BONN / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende der Universitäts-Augenklinik Bonn testen einen KI-Chatbot, der Betroffene zwischen Arztterminen zu Symptomen und Lebensqualität befragt. Im Fokus stehen PROMs, also strukturierte Rückmeldungen aus dem Alltag statt nur Momentaufnahmen in der Sprechstunde. Geplant ist zudem eine sprachgesteuerte Variante, damit auch sehbehinderte und ältere Patientengruppen leichter teilnehmen können. Vor einer Routineeinführung sind laut Projektstand noch zusätzliche wissenschaftliche Schritte nötig.

Zwischen zwei Kontrollterminen in Praxis oder Klinik klafft bei chronischen Augenkrankheiten oft eine Informationslücke. Genau dort setzt ein Projekt an, das an der Universitäts-Augenklinik Bonn einen digitalen KI-Chatbot entwickelt: Er soll Betroffene in der Zeit zwischen den regulären Untersuchungen systematisch zu ihren Symptomen und zu ihrer Lebensqualität befragen. Ziel ist nicht, die ärztliche Diagnostik zu ersetzen, sondern die Versorgung durch kontinuierlichere Daten aus der Perspektive der Erkrankten zu ergänzen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt ein Stück weit: von Momentaufnahmen rund um die Untersuchung hin zu einem fortlaufenden Bild darüber, wie sich Sehkraft und Alltagsbelastung tatsächlich über Tage und Wochen verändern.
Technisch betrachtet ist die Wahl der Datengrundlage entscheidend. Das Bonner Vorhaben richtet den Blick auf sogenannte Patient-Reported Outcome Measures (PROMs): strukturierte Rückmeldungen von Erkrankten zu ihrem Gesundheitszustand, zu funktionellen Einschränkungen im Alltag und zum persönlichen Wohlbefinden. Der Chatbot sammelt diese Informationen kontinuierlich und soll damit die typischen Grenzen klinischer Termine abfedern, bei denen sich viele Veränderungen erst verzögert abbilden. Dass Betroffene den Rückgang der Sehkraft im Alltag häufig erst spät bemerken, ist dabei kein Randaspekt, sondern ein praktisches Problem für die Behandlungsplanung. Wenn Veränderungen nicht zeitnah erfasst werden, werden Therapieanpassungen unter Umständen zu spät angestoßen; mit regelmäßigeren PROMs wollen die Forschenden diese zeitliche Lücke verringern.
In der Versorgungstechnik hat die systematische Erhebung der Patientenperspektive in den vergangenen Jahren spürbar an Bedeutung gewonnen, weil sie medizinische Befunde ergänzt, die sich häufig gut messen lassen, aber den Alltag nicht automatisch abbilden. Für das Behandlungsteam eröffnet eine kontinuierliche Datengrundlage die Möglichkeit, Therapien gezielter an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Entscheidend ist dabei, dass PROMs nicht nur „zusätzliche“ Informationen sind, sondern ein anderer Blickwinkel: Sie machen subjektive Beschwerden und die im Alltag empfundene Belastung messbarer. Genau diese Verknüpfung ist für die Versorgungsforschung relevant, weil sie hilft, Wirksamkeit nicht allein über klinische Parameter zu bewerten, sondern auch darüber, wie sich Ergebnisse im täglichen Leben anfühlen.
Die Entwicklung soll außerdem über reine Textabfragen hinausgehen. Geplant ist eine Weiterentwicklung des Ansatzes zu einer sprachgesteuerten Schnittstelle, in der Betroffene ihre Beschwerden künftig mündlich schildern. Die KI soll die gesprochenen Angaben strukturiert erfassen und für die wissenschaftliche Auswertung aufbereiten. Das ist nicht nur eine Bediener-„Nice-to-have“-Funktion: Ein rein sprachbasierter Dialog kann Hürden bei der Nutzung digitaler Systeme senken, insbesondere wenn Seheinschränkungen die Interaktion mit Textoberflächen erschweren oder wenn ältere Patientengruppen andere Zugangswege bevorzugen. Für die technische Umsetzung bedeutet das zugleich, dass die Qualität der Spracheingabe und die Zuordnung zu PROMs-Strukturen im Forschungsdesign eine zentrale Rolle spielen werden.
Beim aktuellen Stand wird das Projekt als wissenschaftlicher Weg zur späteren Routineversorgung eingeordnet. Vorgestellt wurde das Forschungsvorhaben von PD Dr. Jan H. Terheyden an der Universitäts-Augenklinik Bonn, wie es in einem Bericht mit Datum 31. Oktober 2026 heißt. Demnach sind vor einer möglichen Übernahme in die reguläre Routineversorgung weitere wissenschaftliche Schritte nötig, um die Methodik eingehend zu prüfen. Inhaltlich knüpft der Beitrag zudem an ein Gespräch mit Prof. Sabine Wöhlke über PROMs an, was die inhaltliche Einordnung unterstreicht: Die systematische Erhebung der Patientenperspektive gewinnt in der Versorgungsforschung zunehmend an Relevanz, weil sie Befunde mit Lebenswirklichkeit zusammenbringt.
Für die Branche und für Entwickler in Digital Health ist damit vor allem ein Muster erkennbar: KI-gestützte Frage- und Dokumentationssysteme werden zunehmend dort gesucht, wo Latenzen im Versorgungsprozess die Qualität der Entscheidungen beeinflussen. Wenn die Datenerhebung zwischen Terminen funktioniert, lassen sich Therapiepfade potenziell früher und differenzierter nachsteuern; zugleich wächst der Anspruch an Datentransparenz, Auswertungslogik und daran, dass PROMs-Strukturen für unterschiedliche Nutzungsgruppen robust bleiben. Ob das Bonner System später flächig einsetzbar ist, hängt laut Projektstand genau von diesen Prüf- und Validierungsschritten ab. Klar ist aber schon jetzt: Die Kombination aus kontinuierlichem Monitoring, PROMs-Methodik und einer möglichen sprachbasierten Interaktion adressiert ein konkretes Versorgungsproblem, das im Alltag chronisch Erkrankter spürbar wird.
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