LONDON (IT BOLTWISE) – Betriebe müssen nach Arbeitsschutzgesetz § 10 Notfälle organisatorisch und praktisch vorbereiten. Für Arbeiten auf Dächern und in der Höhe reichen rein theoretische Unterweisungen häufig nicht aus. Praxisnahe PSAgA-Trainings koppeln das Anschlagen gegen Absturz mit der Bergung und Rettung verunfallter Personen. Ergänzend legen DGUV Vorschrift 1 und die Dokumentationspflichten fest, wie die Rettungskette im Alltag funktioniert.

Wenn Handwerker auf Dächern oder an höher gelegenen Arbeitsplätzen arbeiten, ist der Absturz das Risiko mit der größten potenziellen Wirkung. Genau deshalb stellt der betriebliche Arbeitsschutz nicht nur Regeln auf dem Papier in den Mittelpunkt, sondern verlangt eine reale Einsatzbereitschaft im Notfall. Arbeitsschutzgesetz § 10 verpflichtet Arbeitgeber, Vorkehrungen für Erste Hilfe und sonstige Notfallmaßnahmen zu treffen. Im Alltag wird diese Pflicht allerdings oft dann spürbar, wenn es schon „zu spät zum Üben“ ist – und dann zeigt sich, dass reine Unterweisungen ohne Übungsbezug die Lücke zwischen Theorie und Handlungsfähigkeit nur unzureichend schließen.
In der Praxis setzen fundierte Trainings für Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) deshalb auf die Kombination aus Sicherung und Rettung. Statt ausschließlich zu vermitteln, wie ein Beschäftigter sich korrekt anschlägt, wird das Szenario weitergedacht: Was passiert, wenn die Person nach einem Sturz bewegungsunfähig wird und die Rettung innerhalb einer sinnvollen Zeitspanne eingeleitet werden muss? Typische Trainingsumgebungen nutzen dafür mobile Gerüstkonstruktionen, etwa mehrstöckige Gerüstwürfel, die gezielt für Schulungszwecke aufgebaut und danach wieder demontiert werden. An solchen Stationen üben Teams den Umgang mit standardisierten Sicherungskomponenten – und vor allem mit den Handgriffen, die in Stressmomenten sonst schnell vergessen oder falsch ausgeführt würden.
Technisch stehen in solchen Übungsaufbauten häufig Führungssysteme im Fokus, darunter die sogenannte Safety Line sowie Höhensicherungsgeräte. Diese Systeme sind darauf ausgelegt, im Falle einer Fehlbewegung den Fangstoß zu begrenzen und die betroffene Person unmittelbar zu arretieren. Für die Schulung ist das entscheidend, weil die Unfallrealität weniger „einfaches Sichern“ als vielmehr ein Folgeproblem ist: Die Rettung startet dort, wo die Sicherung funktioniert – aber eben nicht automatisch dafür sorgt, dass die Person ohne weiteres Zutun wieder in einen sicheren Zustand zurückkehrt. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn Retter über eine Kante arbeiten müssen und dabei der integrierte Bandfalldämpfer des Verunfallten bereits durch den Sturz aufgerissen ist. In genau solchen Fällen greifen Rettungskonzepte auf Rettungsklemmen zurück, um das Verbindungsmittel oberhalb der blockierten Stelle zu fassen und eine kontrollierte Entlastung herbeizuführen.
Zur betrieblichen Notfallorganisation gehört neben dem Material immer auch das Zusammenspiel von Team, Dokumentation und Zuständigkeiten. DGUV Vorschrift 1 konkretisiert die betriebliche Pflicht zur Notfallorganisation unter anderem über die Anzahl der Ersthelfer: Nach der Regelung müssen Betriebe ab zwei anwesenden Versicherten mindestens einen Ersthelfer stellen; bei 2 bis 20 anwesenden Versicherten ist ebenfalls ein Ersthelfer erforderlich. Bei mehr als 20 anwesenden Versicherten liegt die Quote in Verwaltungs- und Handelsbetrieben bei fünf Prozent, in sonstigen Betrieben – zu denen auch Handwerksbetriebe zählen – bei zehn Prozent. Dass praktische Schulungen dabei „regelmäßig“ stattfinden müssen, ist in der Logik der Rettungskette angelegt: Nur wenn Handgriffe wiederholt werden, greifen Schnittstellen zwischen Melden, Sichern, Retten und medizinischer Erstversorgung im Ernstfall ineinander. Parallel spielt die Dokumentation aller Sicherheitsmaßnahmen eine zentrale Rolle, weil sie Haftungsrisiken reduziert und gegenüber Aufsichtsbehörden nachvollziehbar macht, dass Unterweisung, Gefährdungsbeurteilung und Notfallplanung zusammenwirken.
Auch bei der konkreten Bergung wird im Training nicht beim Anschlagen stehen geblieben, sondern das Spektrum realer Optionen wird durchgespielt. So werden kombinierte Bergungssysteme erprobt, bei denen Geräte wie ein Rettungssystem mit Seilzugtechnik in Verbindung mit einem JAG-System die kontrollierte Anhebung und Entlastung einer im Seil hängenden Person ermöglichen. Wenn das Ablassen aus baulichen oder geländebedingten Gründen nicht möglich ist, wird alternativ die Rettung nach oben trainiert, etwa über textiler Evakuierungsleitern, über die ein gesicherter Aufstieg oder eine geführte Übergabe erfolgen kann. Wichtig ist dabei weniger die „Marke“ im Schulungsraum als die Fähigkeit, das richtige Verfahren zur richtigen Situation zuzuordnen – und das gelingt am besten, wenn Teams zuvor Bewegungsabläufe unter realitätsnahen Bedingungen festigen.
Damit Trainings und Organisation nicht als zusätzliche Büroarbeit enden, müssen Betriebe sie konsequent mit der Gefährdungsbeurteilung verzahnen. Genau hier setzen Hilfsmittel an, die Grundstruktur und Checklisten für rechtssichere Gefährdungsbeurteilungen erleichtern sollen – denn im Ergebnis zählt, dass Maßnahmen im Betrieb tatsächlich begründbar und nachvollziehbar sind. Für Führungskräfte heißt das: PSAgA-Übungen sind nur dann wirksam, wenn die Einsatzplanung dahintersteht, Ersthelfer und Zuständigkeiten klar sind und Notfallmaßnahmen nicht bei einzelnen Personen „im Kopf“ bleiben. Wer so vorbereitet ist, reduziert nicht nur das Risiko körperlicher Schäden durch Abstürze, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass Rettungskette und Einsatzablauf in Sekunden statt erst in Stunden funktionieren.
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