LONDON (IT BOLTWISE) – Jeremy Siegel rechnet für den NASDAQ Composite in einem KI-Enttäuschungsszenario mit einem Rückgang von bis zu 30 Prozent. Auslöser wären dauerhaft schwache Erträge aus KI-Investitionen, weil der Index stark auf wenige Technologie- und KI-bezogene Gewinner fokussiert ist. Siegel ordnet die Bewegung über Realzinsen ein und verweist auf die jüngste Rotation in Value-Aktien. Entscheidend sei als nächstes, ob sich Produktivitätsgewinne sichtbar in den Konjunkturdaten niederschlagen.

Jeremy Siegel setzt an einer sehr konkreten Schwachstelle an: Konzentration. In seinem am 19. Oktober veröffentlichten Kommentar skizziert der Senior Economist von WisdomTree und emeritierte Professor an der University of Pennsylvania ein Szenario, in dem die Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) dauerhaft nicht die erwarteten Gewinne abwerfen. Dann könne der NASDAQ Composite aus seiner Sicht um bis zu 30 Prozent nachgeben. Auffällig ist dabei nicht nur die Größenordnung, sondern auch die zeitliche Einordnung: Siegel verknüpft seine Warnung mit dem 39. Jahrestag des Schwarzen Montags von 1987, als Märkte besonders anfällig für selbstverstärkende Dynamiken waren.
Der Kernpunkt ist nicht, dass KI als Technologie scheitert, sondern dass die Kapitalmärkte sie zu eng bündeln. Der NASDAQ ist laut Siegel historisch stark an große Unternehmen mit KI-Bezug gekoppelt. Wenn Anleger dort Enttäuschungen erleben, wirkt das nicht isoliert auf einzelne Titel, sondern kann breit gestreute Wachstumswerte unter Druck setzen, weil viele Portfolios ähnliche Wetten enthalten. Siegel bezeichnet dieses Risiko als Ballung: Der Index wird verwundbar, sobald die erwartete Rendite der KI-Investitionen nicht zur Entwicklung der Unternehmensgewinne passt.
Damit kommt der nächste Mechanismus ins Spiel: frühere Phasen, in denen Nachfrage vorhanden war, aber der Kapazitätsausbau später die Erträge der größten Investoren drückte. In seinem Wochenkommentar vom 26. Oktober argumentiert Siegel zudem über die Rolle der Zinsen, konkret darüber, wie teuer Fremdfinanzierung für große KI-Projekte wird. Steigen die Finanzierungskosten, steigt der erwartete Renditedruck. Umgekehrt sinken die Kosten, wenn die Zinslandschaft sich entspannt. Für Anleger ist das deshalb mehr als eine abstrakte Makro-Story: Es entscheidet darüber, ob die Planungen für Rechenzentren, Chips und KI-nahe Infrastruktur wirtschaftlich im aktuellen Zinsumfeld noch „aufgehen“.
Die jüngste Marktspannung ordnet Siegel als Umschichtung von Wachstum hin zu Substanz ein. In der Woche vom 19. bis 23. Oktober beschreibt er für den NASDAQ einen der stärksten Ausverkäufe der jüngeren Vergangenheit, während gleichzeitig Substanzindizes wie der Russell Value Index und der S&P Value Index neue Hochs erreichten. Historisch sei eine derartige Abkehr zwar dramatisch, aber nicht beispiellos: Nach dem NASDAQ-Gipfel im März 2000 und dem anschließenden Rückgang um rund 60 Prozent stiegen Value-Aktien sogar und näherten sich neuen Spitzen. Eine Gleichsetzung mit der Dotcom-Zeit lehnt Siegel dennoch ab; für ihn liefert der Vergleich vor allem die Warnung, dass Diversifikation in Phasen schneller Stimmungswechsel nicht „optional“ ist.
Technisch lässt sich Siegels Mechanik an einem bekannten geldpolitischen Hebel festmachen: Realzinsen. Seine Argumentation lautet, dass die Erwartung umfangreicher Rechenzentrumsbauten und hoher KI-Ausgaben eine enorme Kapitalnachfrage erzeugt hat und die realen Zinsen nach oben trieb. Sobald Anleger jedoch zweifeln, ob der Ausgabenpfad die erwarteten Erträge dauerhaft trägt, kippt der Effekt. Im Wochenkommentar macht Siegel das an der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fest, die wieder unter 5 Prozent gefallen sei, was sowohl Anleihen als auch zinssensible Substanzwerte stützt. Entscheidend sei dabei laut Siegel eine Perspektive auf die Zinsen „gegen“ den dominierenden KI-Trend: Realzinslogik bleibt ein Gegenpol, selbst wenn das Thema KI langfristig Chancen bietet.
Für den nächsten Schritt fordert Siegel einen Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Daten, und zwar auf einen Punkt, der in der aktuellen Diskussion oft hinter dem Maschinenraum der Investments zurücktritt: Produktivität. In seinem Kommentar hält er fest, dass man zwar intensiv darüber rede, wie KI die Wirtschaft verändert, in den verfügbaren Statistiken aber noch keine entscheidende, KI-getriebene Beschleunigung der Produktivität sichtbar sei. Zudem nennt er als Orientierung, dass die Wachstumsprognosen für das dritte Quartal bei rund 3 Prozent liegen. Diese Kombination ist für Investoren relevant, weil sie die Plausibilität der Gewinnerwartungen in KI-Zyklen auf eine harte Probe stellt: Wenn Wachstum statt Produktivitätsboom nur „durch die Ausgaben“ getragen wird, steigt das Risiko einer späteren Margen- und Zinsnachfrage-Korrektur.
Aus der Rotation leitet Siegel außerdem eine klare Lehre ab. Anleger, die ausschließlich die Gewinner des KI-Booms besitzen, tragen laut ihm ein stärker konzentriertes makroökonomisches Risiko, als ihnen unter Umständen bewusst ist. Der nächste geldpolitische Fixpunkt ist für den Markt aus seiner Sicht die Fed-Sitzung im Dezember; Ende Oktober seien dort noch mögliche Zinserhöhungen eingepreist gewesen. Für Unternehmen und Portfolios heißt das praktisch: Wer KI-Fantasie kauft, sollte gleichzeitig prüfen, wie robust die eigenen Annahmen für Finanzierungsbedingungen, Kapazitätsauslastung und Produktivität über mehrere Quartale hinweg sind. Genau in diesem Zusammenspiel aus Zinsumfeld und Ertragsentwicklung verortet Siegel die Schwelle, an der aus „KI-Wachstum“ eine breit spürbare Korrektur werden kann.
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