb die moralische Hierarchie dem ursprünglichen Muster treu.

Bemerkenswert ist schließlich, dass „Gruppenähnlichkeit“ individuelle Unterschiede nicht automatisch abdeckt. Auf Ebene einzelner Teilnehmender liegt das Median-Matching bei nur 7 von 13 typischen Rangvergleichen, also deutlich niedriger als auf Gruppenebene. Besonders heterogen ist die Abwägung zugunsten menschlicher Outgroup-Mitglieder: Nur 38,25 % ordnen sie über der Umwelt ein, 44,72 % über Tiere mit hoher Empfindungsfähigkeit; bei der Trennlinie zwischen hoher und niedriger Empfindungsfähigkeit ist das Verhältnis ebenfalls nicht einheitlich. In den Daten bleibt dennoch ein starker Gleichlauf beim oberen Ende bestehen: 91,38 % platzieren Familie und Freunde über Ingroup-Mitgliedern. In einer inhaltlichen Einordnung hebt Bastian Jaeger genau diese Doppelspur hervor: „There have been quite a lot of studies recently on mapping people’s moral hierarchy… Most people showed a very similar ranking“ – und zugleich sei die Forschung oft zu sehr auf westliche Stichproben fokussiert gewesen. Die Studie nennt als Einschränkung außerdem, dass es sich durchweg um Universitätsstudierende handelt, die im Schnitt jünger, akademischer gebildet und politisch liberaler sein können als die allgemeine Bevölkerung.

Für die KI- und Unternehmenswelt ergibt sich daraus vor allem eine praktische Konsequenz: Wenn Systeme, die auf menschliche Werte, Risikoabwägungen oder Prioritäten trainiert werden, auf „einfachen“ Annahmen über moralische Kreise basieren, können sie bei Themen wie humanitären Entscheidungen vs. Umwelt schützen oder falsch gewichten. Die Studie zeigt, dass zwar die höchste Priorität für vertraute Beziehungen relativ stabil ist, aber ausgerechnet die Schwelle, ab der „fremde Menschen“ höher oder niedriger als Natur liegen, stark schwankt. Die Autoren planen daher eine vertiefte Analyse, warum Individuen bei der Abwägung zwischen menschlichen Fremden und der natürlichen Welt so deutlich auseinandergehen – und welche Eigenschaften oder Überzeugungen diese Unterschiede erklären könnten.

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