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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Placebo-kontrollierte Studie zeigt: Wird bei gesunden Frauen akut eine Entzündung ausgelöst, nehmen Symptome von Anhedonie vorübergehend zu. Gleichzeitig sinkt die Motivation, sich sozial zu verhalten. Die Forschenden sehen dabei nur begrenzte Effekte darauf, wie gut positive soziale Signale verarbeitet werden. Am deutlichsten ist der Zusammenhang zwischen dem Entzündungsmarker TNF-α in der Frühphase und dem Ausmaß der sozialen Ernüchterung.

Entzündung senkt Wohlgefühl und Sozialantrieb: Placebo-Studie
Entzündung senkt Wohlgefühl und Sozialantrieb: Placebo-Studie (Foto: IT BOLTWISE)
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Entzündung klingt zunächst nach einem rein körperlichen Thema. Die Ergebnisse einer randomisierten, placebokontrollierten Untersuchung deuten jedoch darauf hin, dass ein kurzfristig aufflammender Entzündungsreiz auch die psychologischen Belohnungssysteme beeinflusst. Konkret berichten 40 gesunde Frauen im Alter von 25 bis 44 Jahren nach einer experimentellen Entzündung vorübergehend über mehr Anhedonie – also eine verminderte Fähigkeit, Freude oder Interesse zu empfinden – und gleichzeitig über eine geringere Bereitschaft, sich mit anderen auszutauschen. Dass dieses Muster in einem Studiendesign mit doppelter Verblindung sichtbar wurde, macht die Beobachtung besonders interessant für die Frage, wie Immunaktivierung und Stimmung zusammenhängen.

Im Zentrum der Arbeit steht eine klassische Trennung innerhalb der Belohnungsverarbeitung: „wanting“ als Antrieb, etwas Angenehmes zu verfolgen, und „liking“ als tatsächliche Genuss- bzw. Freudenempfindung. Frühere Befunde seien laut Beschreibung uneinheitlich gewesen, wenn es um die Frage ging, ob Entzündung vor allem den Genuss verändert oder eher die Motivation dämpft. Für soziale Situationen ist die Dimension der „wanting“-Seite besonders plausibel, denn soziale Wertschätzung – etwa Zustimmung, Zugehörigkeit oder ein freundliches Lächeln – ist in der Regel eng mit der Erwartung und dem Antrieb verknüpft, sich überhaupt auf Interaktionen einzulassen. In dieser Studie wurde daher nicht nur auf Stimmungsfragebögen gesetzt, sondern auch auf Aufgaben, die soziale Belohnungssignale und deren Verarbeitung operationalisieren.

Methodisch setzte das Team um Chloe C. Boyle vom Norman Cousins Center for Psychoneuroimmunology an der University of California, Los Angeles, auf einen doppelblinden Versuch mit Entzündungsinduktion durch Endotoxin. Endotoxin ist ein Bestandteil der äußeren Membran gramnegativer Bakterien und löst, wenn es in den Blutkreislauf gelangt, eine kurzlebige Entzündungsreaktion aus. 18 Teilnehmerinnen erhielten eine niedrige Dosis Endotoxin per intravenöser Injektion, 22 erhielten Kochsalz als Placebo. Vor der Gabe und dann jeweils stündlich lieferten die Probandinnen Blutproben, mit denen sich Entzündungsmarker messen ließen; parallel wurden Müdigkeit und das Gefühl, krank zu sein, erhoben. Etwa zum Zeitpunkt des zu erwartenden Höhepunkts der Entzündungsreaktion füllten die Teilnehmenden außerdem Aufgaben zur Empfindlichkeit gegenüber positiven sozialen Hinweisen aus.

Für die emotionale Erkennung sah das Design vor, dass Gesichter schrittweise von neutral zu wütend, ängstlich oder fröhlich wechseln, während die Teilnehmenden möglichst schnell die Emotion identifizieren sollten. Eine zweite Aufgabe untersuchte die Aufmerksamkeitslenkung: Paare aus emotionalen und neutralen Gesichtern wurden kurz gezeigt, danach reagierten die Probandinnen auf einen Punkt, der an einer der Positionen erschien. Parallel dazu erfasste das Team die soziale Motivation über Ratings zu vier kurzen Aktivitäten – darunter das Gespräch mit einer anderen Person, ein Puzzlespiel, ruhiges Alleinsitzen und das Ansehen kurzer Filmclips. Diese Ratings lagen bereits vor der Injektion vor und wurden erneut zwei Stunden nach der Gabe erhoben; die Anhedonie wurde über einen Fragebogen vor sowie zwei und vier Stunden nach der Injektion erfasst.

Nach rund zwei Stunden zeigte sich ein klareres Muster zugunsten der Placebogruppe: Frauen, die Endotoxin erhalten hatten, berichteten mehr Anhedonie und weniger Lust, mit jemandem zu chatten, als die Teilnehmerinnen der Placebogruppe. Wichtig ist, dass der Motivationsabfall nicht breit über alle Aktivitäten hinwegging: Die Studie berichtet, dass das Endotoxin die Motivation für die nicht-sozialen Tätigkeiten – Puzzle spielen, Filme schauen oder allein sitzen – nicht signifikant veränderte. Auch nachdem die Forschenden die körperliche Krankheitswahrnehmung und Müdigkeit statistisch mitberücksichtigt hatten, blieben die Effekte auf Anhedonie und soziale Bereitschaft bestehen. Gleichzeitig war die Wirkung zeitlich begrenzt: Die Anhedonie-Werte kehrten vier Stunden nach der Injektion auf den Ausgangsstand zurück, obwohl die Entzündungsmarker weiterhin erhöht waren. In der Gruppe mit Endotoxin korrelierte zudem ein stärkerer Anstieg des Entzündungsproteins TNF-α in der ersten Stunde mit einem stärkeren Anstieg der Anhedonie und stärkeren Rückgängen in der Chat-Motivation.

Beim zweiten Themenblock – der Sensitivität gegenüber positiven sozialen Signalen – fielen die Resultate deutlich weniger eindeutig aus. Die Placebogruppe wurde in der zweiten Durchlaufaufgabe etwas genauer bei der Erkennung fröhlicher Gesichter, während die Endotoxin-Gruppe nicht nachlegte. Allerdings war die Ausgangsgenauigkeit im Placebo-Arm anfangs etwas geringer, weshalb dieser Kontrast nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren vorsichtig interpretiert werden sollte. In der Aufmerksamkeitsaufgabe wiederum fand das Team keine Effekte von Endotoxin auf die Frage, wo die Aufmerksamkeit hingezogen wurde. Insgesamt sprechen die Resultate damit eher für spezifische Belohnungswege, die durch Immunaktivierung beeinflusst werden, statt für eine generelle Störung der Verarbeitung positiver sozialer Reize. Die Studie ist in Psychoneuroendocrinology publiziert und trägt den Titel „Effects of acute inflammatory challenge on anhedonia and social reward processing: A randomized controlled trial of endotoxin“; Autorinnen und Autoren sind Chloe C. Boyle, Flora Blandl, Naomi I. Eisenberger, Richard Olmstead, Joshua H. Cho, Dominique Piber und Michael R. Irwin.

Für die Einordnung in den klinischen Kontext ist entscheidend, dass die Untersuchung mit einer kleinen, eng gefassten Stichprobe arbeitet: ausschließlich Frauen im Alter von 25 bis 44 Jahren. Die Autorinnen und Autoren weisen außerdem darauf hin, dass ein Endotoxin-Impuls eine kurze, intensive Entzündungsreaktion auslöst – während Depression bei vielen Menschen eher mit chronisch niedriggradigen oder komplexeren Entzündungsmustern einhergeht. Zudem interpretieren sie die sinkende Sozialbereitschaft im Rahmen akuter Krankheit auch als mögliche Anpassung: Wenn der Körper Energie für Immunprozesse priorisiert, kann das soziale „Zurückfahren“ adaptiv sein. Gleichzeitig wurde soziale Motivation über Selbstangaben zu hypothetischen Aktivitäten gemessen, nicht über beobachtetes tatsächliches Suchen sozialer Kontakte. Damit zeigt die Studie vor allem einen Mechanismus-Pfad auf, bleibt aber eine offene Frage, wie genau sich das in längerfristigen Krankheitsverläufen oder bei anderen Bevölkerungsgruppen replizieren lässt.

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